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Lauflernhilfen bringen nichts fürs Laufenlernen

Köln/Schwerin (dpa/tmn) Zwischen 9 und 18 Monate dauert es, bis ein Kleinkind laufen lernt. Das ist eine große Zeitspanne, nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Eltern.

Lauflernhilfen bringen nichts fürs Laufenlernen

Erste Schritte: Zum Laufenlernen braucht es keine speziellen Geräte - schon ein Puppenwagen reicht Kindern dafür. (Bild: Wentker/dpa/tmn)

Ungeduld stellt sich schnell ein, wenn Eltern sehen, dass andere Kinder Monate vor dem eigenen anfangen, auf ihren Beinchen zu stehen. Wer nicht untätig warten möchte, bis Sohn oder Tochter die ersten Schritte gehen, hat viele Möglichkeiten, Geld auszugeben. Unter den Bezeichnungen «Babywalker», «Gehfrei», «Lauflernschule» oder «Lauflernhilfe» sind die unterschiedlichsten rollenden Geräte im Handel. Hübsch bunt und mit Rasseln und Figuren verziert, begeistern sie die Kinder schnell. Ihr Nutzen ist nach Ansicht von Experten jedoch zweifelhaft.

Bei den Hilfen handelt es sich zumeist um Plastikgestelle mit vielen kleinen Rädern. Die Kinder werden in sie hineingesetzt. Indem sie sich ein wenig vom Boden abstützen, können sie sich in den Gestellen dann strampelnd fortbewegen. «Es gab für ihn nix besseres», schreibt eine 24-jährige Mutter aus Rosenheim in einem Internetforum über ihren Sohn in einer Lauflernhilfe. «Er ist darin rumgefahren und hat gehupt und hatte richtig Spaß dabei.»

Doch Fachleute sehen die Hilfen kritisch. «Diese Geräte sind die gefährlichste Verwahrhilfe für kleine Kinder, die es gibt», warnt Jörg Schriever vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Köln. Nach Zahlen des Verbandes gehen jedes Jahr rund 6000 Kinderunfälle auf das Konto von Lauflernhilfen. «Zumeist handelt es sich um Kopfverletzungen, da ein Kind sich bei einem Sturz, beispielsweise über eine Stufe, in dem Gestell nicht abrollen kann. Es fällt über die Längsachse direkt auf den Kopf.»

An zweiter Stelle stehen Verbrennungen und Vergiftungen. Ein Kind, das sich eigentlich noch auf dem Boden fortbewegt, kann durch die Lauflernhilfe plötzlich aufrechtstehen und so an Dinge herankommen, die es sonst noch nicht erreicht. «Die Gefahr wird von Eltern oft unterschätzt.» Diese Unfälle passieren zwar nur, wenn die Erwachsenen nicht aufpassen. Doch ein Klingeln an der Tür oder die überkochende Milch auf dem Herd können Eltern schnell für einen Moment ablenken.

Laut Birgit Kleinfeld ist der Name Lauflernhilfe zudem irreführend. «Lauflerngeräte helfen den Kindern keineswegs dabei, das Laufen zu erlernen», sagt die Physiotherapeutin aus Schwerin. Die Kinder hängen in den Sitzen und stoßen sich mit den Zehenspitzen ab. «Das hat nichts mit Laufen zu tun, eine Verlagerung des Gewichts vom Standbein aufs Spielbein findet nicht statt.»

Einer Studie aus Irland zufolge fördern die Geräte nicht nur nicht, sondern sie verzögern sogar das Erreichen von wichtigen Entwicklungspunkten in der Bewegungsfähigkeit. Jörg Schriever teilt diese Kritik nicht ganz: «Kinder lernen mit den Geräten nicht das Laufen, sie tragen aber, so sie keine Unfälle haben, auch keine Schäden davon und gehen später normal.»

Die Stiftung Warentest hat zwar Lauflernhilfen bisher nicht explizit getestet, macht aber in mehreren Veröffentlichungen darauf aufmerksam, dass die Geräte große Risiken bergen. So heißt es: «Zwar gibt es seit 2001 eine europäische Norm, die die Geräte sicherer machen soll. Das reicht aber nicht aus.» Martina Abel von der Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder (BAG) in Bonn erklärt: «Das Gefährdungspotenzial liegt jenseits der technischen Funktionalität.» Zwar seien die Geräte seit Einführung der Prüfnorm verbessert worden, scharfe Kanten, hervorstehende Schrauben und wackelnde Rollen gehörten seitdem der Vergangenheit an. Das ändere jedoch nichts an der Tatsache, dass sie leicht zu Unfällen führen.

«Kleinkinder können in den Geräten kurzfristig Geschwindigkeiten von 10 bis 20 Stundenkilometer erreichen», sagt Abel. Bei derart schnellen Fahrten gegen die Zimmerwand kann es sogar zum Schleudertrauma kommen, von Schrammen an Wänden und Möbeln mal ganz abgesehen. In anderen Ländern, etwa in Teilen Skandinaviens und in Kanada, seien Lauflernhilfen daher inzwischen verboten.

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