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Das entsteht auf alten RAG-Flächen

Leben statt malochen: Der Umbau des Ruhrgebietes

NRW 2018 ist für die Region ein historisches Jahr: Der Bergbau endet. Neues ist jedoch schon geschaffen. Wo früher Kohle abgebaut wurde, sind neue Jobs, neue Wohnungen, neues Leben entstanden. Der Umbau geht aber weiter. Wir zeigen, wo Potenziale sind und wie der Umbau des Ruhrgebietes in den Städten voranschreitet.

Leben statt malochen: Der Umbau des Ruhrgebietes

Auch das ist ein Teil der Zukunft: Ein Gleitschirmflieger an der ehemaligen Zeche Gneisenau in Dortmund-Derne. Foto: © Oliver Schaper

Mit der Schließung der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop Ende des Jahres endet der Steinkohlebergbau in Deutschland. Jahrzehnte prägten die Vertikalen der Schächte das Ruhrgebiet. Die Entwicklungen auf dem Gelände ehemaliger Zechen zeigen indes, dass die Zukunft der Region eher im Horizontalen liegt. Wohnen, Arbeiten und Freizeit im Dreiklang dort, wo früher der Bergbau Narben ins Gelände schlug.

Im Rahmen einer Bergbauflächen-Vereinbarung hatten RAG, der Regionalverband Ruhr (RVR), das Land sowie Kommunen und Kreise bereits 2014 die Entwicklung von rund 1000 Hektar ehemaliger Bergbauflächen an 20 Standorten in 17 Städten der Metropole Ruhr und der Kohleregion Ibbenbüren vereinbart. Zum Ende des Jahres strebt der RVR überdies an, die Halden und Flächen von der RAG zu übernehmen, die im Verbandsgebiet liegen. „Vor einem Erwerb … müssen realistische Konzepte zur Gestaltung und Nutzung erkennbar werden“, so umschreibt der RVR die Voraussetzungen. Die sind mancherorts schon gegeben.

So haben sich die ehemaligen Bergbauflächen in der Region entwickelt:

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Flächen sind nicht alle nutzbar

Den Strukturwandel treibt auch die Business Metropole Ruhr GmbH (BMR) voran. Sie hat gemeinsam mit dem Regionalverband Ruhr (RVR) 2150 Hektar Industrieflächen (nicht nur Bergbau) ermittelt, von denen nun in einem ersten Schritt 370 mobilisiert werden sollen, um dort Ansiedlungen und Investitionen zu ermöglichen.

Rund die Hälfte dieser Flächen weisen zum Beispiel Altlasten auf oder ihnen fehlt eine Erschließung. In der Region sind das ganze 1138 Hektar. „Man kann davon ausgehen, dass man je nach Lage erstmal 120 Euro für einen Quadratmeter investieren muss, um ihn später etwa für 65 Euro vermarkten zu können“, sagt BMR-Pressesprecher Gregor Boldt. Um die Flächen zu entwickeln, seien Kommunen und Eigentümer in vielen Fällen auf die Einwerbung von Fördermitteln bei Land und Bund angewiesen. Zwischen 2005 und 2014 seien auf ehemaligen Industrieflächen bereits 128.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze entstanden.

Flächenpotenziale und Altlasten in der Metropole Ruhr

Die Karte zeigt rot Flächenpotenziale der einzelnen Stödte und Gemeinden der Metropole Ruhr und grün die Flächen ohne Restriktionen (Altlasten, ohne Erschließungen). Klicken Sie sich durch! (Quelle: Metropole Ruhr)

Flächenpotenziale und Altlasten in der Metropole Ruhr


Entwicklungen in einzelnen Städten

Bergkamen: Wohnen am Wasser, damit lockt beispielsweise Bergkamen. „Von ,Haus Aden‘ zum Garten Eden“, so umschreibt Dr. Hans-Joachim Peters, 1. Beigeordneter der Stadt, die Maßnahme, die aus einer 56 Hektar großen Fläche der ehemaligen Zeche „Haus Aden“ ein Gebiet mit 300 Wohneinheiten werden lässt. Längs des Datteln-Hamm-Kanals gelegen, werden sich die Häuser rund um einen acht Hektar großen See ansiedeln – 50 davon direkt am Ufer. Was nichts anderes heißt, als Wohnen mit schleusenfreier Ausfahrt für Boote auf den Kanal. „Der See wird erst 2020 fertig“, sagt Peters, „aber wir haben bereits jetzt Nachfrage weit über Bergkamen hinaus.“ In der Nachbarschaft der Wasserstadt Aden soll sich auf etwa zehn Hektar nicht störendes Gewerbe ansiedeln. „Von Steuerberatung bis Forschungslabor, aber auch Hotel und Gastronomie.“ Peters sieht das Potenzial bei 200 bis 300 Stellen.

