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Jürgen Großmann: "Ich fange an, RWE zu lieben"

ESSEN Heute legt der Energiekonzern RWE den Grundstein für das neue Kohlekraftwerk in Hamm. Ein Gespräch mit RWE-Chef Jürgen Großmann.

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Jürgen Großmann: "Ein Unternehmen wie RWE muss seine Strukturen immer wieder prüfen."

RWE-Chef Jürgen Großmann

RWE-Chef Jürgen Großmann hält eine längere Steinkohle-Förderung für denkbar.

RWE-Chef Großmann: "Kohle bleibt mindestens die nächsten 30 Jahre das Rückgrat der deutschen Energieversorgung."

Herr Großmann, wie wichtig ist Ihnen Kohle? Großmann: Kohle bleibt mindestens die nächsten 30 Jahre das Rückgrat der deutschen Energieversorgung. Sie ist einfach der wichtigste Energierohstoff der Welt. Siebzig Prozent aller neuen Kraftwerke weltweit setzen auf Kohle.  RWE legt heute den Grundstein für das neue Kohlekraftwerk in Hamm. Sie verbuddeln dort zwei Milliarden Euro... Großmann: ... Sogar noch etwas mehr. Es werden wohl knapp mehr als 2 Milliarden.  Aber Kohle gilt in Deutschland als Auslaufmodell. Setzen Sie da nicht Geld in den Sand?Großmann: Ich weiß nicht, was geologisch unter dem Fundament ist. Aber im Ernst: Wir stehen vor einer grundsätzlichen Entscheidung. In Deutschland hat die Industrie einen hohen Anteil an der Wertschöpfung. Wenn wir unsere Art zu leben erhalten wollen, müssen wir uns angemessen mit Energie versorgen. Das geht nicht ohne Kohle. Auch 2030 wird sie einen beträchtlichen Teil unseres Erzeugungsmixes ausmachen.  Nur hat Kohle einen Schönheitsfehler: Die Verstromung produziert CO2. Großmann: Neue Kraftwerke brauchen wir auch deshalb, weil sie ökologisch besser sind als alte. Das Kraftwerk Hamm spart uns zweieinhalb Millionen Tonnen CO2 pro Jahr im Vergleich zu alten Anlagen. Es schafft außerdem sichere Arbeitsplätze.  Wie viele?  Großmann: In der Bauphase sind in der Spitze über 3000 Leute auf der Baustelle. Bei Zulieferern und Dienstleistern gibt es bis zu 8000 neue Arbeitsplätze.  Ist der Kohle-Ausstieg bis 2018 für Sie ein Fehler?  Großmann: Angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen auf den internationalen Energie- und Rohstoffmärkten bin ich froh, dass er 2012 noch einmal überprüft wird.  Glauben Sie wirklich, dass dann der Ausstieg aus dem Ausstieg beschlossen wird? Großmann: Ich weiß nicht, ob im Jahr 2012 der Steinkohlepreis das Abtäufen eines neuen Bergwerks in Deutschland rechtfertigt. Aber wir sollten uns Alternativen offen halten. Neue Schächte sind vielleicht gar nicht nötig. Der nordrhein-westfälische Arbeitsminister Laumann hat Ihnen beim Abendessen vorgeschlagen, die Zeche Ibbenbüren zu kaufen. Was haben Sie geantwortet?  Großmann: Es wäre schwer zu vermitteln, dass RWE einerseits aus der RAG aussteigt, und andererseits einzelne Zechen kauft. Es kann aber eine Situation geben, in der wir zum Beispiel einen Versorgungsvertrag abschließen, der über das Jahr 2018 hinaus geht. Das hängt von den internationalen Preisen für Kohle ab. 80 Prozent der Ibbenbürener Kohle werden im benachbarten RWE-Kraftwerk verfeuert. Schon deshalb müssen Sie doch Interesse an dieser Zeche haben? Großmann: In Ibbenbüren steht tatsächlich eine der relativ kostengünstigen deutschen Zechen. Und unser Konzern betreibt dort ein effizientes Kraftwerk. Ein Abnahmevertrag für Kohle kann ja auch ein geldwerter Vorteil für die Zeche Ibbenbüren sein. Er könnte jemanden veranlassen, die Zeche auch ohne Subventionen weiter zu betreiben.   