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Der Weg vom Gastarbeiter-Kind zum engagierten Gewerkschafter

Ali Özbay

Im November 1969 war der Rummel um Ismail Bahadir aus Anatolien als millionstem türkischen Gastarbeiter groß. Er war nicht der letzte, der sich anwerben ließ. Zwei Jahre später saß in einem der Züge auch Ahmed Özbay aus Zonguldak, einer türkischen Bergbauregion. "50 Stunden Zugfahrt ins Ruhrgebiet, das war eine Tortur", erzählt Ali Özbay, der Sohn, der seit 1999 auf Schacht Auguste Victoria 8 in Lippramsdorf-Freiheit über- und untertage arbeitet.

HALTERN

, 22.11.2014
Der Weg vom Gastarbeiter-Kind zum engagierten Gewerkschafter

Das Zuhause von Ali Özbay und seiner Familie ist das Ruhrgebiet. Seit 1999 arbeitet er auf Schacht Auguste Victoria 8 in Lippramsdorf-Freiheit.

Alis Lebensgeschichte in Deutschland begann 1977: Im Alter von elf Jahren holte sein Vater ihn nach. Marl wurde zur Heimat von Ali, seinen Eltern und drei Geschwistern. „Alle sind geblieben. Mein Vater wollte als Rentner nicht zurück in die Türkei“, auch für Ali Özbay (48) und seine Familie kommt eine Rückkehr nicht infrage. „Seit 2001 bin ich eingebürgert. In der Türkei habe ich zwar meine Wurzeln, aber meine Frau Armagan und ich machen dort nur noch Urlaub, um Verwandte zu besuchen.“ Ihre vier Kinder sind in Deutschland geboren, haben zum Teil selbst schon Familien gegründet. Das Ruhrgebiet ist ihr Zuhause.

Ali Özbay ist Energieanlagen-Eletroniker von Beruf und seit 2001 als Betriebsrat des Bergwerks freigestellt. Haltern kennt er gut. Viele Male schon besuchte er das Adolf-Schmidt-Bildungszentrum (früher Gewerkschaftsschule) am Stausee, um sich das Rüstzeug für seine gewerkschaftliche Tätigkeit zu holen. „Der Hauer Mikail Zopi, der frühere Leiter der Halterner Einrichtung, war übrigens der erste türkische Funktionär der IG Bergbau“, wirft Ali Özbay ein.

Ein fremdes Land, eine fremde Sprache und eine fremde Kultur, große Hoffnungen, große Träume: Für den damals Elfjährigen war der Start nicht leicht. Aber er arbeitete ehrgeizig und zielstrebig. Ali Özbay besuchte die Hauptschule, wechselte nach der 9. Klasse zur Berufsfachschule mit Schwerpunkt Elektrotechnik, bewarb sich bei der Zeche und wurde aufgrund seiner guten Leistungen direkt ins zweite Ausbildungsjahr übernommen. Am Ende schloss er als erster türkischer Jugendlicher der zweiten Generation die Ausbildung zum Elektriker mit der Note „sehr gut“ ab. „Ich habe sehr viel gelernt. Als ich in Marl ankam, konnte ich kein Deutsch. Es gab damals aber Vorbereitungsklassen, damit wir Anschluss fanden“, erinnert sich der Bergmann.

Anschluss finden – das war immer das Ziel von Ali Özbay. Deshalb engagiert er sich seit Jahren ehrenamtlich. Zum Beispiel in der Christlich-Islamischen Arbeitsgemeinschaft Marl. „Uns verbindet die Verantwortung für Respekt und Toleranz, für Verständigung und Akzeptanz, für Begegnung und Frieden zwischen den Religionen und im Gemeinwesen“, zitiert der 48-Jährige aus der Zielsetzung dieser Arbeitsgemeinschaft. Er ist Vorsitzender der türkischen Gemeinde und ist damit verantwortlich für die Kuba-Moschee in Marl-Hüls. Ali Özbay gehört außerdem auf Landesebene dem interkulturellen Arbeitskreis Migration/Integration der Gewerkschaft IG BCE an.

Ali Özbay lebt türkisch-deutsche Gemeinschaft. „Ich kenne keine Berührungsprobleme, weder in der Nachbarschaft noch auf der Zeche.“ Als Kumpel sei man ohnehin gegenseitig auf die anderen angewiesen. „Das funktioniert nur miteinander und nicht gegeneinander, egal welcher Landsmann man ist.“ Wenn die Zeche Ende 2015 schließt, geht Ali Özbay in die Anpassung. Seine Zukunft ist gerettet, die der Kohle nicht. „Es ist kaum vorstellbar, dass wir alle gehen müssen.“ Dass sein Vater ihn geholt hat, dass er bleiben konnte, das macht ihn noch heute glücklich. „Eine andere Heimat als Deutschland kommt für mich nicht in Frage“, sagt Ali Özbay. 

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