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Im geborgten Körper auf der Suche nach starken Gefühlen

Premiere Zeitmaul-Theater

Sie zuckt mit dem Oberkörper, der eben noch wie leblos in dem Sessel lag. Sie stößt unmenschliche, urschreiartige Geräusche aus, blinzelt aus schwarzgeränderten Augen. Litlith windet sich in dem Körper. Es ist wie Tod und Geburt zugleich.

BOCHUM

von Von Julia Wessel

, 07.10.2011
Im geborgten Körper auf der Suche nach starken Gefühlen

Als Lilith versucht Maria Wolf derzeit in der Produktion des Theaters Zeitmaul sich von der Essenz der Menschen zu nähren.

Wie in ein Kostüm fährt die mythische Dämonin in den Leib der Selbstmörderin, das Blut haftet noch an ihren Handgelenken. Die Frau ist tot, doch Lilith, gespielt von Maria Wolf, sucht nach Leben. Witek Danielzcok, Autor und Regisseur, schickt in der neuen Inszenierung des Theaters Zeitmaul eine Gestalt auf Reisen, die älter ist, als die Zeit. Am Donnerstag war im Theater der Gezeiten Premiere. Der Auftakt des Stücks: ein Pulsschlag. „Mein Herz schlägt nur einmal in der Stunde. Dazwischen nichts als Leere“, haucht Lilith ins Dunkle. Eine Stunde, in der sie aus dem Wald heraus in die Stadt zieht, dürstend nach menschlichen Emotionen, dem Treibstoff ihrer Seele. Stark müssen sie sein und abgründig, die Essenz der Menschen.

Sie, die Heimatlose, aus dem Garten Eden Verbannte, gleitet durch die Nacht. Sie ist der Wind, der in die Körper hinein fährt. Sie ist der schwarze Parasit, der sich in düstere Seelen bohrt, diese noch extremer handeln lässt. Ein Mann, der seine Frau verdrischt. Der kleine Sohn im Nebenzimmer, der um die Mutter bangt, dem sie, einem Schatten gleich, das Leben aussaugt. „Oh Gott“, wispert es im Publikum. Lilith ist nichts für Harmoniebedürftige. Das Faszinierende daran: das Szenario auf der Bühne ist absolut schlicht gehalten. Ein einfaches Kostüm, wenig Spielerei mit der Beleuchtung – und nur eine Schauspielerin, nur Maria Wolf. Dann und wann erklingen Stimmen oder Geräusche vom Band.

Wolf schafft es, die Szenarien des monologischen Stücks direkt in die Vorstellungswelt der Zuschauer zu transportieren. Und so sehen sie ihn eben doch, den Psychopathen, der die Frau erwürgen will. Die wendet sich, gesteuert von Lilith, der der Mann nicht extrem genug ist, gegen den Mörder und erschlägt ihn. Doch all das bleibt nicht in Lilith, erfüllt sie nicht dauerhaft mit Essenz. Vielleicht, weil die Menschen der Gegenwart auch leer sind. So schlägt ihr Gebet, der Rahmen des Stücks, in ein Flehen um. Ein Flehen um Vernichtung. Doch statt dieser folgt ein Herzschlag.