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Liebe zum Bewährten - Opernhäuser pflegen ihre Oldtimer

Wien/München. An der Wiener Staatsoper jährt sich zum 60. Mal eine legendäre Inszenierung von Giacomo Puccinis „Tosca“, die schon 600 Mal gezeigt wurde. Auch andere Opernhäuser hegen und pflegen ihre Oldtimer.

Liebe zum Bewährten - Opernhäuser pflegen ihre Oldtimer

Erster Akt der Oper „Tosca“ 2010 an der Wiener Staatsoper. Foto: Michael Pöhn/Wiener Staatsoper

Es war ein trauriger Tag für viele Opernfans. Zum letzten Mal zeigte die Bayerische Staatsoper im März die legendäre Inszenierung von Richard Strauss' „Rosenkavalier“ aus den Händen des Wiener Regisseurs Otto Schenk und seines Bühnenbildners Jürgen Rose.

Allerfeinst gearbeitetes Theater-Rokoko, originalgetreu bis zu den Handschuhen und Knöpfen der Darsteller. Wienerisch wie zur Zeit Maria Theresias, ganz so wie es Strauss und seinem Librettisten Hugo von Hofmannsthal vorgeschwebt hatte.

195 Mal hob sich für diese Inszenierung der Vorhang im Münchner Nationaltheater. Ein Monument der Operngeschichte, bei dem Künstler wie der Jahrhundert-Dirigent Carlos Kleiber oder die große Mezzosopranistin Brigitte Fassbaender die Programmzettel schmückten. Das ist allerdings nichts gegen jene 600 Mal, die Giacomo Puccinis „Tosca“ an der Wiener Staatsoper auf dem Buckel hat. Fast so etwas wie eine Untote des Opernrepertoires.

Am 3. April jährt sich die Premiere dieser berühmten Regiearbeit der österreichischen Tänzerin und Regisseurin Margarethe Wallmann, seinerzeit von Herbert von Karajan dirigiert, zum 60. Mal. Sie zählt damit zu den ältesten Opern-Inszenierungen im deutschen Sprachraum, getoppt in Wien nur von „Madama Butterfly“ vom September 1957. Noch älter ist wohl nur Hans Schülers Deutung von Richard Wagners „Parsifal“ am Nationaltheater Mannheim, die am 14. April 1957 das Licht der Opernwelt erblickte.

Eines haben solche Opern-Dauerbrenner gemeinsam: Sie sind beim Publikum äußerst beliebt. „Wir haben Besucher aus aller Welt, die diese 'Tosca'-Produktion bei uns sehen wollen“, sagt Staatsoperndirektor Dominique Meyer. Aber kann man einem modernen Opernpublikum solche Oldtimer in historisierenden Interieurs und ohne krachende Regieeinfälle eigentlich noch zumuten? Was spreche denn dagegen?, fragt Meyer. „In der Bildenden Kunst betrachten wir uns doch auch zeitgenössische Kunst und danach gehen wir in eine Ausstellung mit Bildern des Quattrocento.“

Auch der Züricher Musikwissenschaftler Laurenz Lütteken hat keine Probleme mit Opern-Vintage, im Gegenteil. „Ich habe überhaupt nichts gegen eine Jahrzehnte alte 'Tosca'-Produktion, auch die Schenk'schen 'Rosenkavalier'-Inszenierungen in Wien, München und Düsseldorf besitzen Referenz-Charakter.“  Das eigentliche Problem liege darin, meint Lütteken, „dass es in den letzten Jahrzehnten immer seltener gelungen ist, derartige Referenz-Inszenierungen hervorzubringen“. Genauigkeit beim Umgang mit einem (Opern-)Text sei im übrigen nicht gleichzusetzen mit musealer Erstarrung. 

Neben einer gewissermaßen zeitlosen Qualität gibt es noch ganz praktische Gründe, warum Intendanten ihre Oldtimer hegen und pflegen und durchaus nicht wie Altlasten behandeln. „Die Ausstattung unserer 'Tosca' bleibt immer hier im Haus und ist sehr schnell aufgebaut. Das bringt uns mehr Flexibilität für neue Inszenierungen, die oft einen größeren Aufwand erfordern“, erläutert Meyer. Nötigenfalls werden die betagten Kulissen runderneuert, um sie an die Erfordernisse des modernen Opernbetriebs anzupassen, wie die Münchner „Zauberflöte“ (Wolfgang Amadeus Mozart) von August Everding (1978), die 2004 aufwändig restauriert wurde.

Für Fans eines radikalen, politisch-aktuellen Regietheaters mag der Detail verliebte Naturalismus eines Otto Schenk ein Graus sein. Umsichtige Opernchefs wie Nikolaus Bachler, Intendant der Bayerischen Staatsoper, setzen dagegen auf eine bunte Mischung alter und neuer Inszenierungen und ein großes Spektrum künstlerisch-ästhetischer Sichtweisen von textgetreu-historisierend bis avantgardistisch. „Es kann nicht nur Neuproduktionen geben, und wenn eine Aufführung im erzählerischen Sinne sehr nahe an der Geschichte ist, dann hält sie oft sehr lange“, sagte Bachler in einem Zeitungsinterview. Dazu zähle die Münchner „Bohème“ (Puccini) von Otto Schenk. „Sie ist gut gearbeitet, und wenn sie gut besetzt ist, funktioniert sie wunderbar.“

Dagegen scheint die 2007 entstandene, von Kritikern bejubelte Münchner Inszenierung von Peter Tschaikowskys „Eugen Onegin“ durch Krzysztof Warlikowski mit ihren Anspielungen auf das damals gefeierte Kinodrama „Brokeback Mountain“ mit zwei schwulen Cowboys heute kaum noch verständlich. Anders die Münchner Inszenierung von Gioachino Rossinis „La Cenerentola“ des genialen Jean-Pierre Ponnelle von 1980 oder die Wiener „Bohème“ von Franco Zeffirelli von 1963, der für seine extrem aufwändigen Produktionen ebenso berühmt wie berüchtigt war. „Das sind unsere heiligen Kühe“, versichert Meyer, „die schlachtet man nicht.“

Eine gute Nachricht gibt es noch für die Fans des jüngst abgesetzten Münchner Strauss-Oldtimers. Die alten Bühnenbilder, Kostüme und Requisiten sollen auch nach der für 2021 geplanten Neuinszenierung des „Rosenkavalier“ nicht entsorgt, sondern eingemottet werden. „Diese Inszenierung ist eine Besonderheit und sehr eng mit München und der Staatsoper verbunden - sie darf durchaus als Kulturgut des Theaters bezeichnet werden“, sagt Staatsopern-Sprecher Christoph Koch. „Und vielleicht möchte man deshalb das Stück genauso wieder einmal zeigen.“

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