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Historiker erforschen «Political Correctness»

Bochum (dpa) Wenn ein Politiker einen Kollegen der «Propaganda» bezichtigt, weckt das bei manchem Assoziationen zum «Dritte Reich».

«Dann reagiert der politische Gegner extrem sensibel, dann ist das Sprachpolitik», sagt der Bochumer Historiker Lucien Hölscher, «und die ist zu einem eigenen Feld der Politik geworden.» Der Professor für Geschichtstheorie an der Ruhruniversität Bochum hat jetzt ein Buch zur «Political Correctness» herausgegeben. Die These des Bandes: Im Laufe der deutschen Geschichte nach 1945 hat sich ein spezifischer Umgang mit dem Sprechen über die NS-Vergangenheit herausgebildet.

«In den 80er Jahren wurde der Begriff der "Political Correctness" aus den USA importiert», sagt Hölscher. Zunächst hätten Konservative damit gegen die ihrer Meinung von den «Linken» auferlegten Regeln protestieren wollen, wie über die NS-Zeit gesprochen werden durfte. Dabei sei es unter anderem darum gegangen, negativ beladene Wörter wie «Nation» oder «Vaterland» wieder neu zu interpretieren. Auf der anderen Seite habe sich dann eine Vorstellung des «politisch Korrekten» entwickelt, die bei einem Verstoß zu Sanktionen in der Öffentlichkeit führte.

Ein Beispiel im Buch ist der ehemalige Bundestagspräsident Philipp Jenninger (CDU). Dieser war 1988 über seine Rede zum 50. Jahrestages des Novemberpogroms gegen die deutschen Juden gestürzt, weil er scheinbar NS-Sprache ohne Distanzierung benutzte. «Dabei ging es gar nicht im dessen Gesinnung», sagt Hölscher. Jenninger habe das Richtige sagen wollen, doch mit seinen Stilmitteln und der Rhetorik aus Sicht vieler Zeitgenossen gegen die Regeln des Sagbaren verstoßen.

«Es geht uns aber nicht um den Einzelfall», erklärt der Experte, «sondern darum, zu zeigen, dass die Grenzen des politisch Korrekten nicht feststehen und immer wieder neu ausgehandelt werden.» So seien ja auch die Folgen eines sprachlichen Tabubruchs, der die NS-Zeit betreffe, verschieden. Martin Walsers Paulskirchenrede von 1998 sei ein anderes Beispiel. Der Schriftsteller hatte von der «Moralkeule» Auschwitz gesprochen, mit der das Thema Shoah «zu gegenwärtigen Zwecken missbraucht» werde. Hölscher stellt hier fest, dass Walser zwar heftig kritisiert worden sei, er als Autor aber nicht dauerhaft einen Schaden für seine weitere Karriere davontrug.

Im Buch wird der sprachliche Umgang mit dem Nationalsozialismus von den Anfängen direkt nach Kriegsende (etwa Victor Klemperers «Lingua Tertii Imperii») bis hin zu kurz zurückliegenden Debatten wie denen des CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann über die Deutschen als «Opfervolk» nachvollzogen. Am Schluss der Veröffentlichung stehen 13 Interviews mit Menschen, die in ihrem Alltag dauernd mit Sprache arbeiten und dabei Grenzen des «politisch Korrekten» kennen - wie beispielsweise Fernseh-Kabarettist Harald Schmidt. (Lucien Hölscher (Hg.), Political Correctness. Der sprachpolitische Streit um die nationalsozialistischen Verbrechen. Mit Beiträgen von Tillmann Bendikowski, Thomas Mittmann und Gunnar Sandkühler, Wallstein Verlag: Göttingen 2008)

Gespräch: Johannes Wagemann, dpa

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