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Die Dortmunderin Irena Kurka hat den ersten Neue-Musik-Podcast der Welt gestartet. Unheimlich ist der Dozentin der Technischen Universität Dortmund, dass sie nur positive Reaktionen bekommt.

Dortmund

, 11.09.2018 / Lesedauer: 4 min

Es erscheine ihr etwas unwirklich, formuliert die selbstbewusste Sängerin, dass sie auf ihr neuestes Projekt bisher ausschließlich positive Reaktionen bekommen habe. Und zwar seit Monaten: Im April startete sie ihren Podcast „neue musik leben“ und verzeichnet seitdem stetig steigende Download-Zahlen, Abonnenten und Kommentare. Die Sendungsreihe ist schon jetzt eine kleine Erfolgsgeschichte. Und Irene Kurka eine Pionierin.

Interview mit einem Komponisten

Die 44-Jährige sitzt im Schatten eines Straßencafés in Düsseldorf-Bilk und trinkt einen Milchkaffee, bei der Hitze im lila Top, ihr Blick ist wach. Nur wenige Tage vor dem Treffen hat sie die achte Folge von „neue musik leben“ bei iTunes hochgeladen, woraufhin rund 200 Hörer auf „anhören“ klickten. 55 Minuten dauert das Interview mit dem niederländischen Komponisten und Flötisten Antoine Beuger.

Es ist weniger ein klassisches Interview als vielmehr ein Gespräch zwischen zwei Kollegen, die sich lange kennen und zum ersten Mal über bestimmte wichtige Dinge reden: ihre Vorstellung von musikalischer Ästhetik, die Zusammenarbeit zwischen Komponist und Interpret oder den Sinn und Unsinn eines Begriffs wie „Zeitmanagement“.

Es ist eine knappe Stunde, die, auf der Zugfahrt oder nebenbei gehört, sehr schnell vergeht, so natürlich und vertraut Kurka und Beuger miteinander sprechen, denken, um Worte ringen. Der Erfolg dieser einen Sendung war so groß und das Feedback so gut, dass die Beiden das Interview ein zweites Mal aufnahmen – auf Englisch.

Kurkuas Podcast ist weltweit einmalig

Das hat einen guten Grund: Kurkas Podcast ist in dieser Form nämlich nicht nur in Deutschland, sondern bisher weltweit einmalig. Von den in Serie veröffentlichten Audiodateien, die man sich herunterladen und anhören kann, gibt es zwar viele, doch aktuell keinen einzigen, der sich in dieser Form ausschließlich der Neuen Klassischen Musik widmet. Damit hat die Sopranistin, die die erste Folge „neue musik leben“ am Dienstag nach Ostern online stellte, eine Marktlücke entdeckt.

Bisher kann man 13 Folgen herunterladen, mit Längen zwischen 14 und 55 Minuten, und pro Monat erscheinen zwei bis vier neue. Viele sind Interviews wie das mit Beuger, aber Kurka macht auch Solo-Sendungen, in denen sie Themen behandelt, die ihr am Herzen liegen. So gibt sie Tipps für Komponisten, die für Sänger schreiben, und formuliert ihre Wünsche an neue Stücke.

Kurka erklärt aber auch Gesangs- und Spieltechniken in Werken Neuer Musik, für angehende Sänger und für Laien gleichermaßen verständlich. Dazwischen streift sie weniger stark fokussierte, beinahe psychologische Themen – wie in der siebten Folge die „Komfortzone“ einer Musikerin.

Hochschulen und Konzerthäuser sind konservativ

Laut Kurka hören Leute aus der Szene ihren Podcast genau wie Laien, sowohl Kompositionsstudenten als auch Hochschulprofessoren. Es scheint Bedarf zu geben an einem „Türöffner“ für Neue Musik. Das kann aber auch daran liegen, wie Kurka sagt, dass viele Konzerthäuser und Hochschulen sehr konservativ aufgestellt seien was ihr Repertoire angeht – und viel zeitgenössische Musik noch immer wie etwas Fremdes behandelt werde.

„Ich wünsche mir, dass an Hochschulen Neue Musik und die entsprechenden Techniken selbstverständlicher behandelt und gelehrt werden“, sagt Kurka. Und, klar, im Konzert häufiger gespielt und gehört werden.

Sängerin hat die Leidenschaft, über Musik zu sprechen

Ihren Podcast startete Kurka, die auch an der TU Dortmund doziert, als idealistische Aktion, aus der Leidenschaft heraus, über Musik und vor allem über die Neue Musik zu sprechen, der sie sich als Künstlerin gewidmet hat.

„Mir wurde oft nach Workshops und Kursen von den Teilnehmern gesagt, dass die Art, wie ich manche Dinge erklärt habe, ihnen die Augen geöffnet hat“, erzählt Kurka. „Immer wieder hörte ich: ‚So hat noch nie eine Sängerin mit mir gesprochen.‘“ Was sie meint: „Jeder kann Neue Musik machen und verstehen. Wir müssen uns nicht als abgehobene Experten inszenieren.“ Ihr Ansatz ist wenig intellektualistisch. Ganz direkt. Und möglichst natürlich.

Das Hörerlebnis soll lebendig, natürlich und persönlich wirken

Genau das reizte sie auch am Podcast-Format, als sie sich Anfang des Jahres damit vertraut machte. „Es waren einerseits der lockere Ton und das Gesprächhafte, was mir so gut gefiel, und andererseits die Art, es zu konsumieren“, sagt Kurka in dem Düsseldorfer Café. „Immer wenn ich Zeit hatte, habe ich alle möglichen Sachen rauf und runter gehört, beim Putzen oder Kochen.“ Das „normale Reden“, wie sie sagt, mache das Hörerlebnis „lebendig, natürlich, persönlich“, es gebe auch mal Fehler, Versprecher oder eine Bahn im Hintergrund: „Genau mein Ding“, sagt sie.

Das merkt man auf ihrem Podcast vor allem in den Interviews: Zwischendurch beginnt das Gespräch zu fließen, als höre niemand zu. Dieses freie und lockere Sprechen wolle Kurka immer weiter verbessern, wie sie sagt: „Ich wachse mit jeder Folge.“

Themen kommen am laufenden Band

Die zehnte ist am 31. Juli erschienen, ein Interview mit der Geigerin Susanne Zapf, das sie am Telefon in ihrem Wohnzimmer aufnahm. Bei der Frage, ob ihr mal die Themen oder Ideen ausgehen könnten, muss Irene Kurka lachen. „Die nächsten zehn Folgen sind schon fest geplant“, sagt sie.

Außerdem kämen ihr am laufenden Band neue Ideen für weitere Themen – und scheinbar auch dann, wenn sie, wie zuletzt sehr häufig, selbst interviewt wird.

Der Podcast ist auf Irene Kuras Website oder auf Apple Music, Spotify und Soundcloud zu hören. Kurkas jüngste CD ist „Ohrwurm“ mit Klavierliedern von Moritz Eggert (2018). Am Musikinstitut der TU Dortmund gibt sie als Dozentin Workshops und Seminare, arbeitet dort eng zusammen mit Professorin und Komponistin Eva-Maria Houben.