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Gericht verurteilt Mutter (35) zu dreieinhalb Jahren Haft

Prozess um skelettierte Babyleichen

Zwei Kinder sind tot. Ihre eigene Mutter (35) hat sie vernachlässigt und Hunger und Durst leiden lassen. Am Montag hat das Dortmunder Schwurgericht die Lünerin verurteilt.

Lünen

, 03.09.2018
Gericht verurteilt Mutter (35) zu dreieinhalb Jahren Haft

Der Abend des 11. Oktobers 2012: Abfall aus der Wohnung wird von Kriminaltechnikern in Container geworfen. Zuvor waren zwei skelettierte Babyleichen gefunden worden. © Videonews24de (A)

Der Vorsitzende Richter Alexander Donschen am Dortmunder Schwurgericht war sich der Schwierigkeit seiner Aufgabe sichtlich bewusst. Wie soll man erklären, dass man in so einem Fall nur zu einer Bestrafung wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen und nicht zu einer wegen Mordes oder Totschlags kommt? Die Strafe: Drei Jahre und sechs Monate Haft.

Todesursache nicht zweifelsfrei geklärt

„Wir konnten die Todesursache nicht zweifelsfrei feststellen“, sagte Donschen in der Urteilsbegründung. Die Kammer könne sicher sagen, dass die Frau ihre beiden Töchter Marie und Emma hungern und dursten lassen habe. „Wir können aber eben nicht so weit gehen, zu sagen, sie hat sie verhungern und verdursten lassen.“

Mehrere Sachverständige gehört

In dem Verfahren waren mehrere medizinische Sachverständige zu Wort gekommen. Alle berichteten von deutlichen Hinweisen auf Mangelernährung bei Marie und Emma. Doch keiner konnte sicher ausschließen, dass es nicht auch andere Gründe gegeben haben könnten, die zum Tod führten.

Ein Infekt wegen verunreinigter Babynahrung? Nicht ausgeschlossen in einer Wohnung, in der sich der Müll einen halben Meter hoch stapelte. Toxoplasmose? Ebenfalls nicht unmöglich, zumal die Angeklagte mehrere Katzen hielt. Plötzlicher Kindstod, Gendefekt? Ebenfalls nicht ausschließbare Möglichkeiten.

Im Zweifel für die Angeklagte

Angesichts solcher Unklarheiten mussten die Richter „im Zweifel für die Angeklagte“ urteilen. „Der Rechtsstaat kennt nun einmal kein Bauchgefühl“, sagte Donschen.

Die Angeklagte hatte sich in ihrem letzten Wort vor der Urteilsberatung noch einmal selbst geäußert. „Ich bedauere, dass ich die Kinder vernachlässigt habe“, sagte sie. „Ich hoffe aber, dass ich nicht ins Gefängnis muss.“

Diesen Wunsch konnten und wollten die Richter aber nicht erfüllen. Dafür seien die Verfehlungen der Frau einfach zu stark gewesen, hieß es. „Sie hat ihre eigenen Bedürfnisse über die der Kinder gestellt“, sagte der Vorsitzende. „Die beiden Mädchen mussten ihr kurzes Leben in unwürdigen Verhältnissen verbringen.“ Die Mutter sei nämlich einfach wieder arbeiten gegangen und habe Marie und Emma einfach vor der restlichen Welt versteckt gehalten.

Anpassungs- und Persönlichkeitsstörung

Verteidiger Ursula Krämer hätte es dennoch gerne gesehen, wenn die Kammer noch zu einer Bewährungsstrafe gekommen wäre. Denn immerhin sei ihre Mandantin auch nachweislich nicht voll schuldfähig gewesen, als die Kinder im Herbst 2010 und Frühjahr 2012 zur Welt kamen. Gutachterin Marianne Miller hatte im Prozess von einer Anpassungs- und Persönlichkeitsstörung gesprochen. Die Scham habe die Lünerin dermaßen im Griff gehabt, dass sie nicht anders habe handeln können.

„Jetzt aber hat die Angeklagte ihr Leben in den Griff bekommen“, so Krämer. „Sie nimmt Hilfe und Unterstützung an und möchte unbedingt eine Therapie machen.“ Damit könne sie jedoch erst beginnen, wenn der Fall juristisch endlich abgeschlossen sei.

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