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Iring Fetscher über Rousseau: Ein moderner Denker

Frankfurt/Main (dpa) Was kann uns Jean-Jaques Rousseau nach 300 Jahren noch sagen? Für den Frankfurter Politikwissenschaftler Iring Fetscher ist der Genfer Philosoph ein moderner Denker, der in die Zukunft weist. Im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa gibt Fetscher, der im März seinen 90. Geburtstag gefeiert hat, einen Einblick in die Ergebnisse seiner Rousseau-Forschung.

Iring Fetscher über Rousseau: Ein moderner Denker

Iring Fetscher in seinem Haus in Frankfurt/Main. Foto: Peter Zschunke

Herr Fetscher, Sie haben ein Standardwerk über Rousseaus politische Philosophie geschrieben - wie lässt sich deren Kern beschreiben?

Fetscher: «Der interessanteste politische Begriff bei Rousseau ist die Volonté générale, der Gemeinwille als ein Wille, der in einer Republik, was wir heute Demokratie nennen, der Wille aller sein müsste. Diesem Gemeinwillen unterstellte er, dass er in älteren Gesellschaften, die sozial relativ homogen waren, noch vorhanden war. Er glaubte aber, dass er zum Beispiel in Frankreich und England nicht mehr existiert. Rousseau war ein resignierter Zeitgenosse. Er hat für alle großen Staaten keine Republik mehr für möglich gehalten. Sein eigentliches Ideal sind die kleinen Schweizer Kantone. Die Gleichheit der Schweizer Bergbauern, die nie große Eigentümer gewesen sind, hat so etwas möglich gemacht wie einen natürlichen Gemeinwillen.»

Was aber hält dann die modernen Staaten zusammen?

Fetscher: «Wenn man den wirklichen Gemeinwillen nicht mehr vorfindet, dann kann man laut Rousseau durch Erziehung so etwas herstellen wie einen patriotischen Gemeinwillen. Das kann durch gemeinsame gesellschaftliche Betätigung geschehen, vielleicht im Sport, heute etwa beim Fußballspiel. Der patriotische Gemeinwille entscheidet sich allerdings dadurch von dem echten und moralisch hochwertigen Gemeinwillen, dass er vor allem die Abgrenzung von anderen im Auge hat. Das ist meines Erachtens eine moderne Erkenntnis, die sicher im Laufe des 19. Jahrhunderts dann auch eine große Rolle gespielt hat, als der Nationalismus zur Grundlage der Herausbildung moderner Staaten geworden ist.»

Das ist aber kein Rezept mehr für das 21. Jahrhundert?

Fetscher: «Der Patriotismus als Ersatz für die nicht vorhandene Volonté générale ist problematisch, weil man mit der Betonung der Abgrenzung nach außen eine nicht vorhandene Gemeinschaft herzustellen versucht. Durch eine aggressive Fremdenfeindlichkeit in einer Gesellschaft wird so etwas hergestellt wie eine Gemeinschaft der der gleichen Kultursprache angehörenden Mehrheit. Was (Anm: Thilo) Sarrazin macht, das ist ein typisches Mittel der Herstellung von Gemeinschaftsgefühl durch aggressive Abgrenzung gegen zu Feinden gemachte Andere.»

Und was sind dann sinnvolle Alternativen?

Fetscher: «Kein großer Staat auf der Welt ist heute allein existenzfähig. Alle sind aufeinander angewiesen in der weltwirtschaftlichen Verzahnung. Daher reicht auch eine nationale Identität nicht aus, um Menschen freiheitlich und friedlich zusammenleben zu lassen. Auch eine europäische Identität reicht noch nicht aus. Die Europäer haben ja die ganze Welt stark beeinflusst, in allen Regionen, die sie kolonialisiert haben. Wir können die europäischen Probleme nicht lösen ohne die von Europa mit veranlassten Weltprobleme zu lösen. Wir müssen eine weltbürgerliche Gemeinschaft bilden, sind davon aber noch sehr weit entfernt.»

Das klingt utopisch und passt insofern zu Rousseau. Aber können uns Utopien denn heute noch weiterhelfen?

Fetscher: «Die Vorstellung einer idealen Gesellschaft, in der alle Probleme schon gelöst sind, kann uns heute nicht mehr überzeugen, weil wir zu oft gespürt haben, wie Leute, die eine Utopie verwirklichen wollten, das Gegenteil davon erreicht haben. Marx hat sich vorgestellt, dass die Volonté générale, die für Rousseau nur in einer gleichen, kleinen Gemeinschaft existiert, in der Weltgemeinschaft existiert durch das internationale Proletariat. Das war eine Utopie, die sich heute niemand mehr vorstellen kann. Die Realisierung von utopischen Vorstellungen ist doch erledigt und wir müssen sehen, wie wir auf einem schlichteren Wege zu einer friedlichen Welt kommen. Eine meiner Ideen war immer, dass die Erkenntnis der Begrenztheit von Wachstum zu einer Art solidarischen Weltgesellschaft führen könnte. Das ist dann das Gegenteil von Utopie: Wenn wir so weiter machen wie bisher, dann geht es uns allen schlecht und daher müssen wir etwas ändern.»

Sie haben ja im März mit Ihrem 90. Geburtstag auch einen besonderen Jahrestag gefeiert.

Fetscher: «Ja, ich hätte nie geglaubt, dass ich so alt werde. Aber jetzt lache ich über alle 80-Jährigen.»

Webseite Iring Fetscher

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