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Martin Suter und der "Elephant" im Buchladen

Zürich (dpa) Vor Jahren erzählte ein Forscher Martin Suter von der gentechnischen Möglichkeit, rosarote Mini-Elefanten zu schaffen. Daraus hat der Schweizer Bestsellerautor nun einen Thriller gemacht.

Martin Suter und der "Elephant" im Buchladen

Martin Suter bietet mit seinem neuen Roman eine Vorlage für alle Kritiker der Gentechnik. Foto: Arno Burgi

Man stelle sich Benjamin Blümchen vor. Nur viel kleiner und ohne dessen Sprachbegabung. Dafür aber in der Dunkelheit rosarot leuchtend und mit allen Eigenschaften eines ganz normalen Elefanten. So ein Wesen ist Sabu, die zauberhafte Hauptfigur des jüngsten Romans von Martin Suter.

"Es war ein winziger Elefant, höchstens vierzig Zentimeter lang und dreißig hoch", beschreibt der Zürcher Erfolgsautor seine Gedankenschöpfung. "Er besaß die Proportionen eines Jungtieres und die Haut eines ... eines Marzipanschweinchens!" Sabu ist das wunderbare, aber auch beängstigende Zufallsprodukt gentechnischer Experimente.

Der von Ehrgeiz und Habgier besessene Forscher Roux, eine Art moderner Frankenstein, will mit Hilfe der chinesischen Genindustrie eine Weltsensation schaffen und mit maximalem Gewinn vermarkten: Tiere, die in spektakulären Farben leuchten, und zum Beispiel als lebendes Spielzeug für gelangweilte Millionärskinder verkauft werden können.

Völlig abwegig? Zehn Jahre ist es her, dass Suter bei einem Kongress in Tübingen dem Alzheimer-Forscher Mathias Jucker begegnete. Der Professor erzählte ihm, dass es gentechnisch kein großes Problem mehr wäre, beispielsweise einen rosaroten Mini-Elefanten zu erzeugen. "Das Bild ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen", sagt Suter im Interview des Diogenes-Verlags.

Nun liegt sein "Elefant" in den Buchläden. Es ist ein vielschichtiger, oft berührender Roman, der sich trotz des Verzichts auf brutale Gewaltdarstellungen - ohne die viele Krimiautoren einfach nicht mehr auszukommen scheinen - über weite Strecken wie ein packender Thriller liest.

Mit "Montecristo" hatte Suter 2015 ein spannendes Buch aus der Welt der Banker, Börsianer und Politiker veröffentlicht. Hintergrund waren die Finanzkrise und ihre Folgen für die Sparer. Auch "Elefant" beschäftigt sich mit einer gesellschaftlich relevanten Thematik. Und das wieder auf höchst unterhaltsame Weise, was beim meistgelesenen und am häufigsten verfilmten Autor der Schweiz freilich kaum anders zu erwarten war.

Es geht um den Eingriff des Menschen in die Natur. Um Gefahren, die von der Gentechnologie ausgehen, insbesondere wenn sie von moralfreien Profiteuren missbraucht wird. "In der Gentechnologie stecken fantastische Möglichkeiten und riesige Gefahren", sagt Suter. "Ich glaube nicht, dass das kontrollierbar ist. Die Erfahrung zeigt: Was machbar ist, wird gemacht, was passieren kann, passiert."

Und so "passiert" es, dass dem Forscher Roux die künstliche Befruchtung einer Zirkuselefantenkuh bei einem "Blastozystentransfer" gelingt. Ihr wird ein 0,2 Millimeter großer Embryo in die Gebärmutter eingesetzt, den Roux genetisch verändert hat, indem er "das Pigment von der Nase des Mandrillaffen und das Luziferin eines Glühwürmchens" integrierte. Wie stets hat der Autor die fachlichen Aspekte mit Hilfe von Spezialisten genauestens recherchiert.

Doch die Gentechnik-Ganoven haben ihre Rechnung ohne Suters einprägsame positive Helden gemacht: vor allem der obdachlose Ex-Investmentbanker Fritz Schoch, der "Elefantenflüsterer" Kaung im Zirkus Pellegrini und die resolute, ebenso menschen- wie tierfreundliche Veterinärin Valerie.

Kaung kam einst als Flüchtling in die Schweiz - ähnlich wie der aus Sri Lanka stammende Romanheld in Suters "Der Koch". Schon mit fünf Jahren ritt der Sohn einer Familie von Oozies (Elefantenführern) im Norden Burmas auf einem Elefantenbullen, der Teakstämme schleppte. In der Geburt des rosarot leuchtenden Miniaturjumbos sieht Kaung ein göttliches Zeichen.

Klar, dass er dieses Wesen vor dem Zugriff des habgierigen Roux schützen muss. Wie Sabu auf der abenteuerlichen Flucht in der Obdachlosenhöhle von Schoch landet, später in der verstaubten Zürcher Villa eines verstorbenen Millionärsehepaares aufgepäppelt wird und schließlich mit einem Privatjet nach Asien kommt, gestaltet Suter als spannende Verfolgungsjagd.

Beeindruckend ist wieder die Vielfalt der authentisch dargestellten Schauplätze. Darunter ein steriles Gentechniklabor (samt Versuchstier-Ratte "Miss Playboy" - wegen ihrer nackten Haut), die Zentrale eines chinesischen Konzerns, das Zirkusleben und ganz besonders Schochs Lebensraum bei den Obdachlosen in Zürich, einer der reichsten Städte der Welt.

Aus Suters einfühlsamer Beschreibung der "Randständigen"-Szene und des dort verbreiteten Alkoholismus spricht Achtung und Respekt für die betroffenen Menschen. Dass er daraus schließlich eine Liebesgeschichte samt Schochs wunderbarem Sieg über die Sucht und Happy End mit Valerie im burmesischen Elefantentempel entwickelt, mag Geschmackssache sein. Allemal aber ist auch dieser Suter wieder rundum hollywoodtauglich.

- Martin Suter: Elefant. Diogenes Verlag, Zürich, 352 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-257-06970-9.

Verlagsangaben zum Roman 'Elefant'

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