Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung
Anzeige
Anzeige

Der Ort, in dem Jens R. aufwuchs

Heimatdorf des Amokfahrers von Münster rätselt über Motiv

BRILON/MÜNSTER Ein Dorf unter Schock. Madfeld im Sauerland, etwas mehr als 1200 Einwohner, Pfarrkirche, Tretbecken, See und Gedenkstätte. Und Heimatort des Amokfahrers von Münster. Seine Eltern leben noch hier, frühere Freunde auch. Eine Spurensuche nach der Horrornachricht.

Heimatdorf des Amokfahrers von Münster rätselt über Motiv

Der Kirchturm im Ortskern von Madfeld bei Brilon. In dem kleinen Sauerlandort, aus dem der Amokfahrer von Münster stammt, herrscht Ausnahmezustand. Foto: dpa

In dem kleinen Sauerlandort Madfeld herrscht Ausnahmezustand. Für fremde Augen ist das allerdings kaum sichtbar und erst recht nicht zu spüren. Nur das Polizeiauto vor dem hellverputzten, zweistöckigen Haus mit den rostbraun gestrichenen Fenstern mitten im Ort ist ein äußeres Zeichen dafür, dass hier etwas nicht stimmt. Es ist das Dorf, in dem Jens R., der Amokfahrer von Münster, aufgewachsen ist. Ein kleiner Ortsteil der Stadt Brilon, etwa 40 Kilometer von Paderborn entfernt. Hier herrscht eigentlich nur einmal im Jahr Ausnahmezustand: am zweiten Wochenende im Juli, wenn Schützenfest ist.

Die Eltern Franz R. und seine Frau Marianne R. leben seit Jahrzehnten in der Nähe der weiß aufragenden katholischen Ortskirche St. Margaretha - quasi auf dem dörflichen Präsentierteller. „Die Polizei passt auf, dass hier keine Reporter an die Tür kommen“, sagt der Vater von Jens R. am Telefon. Der 79-Jährige, früher Möbeldesigner, scheint gefasst. Doch wie sich der Schock von Münster bei ihm auswirkt, ist schwer zu sagen.

War die Amokfahrt von Münster zu verhindern?

Behörden hatte nur „sporadischen Kontakt“ zu Jens R.

MÜNSTER Hätte die Amokfahrt von Münster verhindert werden können? Hätten die Gesundheitsbehörden etwas ahnen können? Nein, sagt Münsters Oberbürgermeister entschieden. Und auch Poller seien kein Schutz. Zudem werden immer mehr Details zum Täter bekannt. mehr...

Sohn macht seinem Vater schwere Vorwürfe

„Unser Leben ist kaputt für immer“, sagt Franz R.. Er will dabei nicht weinerlich erscheinen, denn er weiß: Das Leid der Opfer und ihrer Angehörigen ist unvorstellbar. Die bitteren Vorwürfe, die ihm sein 48 Jahre alter Sohn in einer detaillierten, schriftlichen Lebensbeichte gemacht hat, setzen ihm hörbar zu. „Ich habe das nicht gelesen“, sagt er nachdrücklich. Aber es steht in jeder Zeitung schwarz auf weiß.

Und doch: Er will sich verteidigen. Mehrfach wiederholt er, selbst die Polizei habe ihm bescheinigt, dass seine Frau und ihn keine Schuld treffe. „Das Motiv war die Krankheit in seinem Kopf“, sagt Franz R.

Die Ruhe im Dorf ist verschwunden

„Madfeld - alles was ein Dorf braucht“, heißt es selbstbewusst auf der Internetseite der Ortschaft. „In Madfeld lässt es sich gut leben!“ Aber die Amokfahrt von Samstagnachmittag bricht über die kleine Gemeinschaft herein. Schon kurz nach der blutigen Tat sind Kamerateams und Reporter im Dorf unterwegs. Sie wollen wissen: War Jens R. schon in seiner Jugend und später, bevor er zum Studium nach Münster ging, auffällig?

Doch wer will etwas über einen Menschen sagen, der seit Jahrzehnten kaum mehr in der Heimat war? Meist erntet man Schweigen. Oder nur ein fassungsloses „Warum musste er andere mit in den Tod reißen?“ Aber wer sich auskennt, der weiß auch: Freunde und Bekannte von früher sitzen an diesen Abenden nach der Horrornachricht zusammen oder telefonieren miteinander über die jüngsten Nachrichten aus Münster.

