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Dortmunds Boss im Exklusiv-Interview

Hans-Joachim Watzke über die Kritik am BVB

DORTMUND Die Internationalisierungsstrategie, der Umgang mit Jakub Blaszczykowski und Neven Subotic, die wenigen öffentlichen Trainings - Kritik gab es an Borussia Dortmund in den vergangenen Monaten häufiger. Matthias Dersch hat BVB-Boss Hans-Joachim Watzke im Exklusiv-Interview mit den Kritikpunkten konfrontiert.

Hans-Joachim Watzke über die Kritik am BVB

"Wir grenzen uns in der Regel von Schalke ab - allerdings in der Tabelle" - BVB-Boss Hans-Joachim Watzke.

Wie nehmen Sie die Stimmung derzeit wahr? Ich glaube, dass die Stimmung rund um den BVB bei der großen Mehrheit insgesamt sehr, sehr gut ist. Unsere Transferpolitik und unsere Ausrichtung werden vom Gros der Menschen äußerst positiv aufgenommen. Es gibt aber eben auch eine Gruppe von Fans, die momentan ihren Unmut äußert. Das hat aus meiner Sicht ursächlich auch mit unserer Aufarbeitung der Vorkommnisse der vergangenen Saison zu tun. Speziell beim Pokalfinale haben wir keine gute Visitenkarte hinterlassen. Der BVB war gezwungen, dies kritisch aufzuarbeiten und Konsequenzen zu ziehen. Auch das hat zweifellos dazu geführt, dass in der Szene grundsätzlich eine etwas kritischere Stimmung herrscht.

Ihnen wurde unter anderem vorgeworfen, den Anstand verloren zu haben... Ich kann nicht im Ansatz erkennen, wie man darauf kommen könnte. Aber das nehme ich hin. Borussia Dortmund hat zehn Millionen Fans, wenn dann einige Hundert unser Wirken sehr kritisch sehen, muss ich damit leben.

Trifft Sie die Kritik? Wenn ich eine Fehlentscheidung treffe, gebe ich sie zu. Dann darf mich jeder dafür - mit Recht - kritisieren. Aber wenn ich lese, dass wir im Internationalisierungswahn den Anstand verloren hätten, dann sehe ich den Zusammenhang nicht. Es gibt für uns zu der Internationalisierung, die wir mit Bedacht und großem Respekt vor unseren Wurzeln betreiben, keine Alternative. Die Alternative lautet, uns langfristig auf den Status von Rot-Weiss Essen zu begeben. Das ist ein Verein mit Historie in einer Stadt, die so groß ist wie Dortmund. Aber es ist dort irgendwann nicht weitergegangen. Das will doch niemand. Nicht einmal die, die uns kritisieren.

Die Kritik zielt auch auf den Umgang mit Jakub Blaszczykowski und Neven Subotic ab. Oftmals - und hier müssen wir Verantwortliche uns selbst überprüfen - sagen wir lieber zu wenig als zu viel, weil wir die Persönlichkeitsrechte des Spielers schützen wollen.

Was bedeutet das konkret auf Blaszczykowski bezogen? Jeder von uns weiß, was er für diesen Verein geleistet hat. Wir schätzen "Kuba" sehr! Aber wir stehen in einem sportlichen Konkurrenzkampf, dem sich auch der Spieler stellen muss. Wir haben viele Gespräche geführt. Und es ist doch auch überhaupt keine Frage: Hätte „Kuba“ sich hier durchsetzen wollen, wäre er jetzt hier, denn er hatte einen Vertrag. Aber in Kenntnis der Konkurrenz auf seiner Position hat er gesagt, dass er wechseln möchte. Was kaum jemand weiß: Wir sind ihm stark entgegengekommen, haben Angebote aus England abgelehnt, durch die wir zwei, drei Millionen Euro mehr für ihn bekommen hätten als durch den Wechsel nach Wolfsburg – eben weil er lieber dorthin wollte. Die Ablöse war dadurch nicht optimal für uns, aber um der Verdienste und seiner Persönlichkeit willen haben wir das akzeptiert.