Dinslaken schaltet bei ihrem Kreativ.Quartier auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Lohberg von der schwarzen auf grüne Energie um. Denn durch die Nutzung von Methan, Windkraft, Solarenergie und Biomasse sollen Quartier und Stadtteil Lohberg künftig CO2-neutral werden. Bernd Lohse, Projektleiter der RAG Montan Immobilien GmbH, sieht das Arbeitsplatzpotenzial des entstehenden Gewerbegebietes bei etwa 500. „Die Halde, die Zeche und der Ortsteil sind eins geworden“, stellt er fest. Ein See sei entstanden, ein Park, „wir konnten das Grün so bis in den Stadtteil ziehen“. Bislang seien rund 16,5 Millionen Euro an Fördermitteln in die Herrichtung des Geländes geflossen, Lohse geht allerdings davon aus, dass die Folgeinvestitionen der ansiedelnden Firmen mehr als 100 Millionen Euro betragen.

Dorsten hatte mit der Schließung der Zeche im Jahr 2001 Tausende Arbeitsplätze verloren. Der Strukturwandel kam erst langsam in Gang, doch mittlerweile hat sich die Stadt wirtschaftlich erholt, glaubt Josef Hadick von der städtischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft Windor. „Es hat 18 Jahre gedauert, bis der Arbeitsplatzverlust in der Stadt kompensiert werden konnte.“ Nicht nur, aber auch in Hervest: Statt Bergbau bieten die revitalisierten Zechenflächen nun Unternehmen aus zukunftsfähigen Wirtschaftszweigen Platz. Ein Großteil des 8,3 Hektar großen Areals, dessen Vermarktung Windor verantwortet, ist mittlerweile vergeben bzw. reserviert.

Ehemaliges Zechengelände in Dorsten

Der Wandel der Zeche Fürst Leopold hat Struktur

Dorsten Die Kohleförderung auf der Zeche Fürst Leopold wurde im Jahr 2001 eingestellt. Mittlerweile ist der Strukturwandel in Dorsten angekommen. Auf der alten Zechenfläche hat sich eine Menge getan, die Nachfrage nach Gewerbeflächen ist groß – eine Bestandsaufnahme.mehr...

Marl: Ganz auf Industrie und Gewerbe setzt Marl. Der RAG-Projektleiter Volker Duddek, der dort für die Entwicklung des Industrie- und Gewerbeparks „gate.ruhr“ zuständig ist, hofft derzeit auf eine Förderbestätigung des Landes in zweistelliger Millionenhöhe. Das 2015 geschlossene Bergwerk Auguste Victoria 3/7 schenkt für „gate.ruhr“ 22 Hektar her. Bis 2030 sollen dort etwa 1000 neue Arbeitsplätze entstehen. Besonders erfreut ist Duddek, dass die Marler Bevölkerung, Fraktionen und Verwaltung hinter dem Projekt stehen. „Wir hatten eine Bürgerversammlung, da ist so gut wie keine Kritik laut geworden“, resümiert er.

Hamm: Der Kreativwirtschaft eine Heimat geben, das möchte Martin Löckmann, Geschäftsführer der Entwicklungsagentur „CreativRevier Heinrich Robert“ in Hamm. 55 Hektar Platz nicht nur für Wohn- und Gewerbeflächen üblichen Zuschnitts, denn in Hamm soll ein besonderer Bereich für Kultur, Kreativ- und Freizeitwirtschaft wachsen. „Dafür“, so RAG-Projektleiter Thomas Middelmann, „holen wir uns das industrielle Gelände zurück.“ Für hunderte Mitarbeiter – dann eher im Businessanzug statt mit Arschleder und Drillich. In Hamm soll ebenfalls die energetische Versorgung CO2-neutral umgesetzt werden. Mindestens die nächsten Jahre jedenfalls wird das Gas, das vom Wasser der gefluteten Gruben nach oben gedrückt wird, das angeschlossene Blockheizkraftwerke füttern. Auch Photovoltaik wird zum Zuge kommen. Hotel, Kindergarten, Anschluss an den Lippepark etc. – was schwarz war, wird bunt.