Heimatdorf des Amokfahrers von Münster rätselt über Motiv

Das Ortschild von Madfeld bei Brilon. Foto: dpa

Kontakt zu den Freunden weitgehend abgebrochen

Jens R. hatte den Kontakt zu alten Freunden in den letzten Jahren weitgehend abgebrochen, er lebte in Münster. „Mit Madfeld wollte er nichts mehr zu tun haben“, sagt sein Vater. Manchen von den alten Freunden habe er schriftlich Vorwürfe gemacht, heißt es im Dorf. Spätestens da sei ihnen klar gewesen, dass der frühere Madfelder psychische Probleme habe.

In Madfeld werden nun alte Geschichten aufgewärmt. Sie zeichnen das Bild eines hellhäutigen Jungen, der künstlerisches Talent hatte, eher ein Eigenbrötler und schon immer exzentrisch. Jens R. konnte toll zeichnen, er hatte als Teenager beim Tennis Schläge drauf, die kein anderer beherrschte. Doch nach ganz oben reichte es nicht. Bald hängte er den Schläger an den Nagel. Sein Vater erzählt traurig: „Jens ist immer noch Mitglied im Tennisverein. Ich zahle immer noch seinen Mitgliedsbeitrag. Ich wollte ihn schon länger mal abmelden. Das hat sich jetzt erledigt.“

Todesfahrt in Münster: Was wir wissen - und was nicht

Vieles bleibt nach Amokfahrt in Münster noch ungeklärt

MÜNSTER Für die Ermittler ist es ein Puzzlespiel. Sie müssen nach der Amokfahrt Stück für Stück rekonstruieren, was einen 48-Jährigen dazu gebracht hat, mit seinem Kleinbus in Münster in eine Menschenmenge zu rasen. Auch die Behörden durchforsten ihre Akten, denn vieles ist unklar. Was wir wissen - und was nicht.mehr...

„Alles, was er machte, musste spektakulär sein.“

Schon als Jugendlicher passte Jens R. irgendwie nicht zu seinen Eltern. Sie seien sehr auf ihre Außenwirkung bedacht gewesen, heißt es übereinstimmend. Franz R., ein angestellter Industriedesigner, fast immer im Anzug, sein jugendlicher Sohn damals meist schwarz gekleidet, mit Ziegenbart und Zopf. Ein bisschen auch ein Rebell vom Dorf. Dass es im Elternhaus immer wieder Konflikte gab, eine Entfremdung, das wussten Freunde. Aber ist das nicht eher normal?

Mit einem kleinen Kreis von Freunden zog Jens Ende der 80er-Jahre als Oberstufenschüler am Wochenende um die Häuser. Einer lässt durchblicken, dass dabei nicht nur Sauerländer Pils konsumiert wurde. Jens‘ Selbstbewusstsein sei damals unerschütterlich gewesen. „Bei ihm war immer alles top“, erzählt ein anderer guter Bekannter von früher. „Alles, was er machte, musste spektakulär sein.“ Doch hat dieser Befund auch nach so langer Zeit noch Bestand? Die Madfelder wissen es nicht. Und sie rätseln.

von dpa

Anzeige
Anzeige
Das könnte Sie auch interessieren

Kamasi Washington in der Live Music Hall

Jazzmusiker verzaubert Publikum in Köln mit Gemeinschaftsgefühl

Köln Der Jazzmusiker Kamasi Washington war am Sonntagabend zu Gast in der Live Music Hall in Köln. Mit dabei hatte er eine ganze Menge Weggefährten. Bei seinem Auftritt überzeugte der Musiker das Publikum nicht nur mit seiner Musik.mehr...

Blumfeld-Konzert im Gebäude 9 in Köln

Blumfeld sind zurück - und führen Fans ins Glück

Köln Auf einmal sind Blumfeld wieder da - und es ist gut so. Ihr Frontmann und Songwriter Jochen Distelmeyer hat mit seinen sehr politischen Texten immer Mut bewiesen, ist dahin gegangen, wo es schmerzt. Wie bedingungslos seine Anhänger ihn dafür lieben, konnte man jetzt in Köln erleben.mehr...

Panorama

Vierter Mensch auf dem Mond: Alan Bean ist tot

Houston. 1969 betrat Alan Bean als vierter Mensch den Mond. 1973 flog er noch einmal ins All. Nach seiner Zeit als Astronaut wurde Bean Maler. Jetzt ist „der einzige Künstler, der auf dem Mond herumgelaufen ist“ im Alter von 86 Jahren gestorben.mehr...

Panorama

Feuer im Europa-Park Rust ist gelöscht

Rust. Keine 24 Stunden nach dem Großbrand hat der Europa-Park Rust wieder geöffnet. Bis auf letzte Glutnester ist das Feuer mittlerweile gelöscht. Nach der Ursache wird fieberhaft gefahndet. Die Betreiber gehen von einem Millionenschaden aus.mehr...