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Märchen gibt es doch

MITTE Der junge Mann ist wunderschön - mindestens so schön wie der mit Gold behangene Schimmel, auf dem er sitzt. Mit einem gekonnten Handgriff hilft er der jungen Frau auf den Rücken des edlen Vierbeiners. Zusammen reiten sie gen Sonnenuntergang.

von von Maren Volkmann

, 29.08.2008

"Anfangs habe ich fassungslos vor diesem Idealbild gestanden", erzählt Ute Würtz. Die 56-Jährige arbeitet als Diplom-Pädogogin bei NORA e.V., berät dort Mädchen und Frauen jeden Alters. Sie weiß, wie der Traum weiter geht. Mit einer prächtigen Hochzeit, tollen Kindern und der gemeinsamen herrlichen Zeit bis zum Lebensende.

500 Beratungen

Seit Herbst 2001 gibt es die Beratungsstelle an der Kortumstraße 45. Seitdem standen Würtz und ihre Kolleginnen rund 500 Frauen mit Rat und Tat zur Seite. Das Bild vom Prinzen als Schlüssel zum Glück taucht immer wieder auf. "Die Frauen haben den festen Glauben, dass das funktioniert. Wenn es berufliche Probleme gibt, sind sie meist froh, wenn sie schwanger werden, da sie denken, das sei eine Lösung", so Würtz. Sie gehört nicht zu den Menschen, die an Märchen glauben. Sie kennt Frauen, deren Prinzen sich als Frösche entpuppt haben - die zu Prügelknaben wurden.

Äußerliche Ruhe

Die Wut darüber, dass Frauen immer noch nicht komplett gleich berechtigt sind, scheint Würtz in ihrem Inneren zu tragen. Nach außen strahlt sie eine mütterliche Ruhe aus. Auch wenn es schwer fällt, in diesen Zeiten an Märchen zu glauben, scheint das Sonnenlicht, das den Raum durchflutet, anderes zu suggerieren: Dass alles gut wird, dass es immer eine Lösung gibt - egal, wie groß die Probleme sind.

"Wir beraten alles, was an Problemen ansteht und was wir können", so Würtz. Essstörungen und berufliche Orientierung genauso wie häusliche Gewalt. Frauen zwischen 17 und 70 suchen Hilfe, der größte Teil ist 30 bis 50 Jahre alt. Einzelgespräche nach Vereinbarung sind möglich, aber auch Hilfe in den offenen Beratungsstunden.

Das Telefon klingelt. Würtz ist das gewohnt. Ihre Wangen sind gerötet - sei es, weil sie mit Leidenschaft ihre Arbeit macht, sei es, weil das Klingeln sie in den letzten Tagen doch an etwas wie Märchen glauben ließ. Im ersten Liechtenstein-Prozess verpflichtete das Bochumer Landgericht den Steuersünder (66) zu einer Geldstrafe von sieben Millionen Euro, die sozialen Einrichtungen zugute kommen soll (wir berichteten).

Als Würtz erfuhr, dass auch NORA zu den Begünstigten gehört, konnte sie es kaum glauben. "Wenn Sie mir jetzt 500 Euro hier hinlegen würden, wüsste ich, was ich damit mache, aber 150 000 Euro sprengen alle meine Fantasien." Neue Projekte und eine neue Arbeitsstelle sind wohl das Mindeste, was sich in den nächsten Monaten tun wird.

Fassung bewahrt

Ute Würtz trägt den Geldsegen mit der Fassung einer Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht. Anderen Frauen hilft sie, es ihr gleich zu tun. Ohne Prinz und ohne Märchen. Dafür mit der Gewissheit, dass die Realität manchmal ungeahnte Überraschungen bereit hält.

NORA e.V., Tel. (0234) 9 62 99 95/6. Offene Beratung: di., 14-16 Uhr, do. 10-12 Uhr.