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Immer mehr Studenten klagen Studienplatz ein

Hamburg (dpa) Durch die oft unklaren Regeln bei der Vergabe von Studienplätzen rollt auf die deutschen Universitäten zum Beginn des neuen Semesters eine Klagewelle zu.

«Die Zahl der Klagen von Studienanfängern nimmt deutlich zu», sagte der Hochschulrechtler Dirk Naumann zu Grünberg. Kann nachgewiesen werden, dass von der Hochschule für einzelne Fächer zu wenige Plätze angeboten wurden oder das Vergabeverfahren nicht korrekt war, spielt die Abiturnote des Klägers keine Rolle mehr. Deshalb sei dieser Weg zum Studienplatz für viele Abiturienten attraktiv. «Dann erhält man auch mit einer Note von 3,0 einen Platz, auch wenn der Numerus Clausus 1,3 beträgt.»

Dadurch rutschen junge Leute, die vom Abiturschnitt her sonst noch Jahre warten müssten, unverhofft in ein Studium. Seit einigen Semestern vergeben Hochschulen auch in ZVS-Fächern 80 Prozent der Plätze nach eigenen Regeln, nur noch 20 Prozent werden direkt von der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen verteilt, sagt Naumann zu Grünberg. Darunter fallen die Fächer Human-, Tier- und Zahnmedizin sowie zum Teil Psychologie.

Viele Universitäten haben nach Angaben von Bildungsexperten einfach die Türen zugemacht und den Weg ins Studium mit hohen örtlichen Zulassungsbeschränkungen (Numerus Clausus) versperrt. Im Vergleich zu 2003 gab es 2007 bundesweit zwar 17 Prozent mehr Abiturienten und junge Leute mit Fachhochschulreife, gleichzeitig aber fünf Prozent weniger Studienanfänger. Nach der faktischen Entmachtung der ZVS gibt es häufig ein Wirrwarr bei dem neuen Studentenauswahlrecht der Hochschulen.

«Wir haben aber generell das große Problem, das es viel zu wenige Studienplätze für zu viele Studienbewerber gibt», sagt Naumann zu Grünberg, der eine auf Hochschulrecht spezialisierte Kanzlei in Hamburg leitet. Rund 7000 Studienplatz-Klagen hat der Anwalt bisher angestrengt. «Die Chance, der Universität in einem Bündel von Verwaltungsverfahren Fehler nachzuweisen, ist in der Regel groß.» Entscheidend sei, zu zeigen, dass nicht genügend Studienplätze bereitgestellt oder nicht gerechtfertigte Auswahlkriterien verfolgt wurden. «Die Regeln der Vergabe sind kaum noch zu durchschauen und ändern sich ständig.»

Auch die hohen Zugangsschwellen und lange Wartezeiten würden immer mehr Studenten vor die Gerichte treiben. Bei Humanmedizin betrage die Wartezeit mehr als zehn Semester. «Das fördert die Bereitschaft, den Klageweg zu beschreiten.» Es sei ein «volkswirtschaftlicher Wahnsinn», sich über den Ärztemangel in Mecklenburg-Vorpommern oder das gegenseitige Abwerben von Lehrern zu beschweren, und zugleich Studienanfängern zu wenig Plätze anzubieten.

Auch bei ZVS-Plätzen kann gegen Universitäten geklagt werden, da die Hochschulen bestimmte Auflagen für die Plätze machen, die von der ZVS an diese Universität vergeben werden. Bis zum 18. August werden tausende Abiturienten ihre Ablehnungsbescheide durch die ZVS erhalten haben. «Dann folgt die Hochphase der Klagen», sagt Anwalt Naumann zu Grünberg. Er vertritt bisher 100 Klagen für das im Oktober beginnende Wintersemester. «Wichtig ist es, die Einspruchsfristen einzuhalten.»

Viele Studenten würden bei mehreren Ablehnungsbescheiden mehrere Universitäten zugleich verklagen. Bei zehn beklagten Hochschulen kann dies bis zu 9000 Euro kosten. «Aber die unterlegene Universität hat die Verfahrenskosten zu tragen», sagte Naumann zu Grünberg. Häufig übernehmen auch Rechtsschutzversicherungen das Risiko. Das Vorgehen der Verwaltungsgerichte, die über die Klagen entscheiden, sei sehr unterschiedlich. «Einige losen, wenn es mehr erfolgreiche Klagen als Studienplätze gibt, andere entscheiden nach den Noten der Kläger.»

Auch wenn Unis Auswahlgespräche oder Zusatzqualifikationen als wichtige Kriterien bei der Studienplatzvergabe vorgeben, zähle letztlich zumeist doch die Abiturnote. Naumann zu Grünberg kritisiert in diesem Zusammenhang das fehlende Engagement vieler Universitäten für die Schulabgänger: «Ein Studienplatz kostet die Hochschule Geld, Forschung hingegen bringt Geld und Reputation.»

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