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"Die ganze Ehre gebührt definitiv Thomas"

Robert Cramer im Interview

Sie haben gekämpft, sich gegenseitig aufgerappelt - und haben gemeinsam einen Weltrekord aufgestellt: das Dreierteam von "Cycling the World". Einer der beiden, die Thomas Großerichter auf der Weltumradlung begleiteten, war Robert Cramer, gebürtiger Herberner. Welche Rolle spielte er?

HERBERN / DÜSSELDORF

von Von Tobias Weckenbrock

, 16.04.2013
"Die ganze Ehre gebührt definitiv Thomas"

Robert Cramer (r.) in Aktion: Seine Aufgabe sollte eigentlich das Dokumentieren der Weltrekordtour sein. Während der Fahrt stellte sich dann aber heraus: Hauptaufgabe war als Teil des Dreierteams mit Thomas Großerichter (l.) zu organisieren, zu motivieren und den Teamgeist aufrecht zu erhalten.

An normalen Tagen sind wir direkt vor Thomas auf der Straße. An normalen Tagen sind wir meistens etwas zeitversetzt mit Thomas aufgebrochen: Wir haben ihm morgens ein wenig in den Hintern getreten, weil er meistens vom Vortag noch so platt war. Dann haben Pedro, der andere Begleiter, und ich die halbe Stunde genutzt, um so ein bisschen in Ruhe zu frühstücken, die Sachen zusammenzupacken, mal so ein bisschen die Landschaft anzugucken, Zelt zusammenzuräumen. Dann sind wir zu ihm aufgeschlossen und haben ihn meistens im Idealfall auch direkt gefunden und sind dann bis nachmittags, abends, wenn es keine größeren Besorgungen zu erledigen gab, vor ihm her gefahren. Dieses Windschattenfahren wird von Guinness durchaus toleriert und hat Thomas natürlich auch sehr geholfen. Dann sitzt du da also den ganzen Tag im Auto, fährst links oder rechts vor ihm her – je nachdem, in welchem Land wir waren – und du machst den ganzen Tag nix anderes als zu gucken, wie es dem Jungen auf dem Fahrrad geht. Zwischendurch musste ich mich dann noch daran erinnern, dass ich ja auch noch für einen Film zu erstellen habe. Denn du bist so in deinem Trott und hast jeden Tag dasselbe zu tun, fährst natürlich immer durch andere Landschaften, und das ist einfach eine völlige Extremsituation.

Das größte Problem ist das Zeitproblem gewesen. Wir konnten nirgendwo anhalten. Aber ich merke trotzdem, wenn man sich mit richtigen Globetrottern unterhält, die drei Jahre unterwegs waren, die wir in drei Monaten gemacht haben, dass man mitreden kann. Wenn di sagen, dass die hier und da schon mal waren, können wie sagen: Ja, in der Nähe, da waren wir auch, haben as auch auf der Karte gesehen und so. Das Problem, dass ich jetzt habe, ist, dass es ungefähr 20 Urlaubsziele gibt, wo ich überall hin will. Dafür muss ich aber noch ein bisschen sparen (lacht).  

Neuseeland, Argentinien und Mexiko.  

Landschaftlich war es dort einfach am abwechslungsreichsten. In Mexiko hast du alles, was du dir vorstellen kannst: Wüste, Berge, Strände, Einöde. alles. In Neuseeland ist zwar keine Wüste, aber dort hast du die Berge, oft direkt am Meer gelegen. Und Argentinien ist so riesengroß, du hast auf der einen Seite die Anden, wunderschöne Städtchen, du hast Buenos Aires – einfach sehr abwechslungsreich.  

„Wir müssen abbrechen“ haben wir einmal gedacht; ich für mich persönlich habe durchaus Momente gehabt, wo ich überlegt habe, das tust du dir nicht mehr an. Du guckst, wo du einen Rückflug nach Hause findest. Aus diversen Gründen. Ich habe kürzlich mit einem Kumpel noch darüber gesprochen. Wir haben immer wieder im Team den Weg gefunden, wenn einer ein wenig abgesunken ist, dass die anderen ihn wieder in die Spur gebracht haben. Das wird einem erst im Nachhinein bewusst, dass es diese Dreierkonstellation war.  

Ich kannte Thomas schon lange, wir kommen beide aus Herbern. Aber auch nur rudimentär, vom Fußballverein und so, wie das dann immer so ist. Pedro habe ich tatsächlich erst vier Tage vor der Tour gesehen. Wie hatten uns vorher mal über Videotelefonie unterhalten, aber sonst hatte ich ihn vorher nie gesehen. Das war schon spannend: Wenn du mit jemandem über Wochen so eng wie es enger kaum geht zusammen lebst, dann muss die Chemie schon stimmen. Thomas hat von vornherein immer gesagt, dass das mit euch beiden gut funktioniert. Und er hat recht gehabt. Während der Tour gibt es viele Momente, in denen man denkt, Ich will hier einfach nur weg – und es geht nicht. Und seit diesem Moment am 31. Dezember, der Ankunft in Berlin, verstehe ich mich nun um mehrere Hundert Prozent besser mit Pedro und Thomas, weil man einfach diesen Druck nicht mehr hat, zusammen sein zu müssen – sondern man kann. Und das ist großartig. 

