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Wie ein 16-jähriger Halterner den Weg in die Schule zurückgefunden hat

Schulverweigerer-Projekt

Schuljahr für Schuljahr saß Robin* teilnahmslos im Unterricht, ab Klasse 7 wurde es besonders schlimm. Er legte demonstrativ den Kopf auf den Tisch, ihn interessierte nichts. Bis er zu „Back Up“ kam.

Haltern

, 06.07.2018
Wie ein 16-jähriger Halterner den Weg in die Schule zurückgefunden hat

Back Up“ geht weiter: Aus Freude darüber backten die Jugendlichen Muffins für Jugendamtsleiter Gisbert Drees, Klaus-Jürgen Miegel (Jugendamt), Katharina Schalk und Harry Junghans (AWO), Dr. Bärbel Kerkhoff und Felix Wirtz (Gelsenwasser-Stiftung), Anna Rizon (AWO), Bürgermeister Bodo Klimpel sowie Vivien Füller (AWO) © Foto:Elisabeth Schrief

An seine Schullaufbahn hat Robin* (*Name von der Redaktion geändert) keine guten Erinnerungen. Schon in der Grundschule war er relativ desinteressiert und konnte sich, so sagt er, schlecht auf den Unterricht konzentrieren. Er wechselte nach der 4. Klasse zur Joseph-Hennewig-Hauptschule, von dort zur Förderschule – obwohl er keinen Förderbedarf hatte – und dann zur Erich-Kästner-Hauptschule Buldern. Ab Klasse 7 verweigerte er sich vollends. „Ich saß teilnahmslos im Unterricht, statt zu lernen habe ich meine Mitschüler gestört oder einfach den Kopf auf den Tisch gelegt. Als Folge wurde ich von den Anderen weggesetzt, in den Pausen war ich letztlich Außenseiter. Aber das hat mir nichts ausgemacht. Hausaufgaben habe ich nur erledigt, wenn es zu Hause mal wieder Riesen-Theater gab“, erzählt Robin, der noch zwei Geschwister hat. Irgendwann bekam er ein Attest::„schulunfähig“. Er durfte zwei Monate nicht zum Unterricht kommen.

Teilnahme ist freiwillig

Robin weiß, dass er seine Eltern sehr strapaziert hat. Eine Hausaufgaben-Hilfe gab der Familie letztlich den Tipp, sich an das neue Schulverweigerer-Projekt „Back Up“ zu wenden. Das hatte am 1. Mai 2017 als Gemeinschaftsidee von Stadt und Arbeiterwohlfahrt in der Erich-Kästner-Schule begonnen. Robin bekam in Absprache mit dem Jugendamt und den Eltern Erziehungsbeistand: Jochen Rottstege aus Marl begleitete den Schüler fortan.

Am 30. August erschien Robin das erste Mal in der Projektklasse: Kapuze über den Kopf gezogen, nur keinen an sich heranlassen. „Ich war gar nicht an diesem Projekt interessiert, kam anfangs immer zu spät“, erzählt er. Zwei Monate ging das so, bis Robin erkannte, dass er ein Ziel brauchte. „Die Zuwendung hier hat mir ganz viel gebracht“, sagt er selbst. Die Verantwortlichen des Projektes, Katharina Schalk und Vivien Füller, sahen diese Veränderung mit Wohlwollen. „Es ist wichtig, den Jugendlichen zuhören, sie anzunehmen, wie sie sind und nach ihren Bedürfnissen zu schauen“, sagt Katharina Schalk. Die Teilnahme am Schulmüden-Programm ist freiwillig. Im ersten Jahr wurden 18 Jugendliche betreut, ein Teil davon besuchte die Projektklasse. „Drei Jugendliche haben abgebrochen. Es gibt auch hoffnungslose Fälle, in denen wir nicht mehr helfen können“, bedauert Katharina Schalk. Zu denen aber gehört Robin nicht.