Nicht der Abgang an sich, sondern die ausgebliebene Verabschiedung sorgte für Misstöne. Wir wollten "Kuba" standesgemäß vor dem Supercup und einem Millionen-Publikum verabschieden, wir hatten das schon bei der DFL beantragt. Von seiner Seite kam die Antwort, dass das nicht klappt. Und das haben wir wiederum nicht öffentlich thematisiert. Ich bin unseren Fans sehr dankbar, dass sie sich in Wolfsburg von ihm verabschiedet haben. Das war top und sehr stilvoll.

Hätten Sie Terminschwierigkeiten nicht einfach erwähnen können damals? Dann wäre der Unmut vielleicht gar nicht aufgekommen. Wir wollten nicht, dass es zu Fehlinterpretationen kommt. Dass man uns nach all den Jahren, die Michael Zorc und ich für diesen Verein tätig sind, unterstellt, wir würden jemanden einfach abschieben, das nervt mich. Ich glaube, wir haben uns einen Vertrauensvorschuss verdient. Zumal die Spieler ja ganz offensichtlich sehr, sehr gerne zu uns zurückkommen, wie die Beispiele Sahin, Kagawa und Götze zeigen. Das würde ja nicht passieren, wenn wir schlecht mit ihnen umgehen würden. Es ist eine Stärke dieses Klubs, dass die Spieler sich hier in einem ruhigen Umfeld sehr, sehr wohl fühlen. Und das betonen ja auch alle, die uns verlassen.

Seite 2: Watzke über öffentliche Trainingseinheiten und Sven Mislintat

Kritik gab es für die Nicht-Erwähnung von Neven Subotic bei der Teampräsentation. Wir hatten uns dazu entschieden, ihn nicht in den Fokus zu stellen, weil er zu diesem Zeitpunkt zu Middlesbrough wollte. Wir sind damals fest davon ausgegangen, den Wechsel innerhalb weniger Tage perfekt machen zu können. Es war daher eine Abwägungssache. Hätten wir ihn im Stadion präsentiert und zwei Tage später transferiert, dann hätten uns einige vermutlich vorgeworfen, es wäre eine geheuchelte Veranstaltung gewesen. Es ist ja okay, uns für diese Entscheidung zu kritisieren. Für uns war, das möchte ich betonen, damals auch völlig klar, dass er sofort wieder ein Spieler von Borussia Dortmund werden würde, falls der Transfer doch noch scheitern sollte. Wir müssen eins aber einfach zur Kenntnis nehmen…

Und zwar? ... dass im Profifußball Wechsel langjähriger, verdienter Spieler dazu gehören. Fast alle, die wir heute beim BVB als Ikonen verehren - Siggi Held, Lothar Emmerich, Aki Schmidt, selbst Adi Preißler - sind irgendwann einmal aus Dortmund weggegangen und erst später wieder in die BVB-Familie zurückgekehrt. Auch „Kuba“ und Neven werden Mitglieder dieser Familie sein in den nächsten 30 Jahren, da bin ich mir sehr sicher! Beide haben die prägendste Zeit ihrer Karriere bei uns erlebt. Ich glaube nicht, dass einer von den beiden schlecht über den BVB oder die handelnden Personen denkt. Das ist für mich das alles entscheidende Kriterium!

Ein weiterer Kritikpunkt ist die geringe Anzahl an öffentlichen Trainings. Warum bleiben die Tore schon seit der Amtszeit von Jürgen Klopp so oft zu? Der FC Schalke 04 setzt sich inzwischen sogar ganz bewusst von Ihnen ab, in dem er die Fans mehrmals pro Woche zu den Einheiten einlädt. (Lacht) Wir grenzen uns in der Regel von Schalke ja auch ab - allerdings in der Tabelle. Jeder dürfte mir zustimmen, wenn ich sage, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden Klubs darin besteht, dass in Dortmund während der vergangenen Jahre jene Ruhe herrschte, die man benötigt. Und das hat vielleicht auch ein ganz kleines Stück weit mit den öffentlichen Trainings zu tun.

