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Zwischen Freiheit und Hölle

Joseph-König-Gymnasium ermöglichte Gedenkstättenfahrt

Erstmals organisierte das Joseph-König-Gymnasium eine Gedenkstättenfahrt. Schüler der Jahrgangsstufe 11 besuchten die Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek und Belzec in Polen. Dort wurde ihnen das Grauen der NS-Zeit erst richtig bewusst.

Haltern

, 19.06.2018
Zwischen Freiheit und Hölle

Unweit der Stadt Lublin, die die Gedenkstättenfahrer als sehr schön beschrieben, befindet sich das Konzentrationslager Majdanek. Die Eindrücke dort waren für sie erschütternd, ein „echtes“ Gruppenbild hätte ihrer Meinung nach nicht ins Bild gepasst. © Photographer: Lars Michaelis, Es

In den Jahren 1941 bis 1944 wurden unter der Herrschaft der Nationalsozialisten 150.000 Menschen in das Konzentrationslager Majdanek deportiert. 25 Schüler des Joseph-König-Gymnasiums besuchten dieses ehemalige, am 23. Juli 1944 befreite Lager in der Nähe von Lublin. Damals war es das am weitesten östlich gelegene deutsche KZ. Außerdem fuhren sie zur ehemaligen Todesfabrik Belzec, wo über 400.000 Juden und Roma in Gaskammern getötet wurden. „Ohne intensive Vorbereitung vorab hätten wir die Eindrücke nicht verarbeiten können“, sagen Yannik Schröer, Malcolm Thrun und Marlene Pöter im Rückblick.

Es war die erste Gedenkstättenfahrt des Joseph-König-Gymnasiums. Die Schüler hoffen, dass es nicht die letzte war. „Im Geschichtsunterricht ist uns nie so bewusst geworden, welche Dimensionen sich hinter der Verfolgung und Vernichtung von Juden und Andersdenkenden verbargen. Vorher erschien uns das abstrakt, heute sehen wir diesen Teil der Geschichte mit ganz anderen Augen“, erzählt Yannik Schröer. Begleitet wurden die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 11 Anfang Juni von den Lehrern Susanne Baldauf-Grothus und Stefan Temp.

Arbeiten, leiden, sterben

Der Weg zwischen Freiheit und Hölle wird in Majdanek markiert durch ein künstlerisch gestaltetes Tor aus gequälten Körpern und dem Mausoleum mit der Asche getöteter Insassen. Diesen Weg gingen die Schüler: „Das war auf den ersten Blick imposant, auf den zweiten sehr bedrückend“, erinnert sich Marlene Pöter. „Wir haben dort gestanden, wo andere gelitten haben. Das ging uns schon sehr nahe.“ Es sei heiß und stickig gewesen an diesem Tag, zwischendurch regnete es. Ein bisschen habe er sich vorstellen können, wie das früher war: Zwölf Stunden harte Arbeit bei jedem Wetter und dann eingepfercht zu sein, so Malcolm Thrun. Die KZ-Insassen wurden hauptsächlich in den „Deutschen Ausrüstungswerken“ und den SS-Bekleidungswerken zur Verarbeitung des Eigentums der ermordeten Juden für den Frontbedarf eingesetzt. Häftlinge, deren Arbeitskraft die SS nicht oder nicht mehr nutzen konnte, ermordete sie in Gaskammern. Zur Verbrennung der Leichen ließ man ein Krematorium mit fünf Brennöfen bauen.

In Belzec, so erzählen die Schüler, sollte Gras über die Greueltaten wachsen. Von den 500.000 ermordeten Juden sollten keine Spuren bleiben. Die Leichen wurden erst in Massengräbern verscharrt, dann ausgegraben, auf einem aus Bahnschwellen konstruierten Scheiterhaufen verbrannt und von Maschinen zermalmt. Danach wurde ein Bauernhof auf die Erde des Grauens gebaut. Heute steht hier eine Gedenkwand, auf der Vornamen von A bis Z geschrieben stehen. Es waren auch den Schülern vertraute Namen dabei. Niemand weiß mehr, wie die Getöteten wirklich hießen.

Beten mit Brotkrümeln

Die Gefühle seien schwer zu beschreiben, sagten die drei Schüler im Gespräch. Es gebe fast keine Worte dafür. Berührt fühlte sich Marlene Pöter durch die Erkenntnis, dass Gefangene trotz allem immer noch Hoffnung auf ein Überleben und auf ein Wieder-nach-Hause-Kommen schöpften. Sie klammerten sich an Symbole, wie zum Beispiel an einen Rosenkranz aus Brot. Auf der anderen Seite in den Archiven von den Tätern zu lesen, habe sie alle sehr erschüttert. „Wie können Funktionsträger eines Staates so grausam und brutal sein?“, fragen sie sich.

Zusätzlich zu den Besuchen in Majdanek und Belzec wurden für die Schüler eine Stadtführung durch Lublin und der Besuch in einer Synagoge organisiert, außerdem arbeiteten sie in Archiven zu unterschiedlichen Themen. Daraus werden sie im kommenden Schuljahr eine Ausstellung für das Joseph-König-Gymnasium zusammenstellen. Um zwischendurch abschalten zu können, gab es auch gesellige Zusammentreffen. „Wir haben viel geredet, um alles verarbeiten zu können. Diese Gedenkstättenfahrt war emotional belastend“, sagt Yannik Schröer. Aber er und auch Malcolm Thrun und Marlene Pöter wünschen sich, dass die Fahrten fortgesetzt werden. Der Geschichte auf diese Weise zu begegnen, sei von großer Nachhaltigkeit.

Ein Gruppenbild haben die Schüler nicht gemacht. Sie finden: „Das passte einfach nicht ins Bild dieser Fahrt.“

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