Den Druck genommen

Er durfte bei „Back Up“ der sein, der er war: extrem in sich gekehrt. Aber er brauchte auch klare Ansagen. „Der heute 16-Jährige machte noch während der Betreuung in dem Projekt ein Langzeitpraktikum, schaffte am Ende auch die Rückschulung. Davor hatte er große Angst. „Der berühmte Tag 1 war ein wichtiger Schritt für Robin, aber er hat ihn gemeistert“, erzählt Katharina Schalk stolz.

Robin weiß, wem er diese Kehrtwende zu verdanken hat: „Ich war sehr erleichtert, dass ich zu ‚Back Up‘ gehen konnte. Ich wurde wertgeschätzt. Das hat mir den Druck und den Stress genommen.“ Heute versteckt sich Robin nicht mehr unter einer Kapuze. Jochen Rottstege sagt über seinen Schützling: „Meine Aufgabe ist beendet, aber ich werde Kontakt halten. Dieser Kerl ist überragend.“ Robin hat den Hauptschulabschluss nach Klasse 9 geschafft und eine Ausbildungsstelle als Landschaftsgärtner in Aussicht.

Engagierter Bürgermeister

Das Schulverweigerer-Projekt „Back Up“ läuft erfolgreich, aber es stand auf der Kippe. Bis Bürgermeister Bodo Klimpel seine guten Kontakte in Gelsenkirchen nutzte. Dr. Bärbel Kerkhoff und Felix Wirtz, Geschäftsführer der Gelsenwasser-Stiftung, kamen daraufhin mit einer Nachricht in die Erich-Kästner-Schule, die allen die Sprache verschlug. In den kommenden drei Jahren wird die Stiftung das Projekt mit jeweils 30.000 Euro unterstützen. Ohne diese Hilfe hätten Jugendamt und Arbeiterwohlfahrt spätestens 2019 die Segel streichen müssen. Denn eine beantragte Förderung beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe hatte keinen Erfolg. „Dieses Projekt hat sehr positive Effekte, wir werden erneut eine Landesförderung beantragen“, gibt sich Klimpel nicht geschlagen. Back Up kostet monatlich 7500 Euro, 2500 Euro zahlt künftig die Stiftung, den Rest stockt zunächst die Stadt auf.

Projektklasse

Die Schüler, die derzeit täglich von 9 bis 12.20 Uhr die Projektklasse in der Erich-Kästner-Schule besuchen, hatten für ihren Besuch extra Muffins gebacken, sich dann aber zurückgezogen. Sie möchten nicht in der Öffentlichkeit stehen. Katharina Schalk und Vivien Füller, die „Back Up“ leiten, sowie Anna Rizon (AWO-Teamleitung) und Geschäftsführer Harry Junghans empfingen stattdessen die Gäste aus dem Rathaus und von der Gelsenwasser-Stiftung. „Wir stillen das Grundbedürfnis der jungen Menschen nach Zugehörigkeit“, betonte Katharina Schalk. „Back Up“ gibt den schulmüden Schülern eine neue Tagesstruktur, sie erhalten soziales Kompetenztraining und erledigen Aufgaben in Mathematik, Deutsch und Englisch, mittwochs werkeln sie im Trigon.

Verspätung nicht erlaubt

„Mit Ordnungsmaßnahmen erreichen wir bei Schulverweigerern nichts, mit diesem Projekt hingegen viel“, sagte Klaus-Jürgen Miegel vom Jugendamt. „Back Up“ beruht auf Freiwilligkeit, wer sich darauf einlässt, hat allerdings Anwesenheitspflicht. Schon eine zweiminütige Verspätung wird notiert.

In Haltern gab es im letzten Schuljahr in den Klassen 6 bis 9 insgesamt 18 Schulverweigerer (davon elf Mädchen), 15 Plätze stehen in der Projektklasse zur Verfügung. Die Jugendlichen sind teilweise krank oder traumatisiert. Ziel ist, die Jugendlichen zurück an die Schulen zu holen.

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