Teure Kohle – teurer Strom. Wie geht‘s mit dem Strompreis weiter?  Großmann: Wir glauben anders als die Bundesregierung nicht, dass der Stromverbrauch sinken wird. Heute ist ja sogar die elektrische Zahnbürste Standard... ...der Preis wird also weiter steigen?  Großmann: Entschuldigung, so ist der Markt. Wir müssen europaweit Kraftwerke ersetzen und neue Kapazitäten schaffen. Und die Energiepreise steigen international.   Machen deshalb Sozialtarife für Strom Sinn?  Großmann: Ich bin nicht der Meinung, dass ein Unternehmen seine Angebote nach dem Einkommen seiner Kunden gestalten sollte. Ein Bäcker fragt einen Kunden auch nicht: Wie viele Euro verdienst du denn?   Als Sie zu RWE kamen, wollten Sie wegen des schlechten Branchenimages einen Runden Tisch einberufen. Davon hört man wenig. Großmann: Es finden laufend Gespräche statt. Wir reden über Laufzeitverlängerungen, neue Kraftwerke, regenerative Energien und Möglichkeiten der CO2-Minderung. Die gegenseitigen Schuldzuweisungen sind deutlich weniger geworden, das Verhältnis zur Politik wird wieder konstruktiver.   Verstehen Sie es als Kritik, wenn man Sie als „Ruhrbaron“ und Ihren Lebensstil als „barock“ bezeichnet? Großmann: Wenn sie „barock“ mit Lebensfreude und der Fähigkeit zu genießen verbinden, ehrt mich das. Ich bin niemand, der immer moralinsauer guckt. Mit dem „Baron“ habe ich Schwierigkeiten. Ich glaube, ich bin ein ganz normaler Mensch. Vor Ihnen wurde schon mal jemand „Ruhrbaron“ getauft. Wissen Sie, wer? Großmann: Nee. Evonik-Chef Werner Müller. Er hört zum Jahresende auf. Kaum vorstellbar, oder?  Großmann: Das Ruhrgebiet hat jeden Anlass, ihm dankbar zu sein. Er war maßgeblich beteiligt, eine Lösung für die Steinkohle zu finden. In Sachen „Baron“ muss ich sagen: Müllers Kleidergröße und meine unterscheiden sich erheblich. Zum „Baron“ passt jedenfalls nicht das Sparprogramm, das Sie RWE verordnet haben. Wie läuft es? Großmann: Ich darf privat ja barock sein. Aber als Konzernchef darf ich das nicht. Ein Unternehmen wie RWE muss seine Strukturen immer wieder prüfen. Natürlich stehen wir in Sachen Effizienz unter Druck. Eine Frage ist zum Beispiel: Müssen wir alle Dienstleistungen im Hause selbst machen? Genau wegen dieser Frage herrscht Unruhe beim Dortmunder Dienstleister RWE Systems. Zu Recht? Großmann: RWE Systems bündelt Dienstleistungen wie Zentraleinkauf, EDV, Fahrbereitschaft und Kantine. Den Beschäftigungssicherungsvertrag habe ich auch bei Systems unterschrieben. Alle Mitarbeiter haben also bis 2012 Schutz vor betriebsbedingten Kündigungen. Das ist womöglich länger, als ich im Haus bin. Wir wollen behutsam, aber nachhaltig Strukturen verändern.   „Länger, als ich im Haus bin.“ Was heißt das?  Großmann: Mein jetziger Vertrag läuft bis zum 30. 9. 2012. Ob verlängert wird, ist dann zu gegebener Zeit mit dem Aufsichtsrat zu entscheiden. Wie fällt Ihre persönliche Zwischenbilanz nach fast einem Jahr in Essen aus? Großmann: Ich fange an, RWE zu lieben.

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