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„Libellenschwestern“ - Geraubte Kinder

München. „Libellenschwestern“ erzählt vom Schicksal einer Familie, die Ende der 1930er Jahre auseinanderriss. Die US-amerikanische Autorin Lisa Wingate wurde zu ihrem neuesten Roman durch eine wahre Geschichte inspiriert.

„Libellenschwestern“ - Geraubte Kinder

Das Cover des Romans „Libellenschwestern“ von Lisa Wingate. Foto: Limes Verlag

Kinder werden auf der Straße eingesammelt, von der Entbindungsstation geraubt oder aus dem Haus entführt, um sie an betuchte Eltern zu verhökern - wie oft so etwas in der Vergangenheit passiert ist und heute noch vorkommt, ist nicht zu beziffern und bleibt meist im Dunkeln.

Tatsache aber ist, dass dies in den 20er bis 50er Jahre in den USA unter staatlicher Aufsicht geschah, durch die durchaus angesehene Tennessee Children’s Home Society, einem Waisenhaus mit regionalen Niederlassungen. An die 5000 Kinder - vom Baby bis zum Teenager - wurden durch die Gesellschaft „vermittelt“. Die Leiterin der Einrichtung, Georgia Tann, entkam nach Auffliegen des ungeheuren Skandals der Bestrafung durch ein Gericht. Sie starb vorher an Krebs.

Auf dieser wahren Geschichte basiert der nun auch auf Deutsch vorliegende fiktive Roman der Amerikanerin Lisa Wingate „Libellenschwestern“. Die Erzählerin switcht zwischen heute und 1939 hin und her und lässt zwei Frauen das Geschehen schildern: die erfolgreiche Anwältin und Politikertochter Avery und die junge Rill, die später May genannt wird. Natürlich von den Frauen im Auftrag ihrer Chefin Georgia Tann (der echte Name wird im Roman verwendet), die die Niederlassung in Memphis führen, in dem Rill und ihre vier Geschwister landen.

Es ist eine tragische Geschichte, die damit beginnt, dass der Vater die hochschwangere Mutter der fünf Kinder ins Krankenhaus bringen muss, weil sich Komplikationen bei der anstehenden Entbindung ankündigen. Rill verspricht den Eltern, derweil gut auf ihre drei Schwestern und den kleinen Bruder aufzupassen. Doch weder kann sie verhindern, dass sie von der Polizei abgeholt und in besagtes Heim gebracht, noch dass sie fortan grausam misshandelt werden, um sie gefügig und bereit für eine Adoption zu machen.

Fast 80 Jahre später begleitet die Anwältin Avery ihren Vater auf Wahlkampftour, die sie zufällig auf das Gelände eines Seniorenheims führt. Dort wird sie von einer alten Frau angesprochen, die behauptet, dass Averys Libellenarmband ihrer Familie gehört habe. Avery beginnt nachzuforschen und stößt dabei auf mehr Fragen als Antworten. An ihrer Seite der hilfsbereite Immobilienmakler Trent, der in gleicher Angelegenheit ebenfalls auf ein Geheimnis gestoßen ist und zu Averys Verwirrung nicht allein an der Klärung des Falls interessiert zu sein scheint.

Es tut der Spannung des Romans sicher keinen Abbruch, wenn preisgegeben wird, dass die Schicksalsfäden von Rill/May und Avery irgendwann zusammenlaufen, denn die Story hat weit mehr zu bieten. Die in „Libellenschwestern“ thematisierten unmenschlichen Praktiken der Heimbetreiber, bei denen real bis zu 6000 Kinder spurlos verschwanden oder an irgendwelchen „Krankheiten“ starben und weitere etwa 5000 an reiche Familien verschachert wurden, sind erschütternd. Die damit verdienten Millionen sind sicherlich nach wie vor Anreiz für derlei skrupellose Geschäfte.

Wie leicht es ist, sich mit Lug und Trug ein perfektes Renommee zu verschaffen, zeigt diese nah an der wahren Geschichte erzählte Story. Und es ist Tatsache, dass sich keine Geringere als Eleanor Roosevelt in Sachen Kinderfürsorge von Georgia Tann beraten ließ. Zu jenen Prominenten, die ohne Kenntnis des illegalen Hintergrunds Kinder aus Tennessee adoptierten, gehörten übrigens auch die amerikanische Leinwand-Diva Joan Crawford (gleich drei Mädchen) und das prominente Schauspieler-Ehepaar June Allyson und Dick Powell.

Natürlich nahm Georgia Tanns Tennessee Children’s Home Society auch „echte“ Waisen und von den Eltern schwer misshandelte oder vernachlässigte Kinder auf, wie die mehrfach preisgekrönte Autorin und Journalistin Lisa Wingate in ihrem Roman berichtet. Das Geld aber machte die geschäftstüchtige Frau Tann mit den (oft gezielt) entführten Opfern, deren Hintergrund so verschleiert wurde, dass eine spätere Familienzusammenführung nur selten gelang. Diese Kapitel um Rill, ihre Geschwister sowie alle anderen Heiminsassen und ihr Verbleib in der furchtbaren Unterkunft sind die bewegendsten des gesamten Buches.

So wirken die Passagen um Avery eher beruhigend und als optimale Parellelstränge und Rahmenhandlung. Eine großartig erzählte Geschichte - vielleicht auch deshalb, weil Wingates Mutter der Tochter riet, das letzte Kapitel noch mit ein wenig Pfeffer zu würzen. Eine Prise Zucker weniger am Ende wäre allerdings auch nicht schlecht gewesen.

- Lisa Wingate: Libellenschwestern, Limes Verlag, München, 480 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-8090-2690-7.

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