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Gruß aus Bochum: Das verschwundene Vereinshaus

Teil 82

Bis zum Zweiten Weltkrieg stand nicht weit vom Rathaus entfernt das „Evangelische Vereinshaus“ an der Mühlenstraße. Es wurde vor 120 Jahren eingeweiht und war lange eines der Zentren des Bochumer Gesellschaftslebens. Heute ist es fast völlig in Vergessenheit geraten.

BOCHUM

von Von Frank Dengler

, 18.06.2012

Erbaut wurde das Vereinshaus auf einem Grundstück nördlich des Rathauses. Der Baubeschluss erging 1890, im Jahr darauf erfolgte die Grundsteinlegung, und pünktlich zum 375. Jubiläum von Luthers Thesenanschlag im Jahr 1517 schritt die evangelische Kirche 1892 zur feierlichen Einweihung. Die Baukosten waren mit etwa 300 000 Mark recht hoch, allerdings entstand so ein eindrucksvolles Gebäude.

Dies zeigt die Ansichtskarte von 1899, die freundlicherweise von Hansi Hungerige zur Verfügung gestellt wurde. Das Vereinshaus, mit dem Eingang rechts an der Mühlenstraße, weist eine vielfältige Gliederung auf, zahlreiche Giebel und einen vorspringenden Mittelteil mit flankierenden Türmen. Vor dem Gebäude sowie im Garten sind Tische und Stühle aufgestellt. Innen enthielt das Vereinshaus eine Restauration und mehrere Gesellschaftsräume und kleine Säle. Am beeindruckendsten war jedoch der „Kaisersaal“, der 2000 Personen fassen konnte und über eine Bühne verfügte.

Das Haus wurde nicht allein für Gemeindeversammlungen und Treffen der evangelischen Körperschaften und Vereine genutzt. Es diente häufig auch für Konzerte und Theateraufführungen. So etablierten sich in den 1890er Jahren regelmäßige „Vereinshauskonzerte“. Gastspiele auswärtiger Theater fanden hier mindestens bis in den Ersten Weltkrieg hinein statt. So wurde das Vereinshaus ein wichtiger Faktor im Bochumer Gesellschaftsleben, nicht zuletzt durch seine günstige Lage in der Innenstadt, wie sie auf der Luftbild-Karte von 1934 zu erkennen ist.Das Vereinshaus liegt hinter dem Rathaus, zwischen ihnen die evangelische Schule. Am oberen Bildrand (angeschnitten) befindet sich die katholische Josefskirche. Die enge Nachbarschaft des Evangelischen Vereinshauses zur anderen Konfession zeigt sich auch auf der älteren Karte, wo im Hintergrund die katholische Schule und die Turmspitzen der Josefskirche sichtbar sind. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Vereinshaus völlig zerstört und nicht wieder aufgebaut; in der Nachkriegszeit änderten sich zudem die Straßenführungen.

Das Luftbild von 1934 zeigt rechts des Rathauses und des Vereinshauses die ehemalige Mühlenstraße. Auf Rathaushöhe entspricht ihr heute die Hans-Böckler-Straße. Dort, wo das Vereinshaus stand, liegen nun das Technische Rathaus und der Appolonia-Pfaus-Park – die Mühlenstraße ist verschwunden. Nur ein Teilstück bis zum Westring existiert noch, und zwar seit 1979 unter dem Namen Windmühlenstraße. Somit ist es nicht mehr möglich, den genauen Standort des Fotos von 1899 einzunehmen, da dieser heute mitten im Technischen Rathaus wäre. Vom Evangelischen Vereinshaus, welches vor seiner Zerstörung eine größere Grundfläche als die benachbarte Josefskirche hatte, findet sich vor Ort keine Spur mehr.   

Der Appolonia-Pfaus-Park
Der kleine Park zwischen Technischem Rathaus, BVZ und Josefskirche wurde auf einer Fläche angelegt, die durch die Neuordnung der Nachkriegszeit entstanden war. Er blieb lange Zeit namenlos, und seit den 1980er Jahren bürgerte sich die Bezeichnung „Windmühlen-Park“ ein. 2004 erhielt die Grünanlage den offiziellen Namen nach Appolonia Pfaus, geboren 1879 in der Schweiz, bis 1943 wohnhaft in Bochum, von hier deportiert und 1944 im KZ Auschwitz gestorben. Die Benennung erfolgte „stellvertretend für die Sinti und Roma, die von den Nazis verfolgt und umgebracht wurden“, wie eine Inschrifttafel am Park erklärt.