Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung
Anzeige
Anzeige

Jochen Köhlers «Helmuth James von Moltke»

Reinbek (dpa) Als herausragende Gestalt des deutschen Widerstandes gegen Hitler dürfte Helmuth James Graf von Moltke weithin bekannt sein.

Jochen Köhlers «Helmuth James von Moltke»

Jochen Köhler: «Helmuth James von Moltke»

Aber was weiß man wirklich über ihn? Dass er aus einer traditionsreichen Familie stammte, als Anwalt Juden bei der Ausreise half, mit dem Kreisauer Kreis Pläne für ein demokratisches Deutschland entwarf und noch mit gefesselten Händen vor der Hinrichtung Briefe schrieb. Und doch ist weitaus weniger über ihn bekannt als beispielsweise im Falle der Hitler-Attentäter um Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Eine neue Biografie von Jochen Köhler befasst sich mit Kindheit und Jugend Moltkes - einfühlsam, lebendig und grandios erzählt. Dabei ist sie nur ein Fragment.

Köhlers Buch ist ein besonderes Werk. Mehr als 20 Jahre lang hat er daran gearbeitet, er bahnte Beziehungen zu der Familie an und protokollierte zahllose Gespräche mit Angehörigen und Freunden des 1907 geborenen Moltke. Im März 2007 sollte das Buch erscheinen, doch der Termin ließ sich nicht halten. Wenig später starb der Autor, ohne sein Buch beenden zu können. Was an der Bedeutung der biografischen Erzählung, denn um eine solche handelt es sich eigentlich, nur wenig ändert. Im Vorwort betont Verleger Alexander Fest denn auch Köhlers «unvergleichliches Talent», der Autor habe geschrieben «wie niemand sonst». Und er hatte auch Quellen wie niemand sonst, vor allem die Witwe Moltkes, Freya von Moltke.

Entscheidend für das Werk ist wohl die Einschätzung Fests: «Köhler war ein Schriftsteller von außerordentlicher Begabung.» Denn nicht als Historiker, sondern als Schriftsteller mit einer Methode, die über die Maßen subjektiv scheint, näherte er sich dem Menschen Moltke. «Ins-Leben-Starren» nannte er diese Methode, mit der er sich anhand der historischen Zeugnisse in den Geist Moltkes hineinzutasten und ihn gewissermaßen zum Leben zu erwecken versuchte. Sicher nicht streng wissenschaftlich, aber es gelingt ihm, die Kindheit, das Erwachsen- und Bewusstwerden des jungen Mannes gleichsam nacherleben zu lassen.

Dabei lässt er das Kaiserreich vor dem Ersten Weltkrieg und die Weimarer Republik aufleben - und eingebettet darin die Kindheit Moltkes auf dem elterlichen Gut in Kreisau (heute Polen). Vor allem die Beschreibung der Kinderzeit gelingt Köhler vortrefflich - einer Zeit, die unter dem Eindruck des Feldmarschalls und militärischen Schmiedes der Gründung des Deutschen Reiches von 1871, Helmuth von Moltke, stand. Dagegen stand der Einfluss der Mutter Dorothy von Moltke, die aus einem liberalen britischen Elternhaus in Südafrika stammte. Und zu den preußischen Junkern eigentlich kaum passte: Das Ende der Monarchie 1918 bedauerte sie nicht, dass der Frieden teuer werde, auch nicht. «Aber das macht nichts, wenn wir nur einmal den Zustand einer lebendigen Welt erreichen, in der Frieden und Ordnung herrschen», schrieb sie.

Schon früh interessierte sich Helmuth James - immer nennt Köhler seine Protagonisten beim Vornamen und schafft so Nähe - für Politik, setzte sich beispielsweise für eine schlesische Bürgerinitiative ein, die sich um notleidende Bergarbeiter bemühte. 1929 traf er erstmals seine spätere Frau Freya. «Ich sah ihn, und mein Herz stand still», sagte Freya dem Autor. Für Freya ein Anfang, für das biografische Fragment schon fast das Ende - der Leser erfährt noch, wie Helmuth James das in finanzielle Nöte geratene Gut Kreisau rettet und als Jurist in das mit dem Machtantritt Hitlers notwendige «Referendarlager» muss.

Dann bricht das Buch ab. Was folgt, ist bekannt: Kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Moltke Sachverständiger für Kriegs- und Völkerrecht der Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht. Er kämpfte für menschliche Behandlung von Kriegsgefangenen und knüpfte ein Netz des Widerstandes. Der Kreisauer Kreis, wie die Gestapo die Gruppe nach der Entdeckung nannte, entwarf Pläne für die Neuordnung Deutschlands. Im Januar 1944 wurde Helmuth James von Moltke verhaftet, am 23. Januar 1945 hingerichtet.

Jochen Köhler

Helmuth James von Moltke. Geschichte einer Kindheit und Jugend

Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg

400 S., Euro 22,90

ISBN: 978-3-498-06388-7

Anzeige
Anzeige
Das könnte Sie auch interessieren

Buch

Maja Lunde ist Botschafterin der Bienen

Oslo (dpa) Maja Lunde wollte eigentlich nur ein Buch schreiben, das sie selbst gern lesen würde. Das Ergebnis, "Die Geschichte der Bienen", gefällt auch Tausenden Lesern. Doch die Norwegerin ist mit dem Thema Klima noch nicht fertig.mehr...

Buch

Verbrechersuche in den italienischen Alpen

Berlin (dpa) Abseits von Donna Leon oder Andrea Camilleri haben es italienische Krimi-Autoren nicht leicht. Dass trotzdem spannende Literatur geschrieben wird, beweist der neue Roman von Donato Carrisi.mehr...

Buch

Autor Franzobel erhält Nicolas-Born-Preis

Hannover (dpa) "Das Floß der Medusa" war für den Österreicher der größte literarische Erfolg in Deutschland. Für sein Werk wird er mit dem Nicolas-Born-Preis geehrt. Als Debütatin wird Julia Wolf ausgezeichnet.mehr...