Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung
Anzeige
Anzeige

Krimiautor Robert Brack spürt Skandal auf

Hamburg (dpa) Im alten Pastorat von St. Pauli nistet das Grauen. Es lungert zwischen blassen Aktendeckeln, lauert hinter Buchrücken an der Regalwand und schwirrt über dem Holzschreibtisch mit Computer und nostalgischen Lampen.

Krimiautor Robert Brack spürt Skandal auf

Der Hamburger Krimiautor Robert Brack.

Hier, im Schatten der mächtigen Backsteinkirche, die dem Hamburger Viertel seinen Namen gab, schreibt der Mann, der sich Robert Brack und auch Virginia Doyle nennt, seine tief pessimistischen, populären Kriminalromane - stets mit Blick auf Docks, Schiffe und den verwunschenen Pfarrgarten. Die Bände des Büromieters heißen etwa «Schneewittchens Sarg» (2007) oder «Die schwarze Schlange» (2006) und spielen oft auf dem berühmt- berüchtigten Kiez.

Auch das neue Werk, das der Autor sein wichtigstes nennt, spielt in weiten Teilen vor Ort. «Und das Meer gab seine Toten wieder» (Edition Nautilus, Euro 12,90) behandelt einen brisanten, lange verdrängten historischen Polizeiskandal, den Brack, der eigentlich Ronald Gutberlet (49) heißt, in sechsjähriger Kleinarbeit selbst recherchiert hat.

«Hier wurde von den Hamburger Behörden etwas unter den Teppich gekehrt, was ein denkbar schlechtes Licht auf sie geworfen hätte», behauptet Brack. Zufällig gefundene, spärliche Angaben in einer Polizeifestschrift hatten ihn misstrauisch gemacht und zur ersten realen Detektivarbeit seines Lebens angeregt: Am Vorabend des Dritten Reichs, im Sommer 1931, waren zwei junge Angehörige der «Weiblichen Kriminalpolizei», Maria Fischer und Therese Dopfer, unter ominösen Umständen auf der Nordseeinsel Pellworm gestorben und wurden dort begraben. Nur einen Tag später löste man die erst 1927 gegründete Abteilung auf und versuchte, den Tod beider Frauen ihrer einstigen Chefin Josephine Erkens in die Schuhe zu schieben.

Bracks Untersuchungen, etwa im Staatsarchiv und auf Pellworm, lassen ihn aber vielmehr an eine Intrige um politische Macht glauben, bei der wichtige Polizei-Vertreter ungute Rollen spielten. Zu 90 Prozent beruhe sein Roman mit dem Titel aus der biblischen Johannes- Offenbarung (20,13) auf Fakten, sagt Schriftsteller. Für den Rest setzte er seine Kombinationsgabe ein - und seine Fantasie: So erfand er eine britische Ermittlerin, die quasi auf seinen eigenen Spuren dem Fall auf den Grund zu gehen versucht. Wie immer bei Brack, ist auch diese Handlung in eine äußerst ungemütliche Atmosphäre aus Misstrauen und Missgunst getaucht. Zudem schildert der Verfasser Zeithintergründe wie Kundgebungen von Nazis und Kommunisten, Massenarmut mit schlechten Wohnbedingungen und Suppenküchen.

Machtmechanismen, soziale Ungerechtigkeit und nicht hinterfragte Normen sind Themen, die Brack/Gutberlet schon lange umtreiben. Bereits als Jugendlicher wandte sich der 1959 geborene Sohn von kaufmännischen Angestellten aus Fulda, der zunächst Rockmusiker werden wollte, zeittypisch linkem Denken zu. Nach einem Soziologiestudium in Hamburg arbeitete er als Journalist und Sachbuchautor, veröffentlichte 1988 seinen ersten Krimi «Blauer Mohn» - über die Verhältnisse im sozialistischen Polen. Sein Durchbruch kam 2002 als Virginia Doyle mit dem historischen Roman «Das Totenschiff von Altona». Auch die unter demselben Pseudonym veröffentlichte St.- Pauli-Trilogie «Die rote Katze» (2004), «Der gestreifte Affe» (2005) und «Die schwarze Schlange» geriet zum Bestseller. Der «Marlowe» der Raymond-Chandler-Gesellschaft und der Deutsche Krimi-Preis festigten das Renommee von Gutberlets Consorten.

«Im Fall von Fischer und Dopfer regt es mich vor allem auf, dass sie nicht nur Opfer waren, sondern auch aus politischer Opportunität vergessen wurden. Ich möchte den Frauen Gerechtigkeit widerfahren lassen», sagt der Schriftsteller. «Wenn man irgendwo Ungerechtigkeit spürt, sollte man immer dagegen halten.» Früher habe er so die Gesellschaft verändern wollen. Heute freue er sich, wenn er bei seinen Recherchen Fragen an das Leben stellen könne, dazulerne und mit seinen Erkenntnissen vielleicht einigen Menschen zu Einsichten verhelfe. Auf die Frage, ob die in seinen Büchern vermittelte Welt denn nicht recht einseitig rabenschwarz sei, bleibt Brack, der verheiratet ist und drei kleine Kinder hat, beim verbindlichen Ton, wird aber hammerhart in der Sache: «Wir leben in einer Welt ohne Moral. Das Schwarze ist überall. Sicher kann man gelegentlich etwas Gold finden, zum Beispiel in der Kunst, beim guten Essen und im Familienleben - doch dafür muss man lange kratzen.»

THEMEN

Anzeige
Anzeige
Das könnte Sie auch interessieren

Buch

Maja Lunde ist Botschafterin der Bienen

Oslo (dpa) Maja Lunde wollte eigentlich nur ein Buch schreiben, das sie selbst gern lesen würde. Das Ergebnis, "Die Geschichte der Bienen", gefällt auch Tausenden Lesern. Doch die Norwegerin ist mit dem Thema Klima noch nicht fertig.mehr...

Buch

Verbrechersuche in den italienischen Alpen

Berlin (dpa) Abseits von Donna Leon oder Andrea Camilleri haben es italienische Krimi-Autoren nicht leicht. Dass trotzdem spannende Literatur geschrieben wird, beweist der neue Roman von Donato Carrisi.mehr...

Buch

Autor Franzobel erhält Nicolas-Born-Preis

Hannover (dpa) "Das Floß der Medusa" war für den Österreicher der größte literarische Erfolg in Deutschland. Für sein Werk wird er mit dem Nicolas-Born-Preis geehrt. Als Debütatin wird Julia Wolf ausgezeichnet.mehr...