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Gruß aus Bochum: Kanonen im Griesenbruch

Folge 179

In den 1870er-Jahren entwickelte sich im Griesenbruch ein dicht bevölkertes Quartier, in dem hauptsächlich Arbeiter des Bochumer Vereins mit ihren Familien wohnten. Wegen der dort häufig zu sehenden Arbeitskleidung war es in Bochum bald als "Blaubuxenviertel" bekannt.

BOCHUM

von Frank Dengler

, 10.05.2016

Karl Arnold Kortum beschrieb Griesenbruch 1790 als „ein felsichtes, gesträuchvolles Thal, eine halbe Viertelstunde von der Stadt entlegen“. Wirtschaftlich genutzt wurden dort ein Steinbruch und einige Wiesen. Von einer Bebauung war noch nicht die Rede. Dies änderte sich erst zur Zeit des deutsch-französischen Kriegs 1870/71, als die Anlage der Straßen im Griesenbruch begann.

Patriotismus und Überheblichkeit

Obwohl die vollständige Erschließung bis um 1900 andauerte, erfolgte die Benennung der neuen Straßen schon in den 1870er-Jahren. Sie spiegelten den damaligen Zeitgeist wider, welcher von Patriotismus und Euphorie über die Gründung des Kaiserreichs, aber auch von Militarismus und Überheblichkeit gegen den „Erbfeind“ Frankreich geprägt war. So erinnerten einige Straßen an wichtige Schlachten 1870/71 (Sedan, Metz, Spichern) und eroberte Gebiete (Elsass, Lothringen).

Die Monarchie war in der König- und der Kronprinzenstraße verewigt; wichtige preußische Militärs durften ebenso wenig fehlen. So wurden die Generalfeldmarschälle Albrecht von Roon (1803-79, preußischer Kriegsminister 1859-73) und Helmut von Moltke (1800-91, Generalstabschef 1858-88) noch zu Lebzeiten durch eine Straße beziehungsweise den neuen zentralen Platz („Moltkemarkt“) im Griesenbruch geehrt.

Eine Restaurant namens "Zur Kanone"

Die damalige Militär- und Kriegsbegeisterung blieb nicht auf Straßennamen beschränkt, sondern äußerte sich manchmal auch in der Benennung von Gaststätten, wie beim Restaurant „Zur Kanone“. Die Ansichtskarte von 1916 zeigt den Blick in die von der Marienkirche zum Moltkemarkt führende Marienstraße (seit 1979 Maximilian-Kolbe-Straße). Im Vordergrund kreuzt die Roonstraße (Schmidtstraße), rechts ist das Lokal zu sehen. Das Gebäude gehörte zu den ersten im Griesenbruch und war um eine Etage niedriger als die späteren Nachbarhäuser.

Nach Recherchen von Hans Joachim Kreppke eröffnete Wilhelm Janzen bereits 1872 eine „Schenkwithschaft“ in dem Haus. Sein Sohn Fritz gab dem Lokal dann 1897 den Namen „Kanone“. Auch bei einem Besitzerwechsel zu Otto Pauli 1937 behielt dieser die Bezeichnung bei. Für die Namensgebung mag auch die Nähe des Bochumer Vereins eine Rolle gespielt haben, der an der Alleestraße eine eigene Kanonenwerkstatt errichtet hatte. In der Kolonie Stahlhausen gab es damals zudem eine „Kanonenstraße“.

Straßen 1947 übersehen?

Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten nicht nur die Trümmer im beinahe vollständig zerstörten Griesenbruch beseitigt werden, sondern es sollte auch die Tradition des preußisch-deutschen Militarismus durch neue, demokratische Vorbilder ersetzt werden. 1947 wurde deshalb eine ganze Reihe von Bochumer Straßen und Plätzen umbenannt. Im Griesenbruch wurde aus der Roon- die Schmidtstraße und aus dem Moltkemarkt der Springerplatz (siehe Infobox). Andere ersetzte man durch unverfängliche weibliche Vornamen oder Ortsbezeichnungen. Von den „patriotischen“ Straßen der 1870er-Jahre tragen heute nur noch die Elsaß- und die Metzstraße ihre ursprünglichen Namen – ob sie 1947 wohl übersehen wurden?

Der heutige Blick auf die Kreuzung von Maximilian-Kolbe- und Schmidtstraße zeigt, dass die gesamte Bebauung aus der Nachkriegszeit stammt und aufgelockerter ist als zuvor. Auf dem Eckgrundstück, wo die „Kanone“ stand, ist kein Neubau errichtet worden. Es dient nun einem Autohändler als Parkplatz.

- Der Moltkemarkt und die Roonstraße wurden 1947 nach Widerstandskämpfern gegen das NS-Regime umbenannt.
- Karl Springer (1895-1936) war KPD-Mitglied, Redakteur und Stadtverordneter. Er starb an den Folgen der in der NS-Haft erlittenen Misshandlungen.
- Albert Schmidt (1893-1945) war 1926-38 Pfarrer an der ev. Christuskirche und ein Wortführer der „Bekennenden Kirche.“ Von den Nazis wurde er zeitweise in ein KZ „ausgewiesen.“

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