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Kiebitze und Lerchen so gut wie ausgestorben

Artensterben in Lünen

Früher waren sie weit verbreitet, heute sind sie eine Seltenheit: In Lünen gibt es wie in ganz NRW kaum noch Kiebitze und Lerchen. Für viele ist für das Artensterben die Landwirtschaft verantwortlich – die weist die aber Schuld von sich.

von Julian Beimdiecke

Lünen

, 13.04.2018
Kiebitze und Lerchen so gut wie ausgestorben

Vom Kiebitz zählten die Naturschützer nur noch ein Brutpaar. © dpa

Als die Mitglieder des Arbeitskreises (AK) für Umwelt und Heimat in Lünen am vergangenen Samstag von ihrer Vogelzählung zurückkamen, dürfte ihnen der Schock noch ins Gesicht geschrieben gewesen sein. Die Mitglieder wollten herausfinden, wie viele Kiebitze und Lerchen noch auf dem Lüner Stadtgebiet leben – und das Ergebnis war schlimmer als gedacht.

Eine schlimme Entwicklung

Kein einziges Brutpaar an Feldlerchen zählte der Arbeitskreis, nur ein Brutpaar von Kiebitzen – eine schlimme Entwicklung. 2015 sichteten die Vögelschützer immerhin noch sieben Feldlerchenpaare und 17 von Kiebitzen.

„Dass die Zahlen so rapide runtergehen würden, hat uns geschockt“, kommentiert Fritz Angerstein, der Vorsitzende des AK die Zahlen. „Natürlich kann zwar immer mal ein Paar übersehen werden, aber diese ganz starke Abnahme ist eindeutig.“

Blick auf die Landwirtschaft

Damit bestätigt sich auch in Lünen ein Trend, der in ganz NRW schon seit längerem zu beobachten ist. Gab es 2005 noch ca. 116.000 Feldlerchen, waren es bei den aktuellsten Zahlen von 2015 weniger als 100.000. Im gleichen Zeitraum sank der Bestand von Kiebitzen von etwa 20.000 auf weniger als 12.000.

Kiebitze und Lerchen so gut wie ausgestorben

Die Feldlerche sieht man in Lünen gar nicht mehr. Der Arbeitskreis hat kein einziges Brutpaar mehr gezählt. © picture alliance / dpa

Bei der Suche nach den Gründen für das massive Artensterben machen Naturschützer vor allem eine Branche verantwortlich: die Landwirtschaft.

So trägt auch für Holger Sticht, den Vorsitzenden des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) Nordrhein-Westfalen, die Landwirtschaft die Hauptschuld. „Die Intensivierung, die Technisierung, der zunehmende Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden – all das macht es für Vögel, die in Agrarlebensräumen zuhause sind, natürlich schwierig zu überleben. Zu diesen Vögeln gehören auch Kiebitz und Lerche“, so Sticht. „Es gibt einfach nicht mehr genug Futter. Außerdem werden ihre Nester und Gelege zerstört.“

Fehler in den Vorjahren

Obwohl das Artensterben erst in den vergangenen Jahren zu einem massiveren Problem geworden ist, seien auch schon in den Jahren zuvor Fehler gemacht worden. „Die Zahlen können durchaus eine Spätfolge der letzten 20 Jahre sein. In einem Boden reichern sich Nährstoffe und Pestizide in so einer Zeit an“, erklärt Sticht.

Doch einfach so den schwarzen Peter zuschieben lassen möchte sich die Landwirtschaft natürlich nicht. „Es ist immer der erste Reflex, dass uns die Schuld dafür gegeben wird“, beklagt sich Bernhard Rüb von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen. Den Landwirten und ihrer Arbeit die Schuld für das Artensterben zu geben, sei aber nicht gerechtfertigt.

Problem mit dem Flächenfraß

Das Artensterben hänge eher mit einem Problem zusammen, mit dem die Landwirte selbst auch zu kämpfen haben – dem Flächenfraß. „Die Landwirtschaft verliert in den letzten Jahren massiv an Fläche – dadurch wird der Lebensraum der Vögel natürlich auch kleiner“, erklärt Rüb.

Deshalb gebe es Aktionen wie das „Lerchenfenster“, bei denen Landwirte Extra-Flächen für Lerchen auf ihrem Feld frei lassen. Und der Einsatz von Pestiziden? „Alles, was eingesetzt wird, wird geprüft – auch unter Gesichtspunkten des Artenschutzes.“

Die Schuld nur bei der Landwirtschaft zu suchen, wäre auch für Fritz Angerstein zu kurz gedacht: „Letztlich muss sich jeder Bürger fragen, inwieweit er zum Artensterben beiträgt und wie er der Verarmung der Umwelt entgegensteuern kann.“

Zu spät ist es für ein Comeback der Vögel noch nicht.