Selm: Auch Selm hat eine Bergbaugeschichte. Eine kurze zwar, aber eine intensive. Spuren der ehemaligen Zeche Hermann (1906 bis 1926) sind noch sichtbar. Auch fast 100 Jahre nach Schließung des Zechenstandorts. Dort, wo einst Männer das schwarze Gold – wie es im Volksmund pathetisch heißt – aus der Erde förderten, steht die Firma Interhydraulik Gesellschaft für Hydraulik-Komponenten mbH. Nach Auskunft von Geschäftsführer Wolfgang Hirsch belegt das Unternehmen die komplette einstige Zechenfläche in Selm. Und hat viele Arbeitsplätze geschaffen. Laut Homepage des Unternehmens beschäftigt Interhy-draulik weltweit mehr als 200 Mitarbeiter. Allein 160 davon am Hauptsitz in Selm.

Leben statt malochen: Der Umbau des Ruhrgebietes

Abbrucharbeiten der Zeche Hermann in Selm im Jahre 1926. Foto: Heimatverein Selm

Haltern: In Haltern sollten die Schächte Haltern 1/2 in der Haard und Auguste Victoria 8 und 9 der Natur zurückgegeben werden. Doch diese im Rahmenbetriebsplan getroffenen Vereinbarungen sind überholt. In der Haard will das Land auf dem ehemaligen Zechengelände eine von fünf neuen Kliniken für sucht- und psychisch kranke Straftäter mit 150 Plätzen bauen. Fünf Hektar beansprucht sie dafür. Gegen diese Pläne protestiert eine Bürgerinitiative. Die Mitglieder sind davon überzeugt, dass Vorschläge zu Alternativstandorten vom Düsseldorfer Gesundheitsministerium 2013 bei Bekanntgabe der Entscheidung nicht eingehend untersucht wurden.

Auf dem alten Standort AV Schacht 8 würde die Stadt Haltern gerne Betriebe ansiedeln, die Deutsche Steinkohle benötigt den Standort allerdings noch. Vielleicht gibt sie ihn überhaupt nicht auf. Denn Schacht 8 kommt als potenzieller Standort für die künftige Wasserhaltung infrage: Rund 110 Millionen Kubikmeter Grubenwasser pro Jahr muss die RAG langfristig in Nordrhein-Westfalen und an der Saar fördern, um das Grundwasser zu schützen. Das Gelände AV 9 wird renaturiert.


Dortmund
verfügt über zahlreiche ehemalige Bergbauflächen. Hansa, Gneisenau und Minister Stein sind die letzten drei Großzechen, deren Areale in den vergangenen Jahrzehnten abgewickelt wurden. Daneben gibt es zahlreiche kleinere Flächen wie etwa Fürst Hardenberg in Lindenhorst, die zum Logistikpark wurde, oder die Zeche Hansemann in Mengede, die nun als Ausbildungszentrum für das Gerüstbauer-Handwerk fungiert. Insbesondere im Dortmunder Süden gab es hunderte Klein- und Kleinstzechen, deren Geschichte oft in Vergessenheit geraten ist. Auf den Flächen früherer Außenschächte sind teilweise neue Wohnsiedlungen entstanden.

Leben statt malochen: Der Umbau des Ruhrgebietes

Die Kokerei Hansa in Dortmund. Foto: Stephan Schütze


Werne:
Während am Gelände des ehemaligen Schacht 7 am Romberg ein „Refugium für gefährdete und geschützte Tiere“ entstanden und ein Natur-Wanderpfad geplant ist, wartet das eigentliche Zechengelände an der Kamener Straße weiter auf seine Zukunft. Bisher nutzen verschiedenen Firmen das Verwaltungsgebäude und die Hallen für ihre Zwecke. Personalfirmen, ein Fotograf, eine Autowerkstatt oder Logistikfirmen sind hier angesiedelt. Jenseits der Bebauung wartet das Brachland bis zur Lippe auf seine Entwicklung.

Leben statt malochen: Der Umbau des Ruhrgebietes

Das Zechengelände in Werne. Foto: Jörg Heckenkamp

In Zusammenarbeit mit Stefan Diebäcker, Arndt Brede, Oliver Volmerich, Daniel Claeßen, Abi Schlehenkamp, Torsten Storks, Claudia Engel, Elisabeth Schrief

Lünen 2018 ist für die Region ein historisches Jahr: Der Bergbau endet. Neues ist in Lünen längst geschaffen. Wo früher Kohle abgebaut wurde, sind neue Jobs, neue Wohnungen, neues Leben entstanden. Trotzdem gibt es an der einen oder anderen Stelle noch einiges zu tun.mehr...

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