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Giftschlangen suchen Zuhause

Hochbetrieb im Exotentierheim

RHEINBERG Ein Python im Motorraum und ein lebensgefährlicher Schlangenbiss: Seit den jüngsten Vorfällen diskutiert NRW ein Verbot gefährlicher Exoten. Im TerraZoo im niederrheinischen Rheinberg kümmern sich Menschen um Reptilien, die keiner mehr will - auch um die gefährlichen.

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Ein grüner Leguan und eine Riesenschildkröte erkunden im Terrazoo in Rheinberg (Nordrhein-Westfalen) ihr Außengehege.

Eine Schwarzkehlwaran erkundet im Terrazoo in Rheinberg (Nordrhein-Westfalen) sein Terrarium.

Eine Bartagame sitzt im Terrazoo in Rheinberg (Nordrhein-Westfalen) auf der Hand eines Tierpflegers. Der Zoo für Reptilien kümmert sich auch um ausgesetzte Tiere.

Die kleine Schildkröte in der Hand des Tierpflegers strampelt mit den Beinchen, verdreht den Kopf. Sie würde sich am liebsten in ihren Schutzpanzer zurückziehen. Doch der ist zerbeult und viel zu klein für das handtellergroße Reptil. Haltung auf zu engem, zu dunklem Raum und Fehlernährung seien der Grund für den deformierten Panzer, erklärt Bernhard Marschalkowski, Tierpfleger im TerraZoo in Rheinberg. Zum Zoo gehört die zentrale Reptilienauffangstation Nordrhein-Westfalens. „Es ist wohl das traurigste Tier, das wir hier haben“, sagt Marschalkowski und setzt sie zurück in ihr Wasserbassin. Weitervermittlung unwahrscheinlich: „Wer will die schon haben?“ 

Traurige Schildkröte

Mit ihrer traurigen Geschichte ist die Schildkröte in Rheinberg nicht allein: Knapp dreiviertel der rund 1000 Reptilien, die allein 2013 hier landeten, wurden abgegeben, weil ihre Besitzer sie nicht mehr wollten. Der Rest stammt aus behördlichen Beschlagnahmungen wegen falscher Haltung oder Artenschutzverstößen oder kam als Fundtier in die Station. Immer wieder rücken die TerraZoo-Experten aus, wenn Feuerwehrleute Schlangen aus der Kanalisation bergen oder wenn die Polizei bei tierischer Schmuggelware nicht weiß, ob sie harmlose, geschützte oder gar giftige Arten vor sich hat. 

Als kürzlich im Kreis Kleve ein Mann durch den Biss einer giftigen Puffotter lebensgefährlich verletzt wurde, riefen die Behörden die Schlangenfachleute zur Hilfe. Nicht nur die bissige Giftschlange nahmen sie gleich vorläufig mit in die Auffangstation: In viel zu kleinen Gehegen in der Wohnung des Mannes hausten außerdem Würgeschlangen und eine Boa Constrictor, wie Ruth Keuken vom Kreis Kleve berichtet. Die Haltung dieser Tiere sei zwar nicht verboten, „unsere Veterinärabteilung wurde aber eingeschaltet, weil wir tierschutzrechtliche Probleme sahen“, sagt Keuken. 

1,80 Meter großer Leguan in Zweizimmerwohnung

Und so herrscht Hochbetrieb im Exotentierheim. Je größer das Tier, desto schwerer sei es, neue Besitzer zu finden, sagt Uwe Ringelhan, Leiter der Auffangstation. Artengeschützte Vierbeiner wie die griechische Landschildkröte werden hier genauso untergebracht wie Echsen oder Riesenschlangen, die ihren Haltern über den Kopf wachsen. Buchstäblich: „Ein niedlicher, kleiner Grüner Leguan wird 1,80 Meter groß. In einer Zwei-Zimmer-Wohnung wird es mit einem entsprechend großen Terrarium schnell eng“, begründet Ringelhan.  „Meist sind das Schnellkäufe“, sagt er. Im Internet oder auf Börsen verramscht, seien die Besitzer schnell auch vom Zeit- und Geldaufwand für ihr neues Haustier überfordert. So kostet eine Kornnatter mit rund 5 Euro weitaus weniger als die Babymäuse, die die beliebte Schlange binnen weniger Monate verspeist. Sogar Baumärkte würden inzwischen Terrarienbewohner an den Mann bringen. „Ich kauf doch keinen Sack Gips und eine Bartagame dabei“, schimpft Reptilien-Liebhaber Marschalkowski.  Es sei wichtig, den Motiven der künftigen Halter auf den Zahn zu fühlen. „Immer wieder wollen Leute mit einer Giftschlange nur den dicken Macker markieren - und haben von Schlangenhaltung gar keine Ahnung“, sagt er und deutet auf eine Otter mit unscheinbarer beige-brauner Zeichnung. Die Gabunviper mit tödlichem Biss wurde in einer Wohnung beschlagnahmt. „Bei dem selbst gebauten Terrarium fiel die Frontscheibe fast ab. Es hätte nicht lange gedauert, und das Tier wäre entwischt.“

"Reptilien-Führerschein"

Dass die Schwemme gefährlicher Tiere ein Problem ist, hat man auch bei der Landesregierung erkannt. „Giftige Exoten gehören nicht in die Wohnzimmer unseres dicht besiedelten Bundeslandes“, sagt Umweltminister Johannes Remmel. Wie einige Länder zuvor will er auch in Nordrhein-Westfalen die Haltung besonders gefährlicher Tiere verbieten, die Haltung anderer gefährlicher Exoten zumindest anzeigepflichtig machen.  Im Rheinberger TerraZoo steht man dem Vorstoß skeptisch gegenüber. „Das treibt auch gewissenhafte Halter in die Illegalität“, fürchtet Ringelhan. „Reptilien sind ein faszinierendes Hobby, aber ich muss einfach den Sachverstand und das Fachwissen mitbringen,“ fügt Marschalkowski hinzu. Statt Verboten wünschen sich die Experten daher eine Art Reptilien-Führerschein. Wer eine gefährliche Schlange wirklich halten will, müsste dann in Schulungen unter Beweis stellen, dass er dem Hobby und dem Tier wirklich gewachsen ist. 

von dpa

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Ein grüner Leguan und eine Riesenschildkröte erkunden im Terrazoo in Rheinberg (Nordrhein-Westfalen) ihr Außengehege.

Eine Schwarzkehlwaran erkundet im Terrazoo in Rheinberg (Nordrhein-Westfalen) sein Terrarium.

Eine Bartagame sitzt im Terrazoo in Rheinberg (Nordrhein-Westfalen) auf der Hand eines Tierpflegers. Der Zoo für Reptilien kümmert sich auch um ausgesetzte Tiere.

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