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Hagen Rether erklärt die Welt

Zeltfestival Ruhr

Dieser charmante, freundliche Mann mit dem lustigen Pferdeschwanz, spricht so bitterböse, teils zynische Sätze. Wahrheiten. Amüsiertes Lachen und innere Empörung wechseln sich bei Hagen Rether wie bei keinem anderen Kabarettisten ab. Erschreckend: Die Empörung gilt dem eigenen Ich.

BOCHUM/WITTEN

von Von Benedikt Reichel

, 26.08.2010

Er sitzt auf der Bühne, hat es sich in einem Bürostuhl mit Kippellehne bequem gemacht. Vor ihm steht ein schwarzer Flügel. Er posiert ein bisschen für die Fotografen, dann beginnt er zu plaudern. Hagen Rether erzählt, berichtet, klärt auf, prangert an. Politik und Religion, Massenmedien und Konsumgesellschaft, Krieg und Globalisierung sind die Themen an denen sich der Essener Kabarettist am Donnerstagabend beim Zeltfestival abarbeitete. Er bleibt dabei stets ruhig, höflich. Hin und wieder untermalt er seine Rede mit melodiösen Klavierklängen. Er wird niemals laut. Obwohl er die Widersprüche und Idiotien unserer Gesellschaft herausschreien möchte.

 Ein Beispiel: „Einem Spitzenpolitiker Populismus vorzuwerfen, ist absurd“, sagt Rether. „Dann können Sie einem Spitzensportler gleich vorwerfen, dass er schwitzt.“ Oder. „Wer einen Polizisten angreift, dem drohen bis zu zwei Jahren Haft. Wer ein Polizeiauto beschädigt, kann bis zu fünf Jahre bekommen.“ Selten wurde Materialismus treffender beschrieben.Noch einer? „Wir sind ein Volk von Steuersündern und Zumwinkel musste für uns am Kreuz sterben“, sagt Rether. „Schumacher sitzt in der Schweiz und lacht sich eins, bleibt aber unser Idol.“ Sein Programm trägt seit den ersten Solo-Auftritten den Titel Liebe. „Unter Marketing-Gesichtspunkten ist das latent suizidal“, räumt Rether ein. Vom Titel sollte sich niemand täuschen lassen.

 Lässt er die circa 2000 Gäste im großen Festival-Zelt vor der Pause noch lachen, hält er ihnen gerade am Ende des fast dreistündigen Programms den Spiegel vor. Er pflückt die aktuelle  Weltpolitik auseinander und betont stets: „Wir müssen immer mit zweierlei Maß messen.“ Er lässt es still werden im vollbesetzten Zelt, wenn er über vergessene Flutopfer in Haiti, vergewaltigte Frauen in Afrika und tote Soldaten in Afghanistan spricht. „Ist doch egal“, ruft er dem Publikum entgegen, dem der letzte Lacher im Hals stecken geblieben ist. Er macht aus der westlichen Welt die dritte, lässt gedanklich den „fetten Herren aus Bangkok“ zu den Töchtern nach Deutschland kommen – weil die so viel billiger sind. Den Zuhörer lassen derartige Sätze, von denen Hagen Rether viele und für jeden den passenden dabei hat, vor Scham erstarren. Rether: „Wir haben halt die bessere Moral.“