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In Josef Winklers Werken lauert der Tod

Darmstadt (dpa) Der Tod lauert überall in seinem Werk. Er dient als Sinnbild für die heuchlerische Dorfgemeinschaft und die unterdrückende katholische Kirche, die Büchner-Preisträger Josef Winkler literarisch anprangert.

In Josef Winklers Werken lauert der Tod

Der österreichische Schriftsteller Josef Winkler bedankt sich für die Auszeichnung mit dem Georg-Büchner-Preis 2008.

Auch das schwierige Verhältnis zu seinem autoritären Vater und seiner verstummten Mutter hat der Österreicher in mehreren Büchern «abgetragen und nieder-geschrieben», wie er der Deutschen Presse-Agentur dpa sagte: «Mein Thema sind Riten und Rituale, aber mir geht es vor allem um die Sprache, die Form, den Stil und den Klang.» Der renommierte Büchner-Preis (40 000 Euro) wurde Winkler («Roppongi, Requiem für einen Vater») am Samstag in Darmstadt überreicht.

Eine leichte Kost sind Winklers Werke nicht. Seine düsteren Fantasien, sein Hass und seine Blasphemie verpackt er in langen Schachtelsätzen, in denen jeder Gedanke eine neue Assoziation hervorruft, die sogleich in einem Nebensatz eingefügt werden muss. Dem 55 Jahre alten Autor geht es um präzise Beschreibungen und um die Schönheit der Sprache, wie er betont. Mitteilungsliteratur «ohne eine besondere eigene Sprache» lehnt er ab. In seinem neuesten Buch «Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot» benennt er die Triebfeder für sein Schreiben: «Wenn mir nicht ein Satz wie ein Mühlstein um den Hals hängt, wozu soll ich ihn dann loswerden?»

In der Urkunde des Büchner-Preises ehrt die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung Winkler, «der schonungslos und mit unerhörter Radikalität die Katastrophen seiner katholischen Dorf-Kindheit und die seines Ausgesetztseins in einer mörderischen Welt in barock-expressive, rhythmische Prosa von dunkler Schönheit verwandelt hat».

Erzählstränge und vorab ausgeklügelte Geschichten sind Winklers Sache nicht. Sein Schreiben sei vielmehr eine «disziplinierte Raserei», das «Luftschöpfen eines vom Ertrinken Bedrohten», sagte der Essayist und Kulturkritiker Ulrich Weinzierl am Samstag in seiner Laudatio. «Es ist ein innerer Zwang als Antwort auf einen äußeren, es ist reine Notwehr. Josef Winkler hat sich in die Literatur und durch sie gerettet.»

Um Stoff für seine Bücher zusammenzutragen, sammelt Winkler mit seinem «Filmkamerakopf» gierig nach Bildern und schafft dann ein Ganzes aus einzelnen gesammelten Textstücken. Er geht nie ohne Stift und Notizblock aus dem Haus und hält alles im Detail fest. «Ich habe Material, das sich beim Schreiben Bild für Bild und Satz für Satz entwickelt. Plötzlich ist eine Geschichte da. Ich weiß vorher nie, was daraus wird.» In seinen Büchern gebe es nur wenige Sätze, die nicht aus Bildern bestehen. Paul Nizon schrieb einmal über ihn: «Winkler schreibt gegen die Macht von Ritualen an, indem er sie bilderreich, fantasievoll, leidenschaftlich wiederholt in einer Sprache, die deren Repressionscharakter aufdeckt.»

Längst hat Winkler im heimischen Kärnten genügend Bilder gesammelt. Seither führen ihn seine literarischen Entdeckungstouren nach Mexiko, Italien oder Indien, wo es für ihn «mehr zu sehen gibt als in Wien». Seine Eindrücke schildert er in Romanen wie «Domra. Am Ufer des Ganges» (1996) oder «Natura Morta. Römische Novelle» (2001).

Winkler wurde am 3. März 1953 in dem 200-Seelen-Dorf Kamering in Kärnten geboren. Er wuchs in einer konservativen Bauernfamilie auf. «Im ganzen Dorf gab es kein einziges Buch, nicht einmal die Bibel. Nur diese Gebetsbücher mit den Litaneien», berichtet Winkler. Deshalb habe er seinem Vater Geld gestohlen, um sich Bücher kaufen zu können. Inspiriert von Winnetou-Filmen las der neunjährige Winkler fast 40 Karl-May-Bücher, mit 15 Jahren stieß er auf die Weltliteratur.

Sein Werk ist stark beeinflusst von dieser Zeit. «Ich bin in einem katholischen Dorf aufgewachsen, und die Kindheit und Jugend sind für jeden Schriftsteller etwas ganz Einprägendes», sagt er. Die katholische Kirche habe er in sieben Jahren als Ministrant kennen-, aber nicht lieben gelernt: «Den Glauben hat mir die katholische Kirche in meiner Kindheit endgültig ausgetrieben, indem sie mir unendlich Angst gemacht und die Unterwerfung gefordert hat.» Zwar habe man ihm den Kirchturm nicht ins Herz reiben können: «Aber er hat mich schwer gestreift und ich bin beschädigt bis an mein Lebensende.»

Winkler ist seit 1982 freier Autor. Er lebt in Klagenfurt, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Der Kärntner wurde unter anderem mit dem Kranichsteiner Literaturpreis (1990), dem Bettina-von-Arnim-Preis (1995) dem Berliner Literaturpreis (1996), dem Alfred-Döblin-Preis (2001) und dem österreichischen Staatspreis (2008) ausgezeichnet. Einen Bestseller landete er noch nicht. Den Grund nennt Winkler selbst: «Meine Sprache ist zu kompliziert für ein Massenpublikum.»

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