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Jugendamt ermittelt bei fehlender Identität des Vaters

Unterhaltsvorschuss

Vater unbekannt. Wenn Mütter diesen Zusatz beim Antrag für Unterhaltsvorschuss angeben, dann schaut das Jugendamt ganz genau hin. Zwölf Mal wurde der Antrag 2012 abgelehnt. Um herauszufinden, ob der Vater wirklich unbekannt ist, klicken sich die Jugendamt-Mitarbeiter schon mal durch Bildergalerien von Diskos.

BOCHUM

von Von Daniel Müller

, 05.04.2013
Jugendamt ermittelt bei fehlender Identität des Vaters

In zehn bis 15 Anträgen pro Jahr auf Unterhaltsvorschuss heißt es in Bochum: Vater unbekannt.

„Intern nennen wir diese Anträge auch Disko-Fälle“, sagt Knut Erdmann, stellvertretender Sachgebietsleiter im Jugendamt. Er schmunzelt. Leicht. Denn eigentlich ist die Sache zu ernst, um darüber zu lachen. Die Geschichten, die er und seine Kollegen tagtäglich aufgetischt bekommen, ähneln sich häufig. Eine rauschende Partynacht, ein verhängnisvoller Flirt in einer Diskothek – und neun Monate später kommt plötzlich ein Kind zur Welt.

 „Wir brauchen eigentlich nur den Namen der Diskothek zu ersetzen. Die Schilderung sind immer wieder dieselben“, sagt Erdmann. Für die sogenannten Disko-Fälle hat das Bochumer Jugendamt extra eine Mitarbeiterin abgestellt.  „Wir haben extra eine Frau mit dieser Aufgabe beauftragt. Sie hat reichlich Erfahrung und muss in den Gesprächen mit den Antragstellerinnen auch schon mal Detektiv-Sinn beweisen“, erklärt Abteilungsleiterin Margarita Tomczak. Das Prozedere sieht wie folgt aus: Mütter, die einen Antrag ohne Angabe über die Identität des Vaters stellen, werden ins Jugendamt eingeladen. „Nicht vorgeladen, dieser Unterschied ist uns wichtig. Wir wollen hier niemanden fertigmachen“, sagt Erdmann.  

 Die Mitarbeiterin des Jugendamtes lässt sich dann die komplette Geschichte der Mutter schildern. Stellt Fragen, hakt kritisch nach. Bleibt aber fair. „Häufig verstricken sich die Frauen dabei in Widersprüche. Dann werden wir natürlich misstrauisch“, so Tomczak. Gründe, warum Frauen den Namen des Vaters lieber verschweigen, gibt es zahlreiche. „Mal sind die Väter verheiratet, mal wollen sie für das Kind nicht zahlen und drohen den Frauen mit Gewalt. Die Beweggründe sind unterschiedlich“, sagt Erdmann. Die Gespräche mit den Frauen finden ohne Zeitdruck statt. So schaut sich die Mitarbeiterin mit der Antragstellerin auch schon mal die Bildergalerien der verschiedenen Diskotheken an.  

 „Es kann ja sein, dass sie den möglichen Vater vielleicht auf einem Foto wiedererkennt. Wir machen das nicht zum Spaß, das hat schon seinen Sinn“, erklärt Tomczak das Vorgehen. Doch nicht nur Disko-Ausflüge bekommen die Mitarbeiter im Jugendamt serviert. „Eine Mutter hat uns mal unter anderem berichtet, dass sie ein komplettes Haus samt ihren Mietern verklagen will, weil ihr alle Bewohner K.o.-Tropfen verabreicht hätten. Bei solchen Geschichten zucken wir dann schon“, sagt Erdmann. Tomczak ergänzt: „So etwas kann natürlich passieren. Gerade K.o.-Tropfen sind gefährlich. Wir nehmen die Mütter hier sehr ernst. Aber die Geschichten müssen auch stimmen.“  In den zwölf Fällen 2012 war das nicht der Fall. Zwölfmal war das Jugendamt nicht davon überzeugt, dass die Mutter die Identität des Erzeugers wirklich nicht kennt. Übrigens: Von den zwölf Antragstellerinnen erinnerten sich fünf Frauen im Verlauf der Gespräche mit dem Jugendamt dann doch plötzlich an den vermeintlich unbekannten Vater.  

Im vergangenen Jahr wurden in Bochum 858 Anträge auf Unterhaltskostenvorschuss beantragt.Das Jugendamt geht bei den bewilligten Anträgen in Vorkasse. Etwa 24 Prozent der Gelder holt sich das Amt von den Vätern später zurück. Viele können aber aufgrund ihrer wirtschaftlichen Situation das Geld nicht an das Jugendamt zurückzahlen. Die Kosten für den Unterhaltsvorschuss werden zwischen Stadt, Land und Bund aufgeteilt. Die Stadt trägt rund 54 Prozent der Unterhaltskosten, 46 Prozent übernehmen Land und Bund.