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Kafkas «Prozess» in Stuttgart

Stuttgart (dpa) Er kann sich noch so sehr an seine Vorstellung eines Rechtsstaats klammern - Josef K. kann diesen «Prozess» nicht gewinnen.

Kafkas «Prozess» in Stuttgart

Peter Bamler (l) als "Auskunftgeber" und Andreas Klaue als "Josef K." bei der Probe zu Kafkas "Der Prozess" in Stuttgart.

Die Ausweglosigkeit in Franz Kafkas (1883-1924) gleichnamigem Romanfragment hat das Alte Schauspielhaus Stuttgart gekonnt als Uraufführung auf die Bühne gebracht. Die Dramatisierung von Volkmar Kamm gab der vielschichtigen, geheimnisvollen und eigentlich wenig unterhaltsamen Geschichte des Bankprokuristen Josef K. in teils fast klamaukhaften Szenen einen komödiantischen Dreh. Das macht deren Irrsinn nur deutlicher. K. wird eines morgens von zwei Männern «verhaftet» und sieht sich innerhalb kürzester Zeit als Angeklagter vor einem Gericht, dem er ohnmächtig gegenüber steht. Dabei erfährt er nie, wofür er belangt wird.

Andreas Klaue als K. kann sich von Beginn an kaum im Zaum halten ob der Ungerechtigkeit, die ihm, einem honorigen Angestellten einer «großen Bank», wie er nicht müde wird zu betonen, widerfährt. Denn schon die Gerichtsdiener, die ihm erklären, er sei verhaftet, dürfen ihm nicht sagen, warum. Es ist ein unsichtbares Gericht, mit dem sich Josef K. konfrontiert sieht. Da hilft ihm weder sein Glauben an den Rechtsstaat noch seine Freundschaft mit dem Staatsanwalt.

Im Grunde sehen es die Zuschauer schon am Bühnenbild (Konrad Kulke), dass es bei K.s Fall nicht um Gerechtigkeit gehen kann. Eine große Justitia-Statue im Hintergrund trägt nicht nur die Augenbinde, um unabhängig vom Ansehen einer Person zu urteilen, sie ist gleich völlig mit einem großen Tuch verhängt. Auch K.'s Aufregung über die ungerechte Behandlung reizt die anderen Figuren nur zu lautem Gelächter; alle 19 werden von den vier Darstellern Michael Holz, Peter Bamler, Mirjam Barthel und Anna Christina Einbock verkörpert. Kamm spielt geschickt mit Erzählperspektiven, die auch schon im Romanfragment angelegt sind. So wird K. immer lauter, wenn er sich für eine Rede vor dem Untersuchungsrichter oder seinen teils enthemmten Umgang mit Frauen rechtfertigt.

Von ihnen erhofft sich die Hauptfigur Vorteile und verfällt ihnen zugleich. So etwa der Assistentin seines Anwalts, die überzeugend von Einbock gespielte Leni. Die rothaarige Schönheit ist kaum durchschaubar und schafft es, Josef in eine wahnsinnige Eifersucht zu treiben. Denn sie findet «alle Angeklagten schön», erzählt ihm sein Advokat. Ob er ihm glauben kann, weiß K. jedoch nicht und entscheidet sich, dann doch lieber ganz ohne beide auskommen zu wollen.

Helfen wird es ihm eh nicht, wie sich herausstellt. Es hat sein Gutes, dass sich Kamm sehr nah an der Textvorlage des jüdischen Prager Schriftstellers orientiert - so entgeht dem Zuschauer auch nicht die Parabel des Türhüters vor dem Eingang zum Gesetzesgebäude, die quasi das Dilemma des «Prozesses» nochmals auf den Punkt bringt. K. hat nie eine «richtige» Verhandlung, er kann kein Gesetz einsehen, nicht einmal die Anklage kennt er. Aber er erhält schließlich doch die Todesstrafe.

In der Bühnenfassung ist «Der Prozess» in Stuttgart am Ende stark gerafft, bringt das Stück aber doch auf den Punkt - der Angeklagte hat sich faktisch seinem Schicksal ergeben. K. weiß, dass er gegen eine anonyme und kaum greifbare Gerichtsbürokratie nichts ausrichten kann. Kafka, der vor 125 Jahren geboren wurde, ist mit dem «Prozess» vielleicht auch deshalb noch so aktuell, weil er selbst als Jurist in einer großen Behörde, einer Arbeiterversicherungsanstalt, an der undurchschaubaren Bürokratie litt.

www.schauspielbuehnen.de

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