Die ganze Ehre gebührt definitiv Thomas, das ist kein Problem. Aber er hat immer wieder gesagt, dass jeder von uns 33 Prozent gestellt hat. Und ich glaube, dass man sich das als jemand, der nicht mitgefahren ist, nicht richtig vorstellen kann. Aber ich habe manchmal das Gefühl gehabt – und nicht nur ich, sondern wir als Team –, dass wir im Auto mehr leiden als Thomas aufm Fahrrad. Denn er hat drei Monate das getan, was er tun wollte. Er hat sich entschieden: Ich fahre drei Monate Fahrrad. Wir hatten dagegen keine Ahnung, was uns im Auto erwarten würde. Er hat sich bewusst entschieden, wir dagegen waren nur Teil des Projektes. Auf der anderen Seite muss man sagen, ohne uns hätte er diese Zeit nicht geschafft. Von daher fühle ich mich auch ein bisschen als Weltrekordhalter. Wir haben es zu dritt gerockt.  

Moment, eigentlich war der Film meine Hauptaufgabe. Es hieß am Anfang: Hast du Bock, einen Film zu drehen. Ich habe gesagt: Ja klar. So fing das an und stellte sich dann aber ganz anders heraus. Während der Tour wurde der Film völlige Nebensache. Ich war voll involviert und wir mussten zu dritt gucken, dass wir voran kommen. Ich sitze im Auto in Argentinien, wir fahren uns mit dem Auto fest, ich denke noch im Hinterkopf: Wow, geil, das musst du filmen! Ich sitze am Steuer, Pedro und Thomas schieben – zack, Szene weg.  

(lacht) Das glaubst du selber nicht, wir haben doch keine Zeit gehabt für nichts. Aber auf der anderen Seite muss man es auch so sehen: Ich war so nah dran, dass ich Sachen einfangen konnte, die ich nicht gehabt hätte, wenn ich nicht so involviert gewesen wäre. Zum Beispiel eine legendäre Szene auf der Nachtfahrt von Herbern nach Berlin, als Thomas und ich so müde waren, dass wir fast umgefallen wären, er auf dem Fahrrad, ich im Auto; dann habe ich irgendwann die Kamera rausgeholt, das Fenster runtergekurbelt und mich mit Thomas unterhalten. Solche Szenen würden nicht entstehen, wenn man nicht so nah dran wäre.  

Rund 25 Stunden. Das gute war, dass im Januar diverse Anfragen von Sendeanstalten kamen, die Bilder haben wollten. Dadurch habe ich etwa drei, vier Mal das ganze Material im Schnelldurchgang gesichtet. Das hat mir die Arbeit jetzt sehr erleichtert, weil ich das Material schon kannte. Ich habe jetzt in der Produktion Szenen gesehen, wo ich dann genau wusste: Ah, das ist nichts – und: Ah, jetzt wird es spannend. Dementsprechend war das ein langer Prozess, aber jetzt am Ende geht es schneller als am Anfang. Ich habe die einzelnen Kontinente dann in Blöcke zusammengefasst. Zum Beispiel habe ich vorgestern aus 45 Minuten Australien 22 Minuten gemacht. Und die werden wahrscheinlich noch mal gekürzt. Das tut zwar weh, aber der Zuschauer will sich nicht 45 Minuten Australien angucken, wenn es nur ein Teil eines Gesamtfilmes ist. Es wird noch weiter gekürzt, und am Sonntag ist ein kleines „Testgucken“: Ich habe dazu Leute eingeladen, die vom Fach sind, Leute, die das ganze Projekt nicht kennen, Leute, die vom Film keine Ahnung haben. Jeder bekommt Zettel und Stift in die Hand und kann dann aufschreiben, was im aufgefallen ist, gutes und schlechtes. Danach stelle ich den Film vor, und Mitte der nächsten Woche, also so um den 17. April herum, soll das ganze dann zum Pressen auf DVD gehen.  

Es geht etwa in die Richtung gehen wie beim Trailer: Es wird Musik geben und O-Töne, allerdings keinen Off-Kommentar; Das ist nicht nötig, weil der Film in sich lebt, wie ich während des Schneidens herausgefunden habe. Es wird Infotafeln geben, wo wir jeweils gerade sind, bei welchem Kilometerstand – und dann wird das einfach eine Doku über den schnellsten Mann der Welt bei seinem Weltrekord.  

Den Film kann man bei mir via E-Mail bestellen. Das ist relativ unkompliziert.  

Die DVD selbst kostet 16,99 Euro. Eventuell kommen noch Versandkosten hinzu, aber das hält sich dann im Rahmen.  

Ja, das war irre. Die Kartenvergabe-Termine standen morgens in der Zeitung – und um halb 10, 10 waren die Karten schon alle weg. Das gleiche dann drei Tage später bei der zweiten Veranstaltung, die wir wegen der großen Nachfrage gemacht haben. Darüber habe ich auch mit Thomas viel gesprochen, das ist der helle Wahnsinn, dass sich 400 Leute an zwei Abenden die Geschichte angehört haben. Das waren die ersten Veranstaltungen nach der Rückkehr, und die große Resonanz hat uns schon sehr beeindruckt.  

Von uns wird man sicherlich noch einiges hören, aber erstmal natürlich mit „Cycling the World“, das Thema ist noch lange nicht vorbei. Thomas schreibt gerade ein Buch, das wird auch noch spannend. Es wird noch einige Vorträge geben, zum Beispiel an diesem Freitag in Berlin. Also so ein bisschen in Richtung Deutschlandreise soll das auch noch gehen. Neue Projekte hat Thomas schon im Kopf, ich darf aber nicht darüber sprechen. Ob ich dann wieder dabei bin, kann ich noch nicht sagen. Ich habe noch nie so etwas Außergewöhnliches gemacht wie „Cycling the World“, aber auch noch nie so etwas Anstrengendes.    

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