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"Kennst Du das Land, wo die Schablonen blühn?"

von Christine Baro

, 26.10.2007
"Kennst Du das Land, wo die Schablonen blühn?"

<p>Tim Fischer darf als Adam Schaf über das Leben, die Karriere und die Welt philosophieren. Schauspielhaus</p>

Bochum Politiker, Beamte, Konzertbesucher, Theaterzuschauer, die Wiener im Allgemeinen und die Humorlosen an sich: Alle bekommen ihr Fett weg, wenn Georg Kreisler seine spitze Feder aufs Notenpapier setzt und Lieder schreibt, in denen bitterbös-satirischer Text und fröhlich-belanglose Musik so gar nicht zusammenpassen wollen.

Seit einigen Jahren tritt der inzwischen betagte Kreisler mit seinen Liedern nicht mehr auf. In Tim Fischer hat er einen ihm (nicht nur im R-Rollen) ebenbürtigen Interpreten seiner Lieder gefunden und ihm, wie einst Topsy Küppers, ein One-Man-Musical auf den Leib geschrieben: "Adam Schaf hat Angst" heißt der mal zynische, mal wehmütige Rückblick eines gealterten Schauspielers auf Leben, Karriere und Welt, mit dem Fischer am Donnerstag im Schauspielhaus gastierte.

Das Stück, von Kreisler selbst inszeniert, gibt dem brillanten Chansonnier Gelegenheit, seine schauspielerischen Fähigkeiten zu zeigen. Natürlich darf er auch Diva sein und sich mit neo-barocker Tracht und pinkem Perückenungetüm über unnütze Männer erregen, doch im Vordergrund steht seine schlichte männliche Seite.

Beeindruckend sind seine Auftritte als alter Adam, die die Handlung rahmen: Die Darstellung überzeugt vom arthritischen Gang über die greise Mimik bis hin zur zittrigen Stimme. So erwartet Adam Schaf in der Garderobe seinen Auftritt - eine Nebenrolle in dem Stück, in dem er einst den Liebhaber spielte.

Adam erinnert sich, Fischer verjüngt sich, und die Chanson-Revue beginnt. Auch in "Adam Schaf" bedient Kreisler sich der Technik, bestehende Lieder in einen erzählerischen Rahmen einzubetten. So gibt es ein freudiges Wiederhören von "Gelsenkirchen" und "Mein Sekretär". Lieder und Sprechpassagen gehen fließend ineinander über (Klavier: Rüdiger Mühleisen), wirken als homogenes Ganzes, in dem das Politische den Ton angibt.

Immer mehr singt sich Fischer alias Schaf ohne die kleinste artikulatorische Unsauberkeit in Rage und kommt am Ende zum dem Schluss: "Es hat keinen Sinn mehr, Lieder zu machen, statt die Verantwortlichen niederzumachen." Da spricht ein großer resignierter Moralist, Kreislers wohl bekannte Hornbrille lugt immer wieder zwischen den Zeilen hervor und lädt ein zu einem kritischen Blick auf das Land, "wo die Schablonen blühn".