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Klaus Modick lüftet „Keyserlings Geheimnis“

Köln. Viele würden gerne wissen, was es mit den seltsamen Lücken im Lebenslauf von Eduard Graf von Keyserling wohl auf sich hat. Klaus Modicks neuer Roman kann da weiterhelfen. Und wie.

Klaus Modick lüftet „Keyserlings Geheimnis“

„Keyserlings Geheimnis“ von Klaus Modick. Foto: Verlag Kiepenheuer & Witsch

Eduard Graf von Keyserling war aus Schwabing kaum wegzudenken. Der Schriftsteller und Dramatiker fühlte sich in der Münchner Bohème zu Beginn des 20. Jahrhunderts voll und ganz zu Hause.

Dabei hatte er bereits in Wien gelebt und davor in Dorpat im heutigen Estland studiert, zumindest, bis er dort von der Universität geflogen ist. Warum eigentlich? Auskunftsfreudig war der Künstler in dieser Hinsicht nicht gerade. Die rätselhaften Ereignisse zu rekonstruieren, die Keyserling (1855 bis 1918) in jungen Jahren dazu brachten, seine baltische Heimat fluchtartig zu verlassen, bleibt Klaus Modick überlassen. Und der löst diese Aufgabe in seinem neuen Roman „Keyerlings Geheimnis“ mit Bravour und wie üblich mit einigem Humor.

Modick (66) hat dem Roman ein Keyserlingzitat vorangestellt: „Wenn es so Korrekturbogen - nicht wahr, so nennt man das? - Korrekturbogen des Lebens gäbe ----“ Ja, Keyserling hätte das wohl gerne so gehabt, das ein oder andere lieber rückgängig machen zu können. Da gab es in seinem Leben Episoden, über die er auch seine Freunde im Unklaren ließ. Genau das hat Modick gereizt, sich zum 100. Todestag mit dem Schriftstellerkollegen etwas näher zu beschäftigen.

Modick füllt gewissermaßen die Leerstellen, die es in Keyserlings Biografie gibt - und zwar die, die mysteriös und damit interessant erscheinen. Dass er sich auch in historische Figuren hineinversetzten kann, hat er nicht zuletzt mit dem Roman „Konzert ohne Dichter“ (2015) gezeigt. Darin nimmt er sich den Dichter Rainer Maria Rilke vor. Die Kritik war begeistert, die Leser waren es auch. Der Bestseller mit mehr als 150 000 verkauften Exemplaren ist Modicks bisher erfolgreichstes Buch.

Der neue Roman erinnert nicht nur in der Gestaltung des Buchumschlags erkennbar an den Vorgänger: Im Fall von Rilke hat Modick Heinrich Vogelers Gemälde „Das Konzert oder Sommerabend auf dem Barkenhoff“ als Ausgangspunkt für seine Geschichte genommen und an der Biografie Rilkes in seiner Worpsweder Zeit entlang fabuliert. Ähnlich macht er es nun wieder.

Lovis Corinth hat Keyserling im Sommer 1901 am Starnberger See porträtiert. Keyserling sieht darauf nicht sehr schmeichelhaft aus: der Mund seltsam spitz, der Blick etwas leer, die Haare wirken ungekämmt, das Gesicht und der Oberkörper hager. Keine eindrucksvolle Erscheinung. Der Schriftsteller wirkt nicht gesund, war er auch nicht: Er litt zu dem Zeitpunkt bereits erkennbar an Syphillis.

Gleichzeitig ist Keyserling in der Schwabinger Bohème nicht nur wegen seiner literarischen Werke ein geschätzter Zeitgenosse, gut befreundet mit den Dramatikern Frank Wedekind und Max Halbe. Der war es auch, der seine Künstlerkumpel in die Sommerfrische an den See eingeladen hat, wo Keyserling für Lovis Corinth Modell sitzen muss.

Modick beschreibt diese Szenen mit viel Sinn für Komik. „Keyserlings Geheimnis“ ist kein abgehobener Künstlerroman, in leichtem Ton erzählt, unterhaltsam und ohne jedes Pathos. Und noch mehr als bei „Konzert ohne Dichter“ macht es Modick wirklich spannend.

Seine Geschichte über Liebe, Lust, Leidenschaft, Sex, Betrug und Verrat ist Fiktion, aber sie könnte so gewesen sein. Und falls es ganz anders war, ist es auch nicht schlimm. Klären lässt sich das wohl nicht, Keyserlings Nachlass wurde auf seinen Wunsch hin vernichtet. Aber Modick ist ja auch kein Keyserling-Biograf, sondern ein Schriftsteller, dem eine Hommage an einen fast schon vergessenen Kollegen ausgesprochen gelungen ist.

- Klaus Modick: Keyserlings Gehmeimnis. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 233 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-462-05156-8.

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