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Hans Neuenfels erkundet «La Traviata»

Berlin (dpa) Erst jüngst wurde er zum Regisseur des Jahres gekürt, jetzt ist Hans Neuenfels wieder einem Opern-Dauerbrenner zu Leibe gerückt.

Mit seiner «Traviata» hat der Theater-Veteran am Sonntagabend an der Komischen Oper Berlin eine ruhige, eindringliche Sicht auf Giuseppe Verdis Repertoire-Hit präsentiert. Neuenfels hat den Klassiker von Fest- und Feierballast befreit. Keine Ballgesellschaft in Sektlaune, kein Plüsch, kein Pomp, der genüsslich auseinandergenommen werden müsste - der 67-Jährige schaut mit messerscharfem Blick in das Innenleben der Edelkurtisane Violetta Valéry und erntete dafür Bravorufe, aber auch an Missfallen.

Wie Neuenfels musste auch Dirigent Carl St. Clair Buhrufe einstecken. Der Amerikaner, seit einigen Monaten Generalmusikdirektor an der Komischen Oper, fand nur sehr zögerlich zu Verdis Musik. Nach einem schleppenden Anfang konnte St. Clair erst zum Ende etwas von Verdis brüchiger Strahlkraft vermitteln.

Neuenfels nahm dagegen den direkten Weg in das Herz der «Traviata». Seit mehr als 30 Jahren führt er Opernregie. Zielstrebig hat er sich immer wieder bis zum Kern seiner Operngeschichten gewagt - nicht alle waren dabei amüsiert. Sein «Idomeneo» an der Deutschen Oper Berlin, bei der er im Schlussbild die abgetrennten Köpfe der Religionsstifter Buddha, Jesus und Mohammed zeigte, löste einen Riesenskandal aus - allerdings erst Monate nach der Premiere.

Die Kritikerumfrage der Zeitschrift «Opernwelt» zeichnete ihn für seine Inszenierung von Richard Wagners «Tannhäuser» am Aalto Theater Essen vor kurzem wieder als besten Regisseur an deutschsprachigen Bühnen aus. 2010 wird er mit «Lohengrin» sein Bayreuth-Debüt geben.

«Die Liebe darf nichts kosten, außer das Leben» - unter dieses Motto hatte Neuenfels sein Regiekonzept für «La Traviata» gestellt. Er ist von der Unbedingtheit beeindruckt, mit der sich die vom Tod gezeichnete Violetta ins Leben stürzt. Sie ist bereit, vor dem nahenden Ende alles noch einmal hautnah zu spüren: Die Schmach und die Schande, Märtyrertum, Verzicht und Reue - aber auch die bedingungslose Liebe.

Violetta (bewegend, zuweilen etwas angestrengt: Sinead Mulhern) wird zum Kraftzentrum dieser Produktion. Neuenfels lässt die Welt um sie kreisen: Alfred Germont (stimmgewaltig: Timothy Richards) als bedingungslosen Liebhaber, dessen Vater (Aris Argiris), der zuerst die Liebe und dann sich selbst zerstört, sowie den stummen Zuhälter (Christian Natter), den Neuenfels als Kunstgriff einführt. Halb Traumgestalt, halb Realfigur boxt er sich als Violettas Schatten durch das Stück.

Es ist eine dunkle, karge Welt, die Bühnenbildner Christof Hetzer eingerichtet hat. Nur der schwarze Spiegelboden erinnert an die ausgelassenen Nächte der «Kameliendame», so der Titel von Alexandre Dumas' Romanvorlage. Tristgraue Trennwände werden hin- und hergeschoben und geben die Kulisse für Violettas langsame Reise in die Nacht. Bis es soweit ist, dreht sie nochmals mächtig auf und hadert zwei Stunden lang zwischen Hurenleben und Liebeshingabe.

Schon zu Beginn zeigt Neuenfels, was auf dem Spiel steht: Zwischen schwangeren Bräuten und Bestattern mit Kondolenzkränzen spannt er Violettas Lebensbogen. Wie ferngesteuerte Puppen hüpft die Lach- und Tanzgesellschaft über das Parkett. Neuenfels fährt ein ganzes Symbol- Arsenal auf, um eine unwirtliche Männerwelt zu skizzieren. Violetta legt ihr Haupt auf den Holzklotz, auf dem Alfredo sich gerade noch mit dem Beil abreagiert hat. Zur berühmten Trinkarie («Libiamo...») wird Violetta aus einer Krippe ein verstümmeltes Baby vorgehalten. Gepokert wird nicht mit Karten, sondern mit Violettas Herz. Und der Tod tritt als Stier auf - mit einem Stich in die Hoden wird das nahende Ende des Lotterlebens angekündigt.

Noch ein letztes Mal bäumt sich Violetta vor versammelter Gesellschaft auf einem Sockel auf: «Ich bin eine Hure» lautet wie eingemeißelt Violettas selbstbewusstes Bekenntnis.

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