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Kursbuch der Bahn gibt es bald nur noch digital

Berlin (dpa) Auf dem Tisch dicke Bände mit Tabellen, zwei Finger in den Seiten, den Bleistift hinterm Ohr - über 150 Jahre wurden Bahnreisen so geplant: mit dem Kursbuch, jenem Nachschlagewerk mit sämtlichen Zügen und Bahnhöfen. Bald geht das nur noch am Bildschirm.

Kursbuch der Bahn gibt es bald nur noch digital

Eine Ära geht zu Ende: Das Kursbuch der Deutschen Bahn wird künftig nicht mehr gedruckt. (Bild: dpa)

Wenn in diesem Dezember der neue Fahrplan kommt, geht für viele Bahn-Freunde eine Ära zu Ende: Es wird kein neues Kursbuch mehr gedruckt, die altertümlichen Tabellen gibt es dann nur noch im Netz und auf CD-ROM. Eine gedruckte Luxus-Ausführung für Liebhaber ist noch bis Ende August im Angebot, dann ist Schluss.

«Man kann es sich heute nicht vorstellen: Noch vor wenigen Jahren war das Kursbuch die einzige Möglichkeit, eine Reise zu planen», sagt Rainer Mertens, Historiker im Museum der Deutschen Bahn in Nürnberg. Er habe das noch in der Schule gelernt. Generationen gingen mit dem Kursbuch auf Tour - oder zumindest im Kursbuch, als Reisender in Gedanken und mit dem Finger in den Tabellen. Zeitweise stieg die Auflage des Nachschlagewerks auf über 100 000 Exemplare.

1845 hatte der Fürstlich Thurn und Taxische Oberpostamts-Sekretär Hendschel die erste deutschlandweite Ausgabe vorgelegt, den «Telegraph für Post-Eisenbahn- und Dampfschiffverbindungen». Seitdem sind Kursbücher mehr als Fahrplanbücher, sie erzählen Geschichte. Wer in alten Ausgaben blättert, sieht Zugläufe nach Berliner Zeit und Münchner Zeit. Er erfährt, dass bis in die 20er Jahre 15 Uhr noch 3 Uhr hieß, und dass die Reichsbahn einst auch nach Königsberg fuhr. Vergeblich sucht man aber ein Kursbuch von 1945, nach dem Krieg gab es dagegen gleich vier Ausgaben: eine für jede Besatzungszone.

Kein Wunder, dass in Feuilletons schon melancholische Abgesänge auf das Kursbuch erscheinen. In der «Frankfurter Allgemeinen» warf es Hans-Magnus Enzensberger auf den «Misthaufen der Geschichte» - auch sein «Kursbuch», die gleichnamige Zeitschrift der 68er-Generation, war kurz zuvor nach mehr als 40 Jahren eingestellt worden. Ein Enzensberger-Gedicht steht neben dem Artikel: «lies keine oden, mein sohn, lies die fahrpläne: sie sind genauer.»

«Es gehörte zur Kultur der Eisenbahn», heißt es nicht ohne Wehmut beim Fahrgastverband Pro Bahn. «Gerade historische Kursbücher sind zum Teil richtige Schmuckstücke», sagt dessen Vorsitzender Karl-Peter Naumann, der selbst ein Exemplar von 1849 besitzt. Doch die Zeiten änderten sich. «Wenn ich vor zehn Jahren eine Reise gemacht habe, war mein Kursbuch dabei.» Heute sei es ein Taschencomputer.

Nüchtern nimmt der Bundesverband der Eisenbahnfreunde Abschied von dem langjährigen Begleiter. «Ich weine dem Kursbuch keine Träne nach», sagt der Vorsitzende Peter Briegel. «Ganz ehrlich: Ich habe schon jahrelang keins mehr in der Hand gehabt. Ich gehe ins Netz für Fahrplanauskünfte.»

Gelegentlich wird aber auch in der digitalen Zukunft ein altes Kursbuch gebraucht werden. Nennt vor Gericht ein Angeklagter eine Bahnfahrt als Alibi, wird die Verbindung in alten Kursbüchern gesucht. Soll der Held im historischen Roman Zug fahren, fragt der Autor im DB Museum nach Fahrzeiten. Das werde auch in Zukunft so sein, ist Historiker Mertens überzeugt. Und wie bewahrt ein Museum ein Kursbuch, das es nur noch elektronisch gibt? Es druckt es aus.

Digitales Kursbuch im Internet: www.bahn.de/kursbuch

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