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«Hermanns Bruder»: Der Anti-Nazi Albert Göring

Berlin (dpa) 1946 müssen sich beim Nürnberger Prozess zwei Brüder verantworten. Der eine von ihnen heißt Hermann Göring (1893-1946) und ist hinlänglich bekannt. Vor dem NS-Kriegsverbrechertribunal ist er als ranghöchster Nationalsozialist angeklagt.

Nur wenige Zellen weiter sitzt sein jüngerer Bruder Albert Göring (1895-1966) ein. Dieser behauptet nun zum ungläubigen Erstaunen der Amerikaner, eine Art Widerstandsheld zu sein. Juden habe er gerettet und auch mit dem tschechischen Untergrund zusammengearbeitet.

Der US-Ermittler ist verärgert. Hier handele es sich um einen der «plattesten Versuche der Reinwaschung und Ehrenrettung» notiert er: «Albert Görings Mangel an Raffinesse lässt sich allenfalls noch mit der Körpermasse seines fettleibigen Bruders vergleichen.» Daraufhin trägt Albert Göring zu seiner Rechtfertigung 34 Namen von Personen zusammen, die er «bei eigener Gefahr Leben oder Existenz» gerettet haben will.

Diese Liste befindet sich heute in einem Archiv in Washington. Über 60 Jahre später wird sie einem jungen Australier als roter Faden für seine Recherchen über Albert Göring dienen. War ausgerechnet der jüngere Bruder des berüchtigten Reichsmarschalls ein Nazi-Gegner? Das erschien auch William Hastings Burke zunächst kaum glaubhaft. Aber ein BBC-Film weckte das Interesse des Volkswirtschaftlers aus Sydney. So machte er sich auf eine Weltreise, um der Wahrheit über Albert Göring auf den Grund zu gehen. Das Ergebnis ist jetzt nachzulesen in seinem Buch «Hermanns Bruder. Wer war Albert Göring?».

Kernstück des Buchs sind Interviews mit Hinterbliebenen jener Personen, die Albert Göring auf seiner Liste verewigt hat. Dazu gehört etwa George Pilzer, Sohn des jüdischen Filmindustriellen Oskar Pilzer, den Goebbels aus dem Weg räumen wollte. Eines Tages wurde Pilzer von der Gestapo in Wien verhaftet. Doch Albert Göring erhielt einen Tipp: «Mithilfe seines Nachnamens setzte er alle Hebel in Bewegung - aber wirklich alle, um erstens herauszufinden, wo mein Vater war, und zweitens für seine sofortige Freilassung zu sorgen.»

Auch für Prominente setzte sich Göring erwiesenermaßen ein, etwa für die Schauspielerin Henny Porten, den österreichischen Ex-Kanzler Franz-Johann Schuschnigg oder den Komponisten Franz Lehár. Dieser - immerhin ein Lieblingskomponist von Hitler - hätte um ein Haar seine jüdische Frau verloren, wenn sie nicht auf Intervention von Albert Göring zur «Ehrenarierin» ernannt worden wäre.

Es ist schon erstaunlich, wie unterschiedlich sich die Lebenswege der beiden Göring-Brüder entwickelten. Während Hermann Göring, das Flieger-Ass mit Leidenschaft für alles Militärische, schon sehr früh zu den Nationalsozialisten fand, empfand der jüngere Bruder Albert einen ausgesprochenen Widerwillen gegen die Braunhemden. Der gelernte Maschinenbauingenieur versuchte sich bald dem Einfluss der Nazis zu entziehen. Er ging nach Österreich und nahm sogar die österreichische Staatsbürgerschaft an.

Doch mit dem «Anschluss» holten ihn die Nazis 1938 wieder ein. Später wurde Albert Göring Exportleiter der ?koda-Werke in Pilsen. Dort fälschte er bisweilen die Unterschrift seines Bruders, um Verfolgten zu helfen. Die Gestapo hatte ihn mehrfach im Visier und bat darum, den «Defätisten übelster Art» wegen «schwerwiegender Verdachtsmomente» verhaften zu dürfen. Was Albert Göring in Fällen wie diesen schützte, war sein prominenter Name. In letzter Minute half dann wieder sein mächtiger Bruder Hermann.

Manches an Albert Göring erinnert an Oskar Schindler. Wie dieser war er ein Mann mit Stil, der das Leben in vollen Zügen genoss. Er liebte gutes Essen, elegante Kleidung und schöne Frauen. Göring war dreimal verheiratet und verhielt sich leider nicht immer als Ehrenmann. So schob er etwa seine todkranke zweite Frau in ein Heim ab, um sich mit einer tschechischen Schönheitskönigin zusammenzutun. Wie Schindler war er ein brüchiger Held. Und mit ihm teilte er auch das unglückliche Nachkriegsschicksal.

Nachdem ehemalige ?koda-Mitarbeiter für ihn ausgesagt hatten, wurde Albert Göring endlich freigelassen, kam aber nicht mehr recht auf die Beine. Seine Geschichte wollte in der Bundesrepublik niemand wissen, sein Name disqualifizierte ihn. Er starb verarmt in München.

Es ist Burkes Verdienst, dieses ungewöhnliche Lebensschicksal wieder ans Licht geholt zu haben. Seine Recherchen können sich sehen lassen. Es ist allerdings schade, dass dieser positive Eindruck durch den recht flapsigen Stil und ausgewälzte Reisereflektionen des manchmal allzu begeisterten Autoren getrübt wird. Aber zumindest hat Burke mit diesem Buch einen wichtigen Anstoß gegeben.

William Hastings Burke: Hermanns Bruder. Wer war Albert Göring? Aufbau Verlag, Berlin, 237 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-351-02747-6

William Hastings Burke

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