Das müssen Sie erklären. Öffentliche Trainings sind heute nicht mehr mit denen von vor zehn Jahren vergleichbar. Jeder hat ein Smartphone, mit dem Videos und Fotos gemacht werden. Ein Trainer hat als Chef in den wenigen zur Verfügung stehenden Einheiten keine Chance mehr, gegnerbezogen taktisch zu arbeiten oder einen Spieler auch mal stramm stehen zu lassen, ohne dass das zehn Minuten später und deutlich überhöht via Twitter, Facebook oder in den Online-Medien landet. Und der Gegner schaut immer zu. Öffentliche Trainings sind heute Show-Veranstaltungen, in denen du nicht ernsthaft arbeiten kannst. Deshalb gibt es sie, was die Top-Ligen angeht, übrigens auch vorwiegend noch in Deutschland.

Für die Fans aus der näheren Umgebung ist es aber wichtig, ihre Stars zu sehen. Ja, deshalb ist es auch unser Ziel, zweimal im Monat öffentliche Einheiten anzubieten, als Service für unsere Fans. Ich kann ja auch verstehen, dass diese Verknappung aus deren Sicht ärgerlich ist. Aber die Welt hat sich geändert. Und die Möglichkeit, während der wenigen Einheiten, die es überhaupt noch gibt, ruhig und vertraulich arbeiten zu können, ist für uns ein hohes Gut. Ich hoffe, das verstehen die Menschen - ich verstehe auch sie.

Vielleicht ist es angesichts der von ihnen angesprochenen Veränderungen wichtiger geworden, den Fans Dinge genauer zu erklären, als man es früher getan hätte... Ich habe die Gründe für die kleine Anzahl öffentlicher Trainings schon häufig thematisiert. Aber grundsätzlich haben Sie Recht. Wir müssen manche Dinge offener erklären, vor allem direkt hier in Dortmund, denn außerhalb finden diese Diskussion in der Regel nicht statt. Aber wir sind alle nur Menschen, auch wir machen mal den einen oder anderen Fehler. Mich hat beim Einkaufen bislang übrigens noch nie jemand auf die Themen, die wir gerade diskutiert haben, angesprochen. (lacht) Vielleicht traut sich das manch ein Fan an der Supermarktkasse auch einfach nicht.

Zuletzt sorgte ein Streit zwischen Thomas Tuchel und Chefscout Sven Mislintat für negative Schlagzeilen. Die Medien-Diskussion ist unsinnig! Sven Mislintat arbeitet Michael Zorc, seinem direkten Vorgesetzten, exzellent zu. Es gibt kaum Berührungspunkte zwischen Mislintat und Tuchel. Auch keinen Konflikt, der die Arbeit belasten würde - nur die Tatsache, dass sich Menschen im Leben mal besser und mal schlechter verstehen. Scouting-Fragen werden zwischen Michael Zorc und Thomas Tuchel regelmäßig diskutiert. Schon unsere Sommer-Einkäufe zeigen doch, dass da nichts im Argen liegt.

Mislintat soll unabhängig vom Streit demnächst mit einer neuen Aufgabe betraut werden. Welche wird das sein? Ich lese häufig von Verboten oder Beförderung - das ist alles Quatsch! Ich sage Ihnen auch gern, warum: Wir werden uns im sportlichen Bereich breiter aufstellen, möchten mit dem Gros der Mitarbeiter, die bei uns am Rheinlanddamm für den Sport zuständig sind, 2017 zum Trainingszentrum nach Brackel ziehen, um mehr Nähe zum Fußball-Kern herzustellen. Dieser Umstrukturierungsprozess, durch den wir noch besser für die Zukunft aufgestellt sein möchten, beginnt gerade. Im Zuge dessen wird es Sinn machen, dass manche Fäden bei Sven Mislintat zusammenlaufen – seine genaue Rolle werden wir noch definieren. Man liest immer mal wieder, dass andere Klubs ihn verpflichten wollen. Das können sie allesamt abhaken. Er wird bei uns bleiben.

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