Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Anzeige
Anzeige

Debatte um Sterbehilfe

Matthäus-Maier: "Münteferings Aggressivität befremdet mich"

Dortmund Seit Langem wird über eine Neuregelung der Sterbehilfe debattiert. Bald will sich auch der Bundestag mit dem Thema befassen. Die ehemalige SPD-Finanzpolitikerin und Juristin Ingrid Matthäus-Maier hofft dabei auf eine Regelung, „die es vernünftigen und willigen Ärzten ermöglicht, tatsächlich einen Suizid zu begleiten“. Gleichzeitig übte sie scharfe Kritik an Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) und Franz Müntefering (SPD).

Matthäus-Maier: "Münteferings Aggressivität befremdet mich"

Die frühere SPD-Politikerin Ingrid Matthäus-Maier

Das Wort „versündigen“ zeigt, dass Minister Gröhe der kirchlichen Überzeugung anhängt, wonach ein Individuum nicht über sein Leben verfügen dürfe, da es von Gott geschenkt worden sei. Und nur Gott dürfe es wieder nehmen. Aber wir leben in einer Welt, in der die Menschen – meiner Ansicht nach – selber entscheiden können müssen. Wir alle haben das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben, und da muss es auch das Recht auf einen selbstbestimmten Tod geben. Ich bin wirklich befremdet, mit welchem Vokabular Herr Gröhe hier aufgetreten ist.  

Das, was mich an Franz Müntefering – den ich nach wie vor sehr schätze, und er mich auch – so befremdet, ist die Aggressivität, mit der er gegen diese Gedanken vorgeht. Er spricht von einer „Heroisierung der Selbsttötung“ und einem „präventiven Tod zur Mode der angeblich Lebensklügsten“. Von „Arroganz“. Ich wundere mich über derart drastische Worte. Denn niemand will Franz Müntefering oder irgendjemand anderem vorschreiben, wie er sterben möchte. Aber in diesem Land gibt es immer mehr Menschen, die sehr alt sind, die enorm unter schwersten Krankheiten leiden, die aber nicht die Chance haben, auf würdige Weise selbst einen assistierten Freitod vorzunehmen.  

Ich bin doch nicht arrogant, wenn ich mir wünsche, würdevoll zu sterben So etwas ist keine Arroganz, sondern mit Sicherheit die Angst, unter unwürdigen Bedingungen dahinzuvegetieren. Und da die Menschen mittlerweile wissen, was auf sie zukommt, wollen sie, dass das ein Ende hat. Daher hoffe ich, dass im Bundestag, wo man ja nach seinem Gewissen entscheiden muss, keine Regelung getroffen wird, die unter anderem den Freitod erschwert. Ich hoffe stattdessen darauf, dass eine Regelung getroffen wird, die es vernünftigen und willigen Ärzten ermöglicht, tatsächlich einen Suizid zu begleiten. Aber ich sehe die Gefahr, dass Minister Gröhe die Möglichkeiten dazu eher einschränkt.  

 

Unter anderem auf familiärer Ebene. Mein Vater war am Ende seines Lebens schwerst dement. Er wurde vor allem von meiner Mutter rührend gepflegt. Trotz dieser liebevollen Fürsorge habe ich schon damals für mich entschieden: Sollte mich ein ähnliches Schicksal ereilen, will ich so nicht sterben. Aus diesem Grund finde ich, dass es in schwierigsten Fällen  ein Arzt nach seinem besten Wissen und Gewissen aus Dienst an seinem Patienten helfen können muss.  

Eines ist klar: Wenn sich jemand beispielsweise aus Liebeskummer oder wegen einer Depression umbringen will, muss man das verhindern und ihm helfen. Ich bin natürlich  auch für Palliativstationen und Hospize. Das soll und muss es alles geben und auch unterstützt werden. Aber man sollte nicht den Menschen, die sich aus freiem Willen und oft nach jahrelangem Überlegen zu einem Freitod  entschließen, das Recht auf einen ärztlich assistierten und damit würdevollen Freitod nehmen. In diesen Fällen dürfen weder der Arzt, der dies begleiten würde, noch die Verwandten bestraft werden.  

Das liegt sicherlich daran, dass die Menschen immer älter werden und immer häufiger unter einer von ihnen als quälend empfundenen Lebenssituation leiden. Mit welchem Recht wollen mir da Bundestagsabgeordnete, Ärztefunktionäre, die katholische oder die evangelische Kirche es unmöglich machen, einen würdevollen Tod  zu wählen.  

Nach Umfragen wären rund 30 Prozent der Mediziner in Deutschland zu einer solchen begleiteten Sterbehilfe bei Patienten, die sie schon lange kennen und behandelt haben, bereit, falls diese es denn unbedingt wollen. Selbstverständlich darf kein Arzt dazu gezwungen werden, wenn er dies ablehnt.  

Ich kenne einen Arzt, der seinem totkranken Freund auf dessen dringende Bitten hin beim Freitod unterstützt hat. Dieser Freund war von Kopf bis Fuß gelähmt, konnte nur noch durch einen kleinen Apparat sprechen. Da muss es doch möglich sein, dass einem Menschen in einem solchen Fall – so wie es in den Niederlanden, Belgien, in der Schweiz und einigen Teilen der USA – ärztlich geholfen wird.  

 

Auch hier muss man differenzieren. Dass bei uns der Freitod straffrei ist und demgemäß auch die Beihilfe dazu, das ist in Deutschland eher fortschrittlich. Aber dass es in anderen Ländern – nehmen Sie vor allem die Schweiz – die Möglichkeit gibt, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen, bei uns aber nicht, in diesem Punkt sind wir in Deutschland eher rückständig. Wobei insbesondere auch die Bundesärztekammer unter ihrem Vorsitzenden Frank Ulrich Montgomery eine sehr restriktive Linie fährt. Ich begrüße es sehr, dass einige Landesärztekammern sich dem nicht anschließen. Zusammenfassend möchte ich sagen: Menschen wie ich wollen niemandem vorschreiben, wie er sich sein Lebensende vorstellt. Aber ich möchte dann auch, dass man mir die Freiheit zu einem assistierten und würdevollen Freitod lässt, wenn ich ihn denn je wollen sollte.  

Anzeige
Anzeige
Das könnte Sie auch interessieren

"Obamacare" bleibt bestehen

Trump scheitert mit Entwurf zur Krankenversicherung

Washington Mit aller Macht wollen die Republikaner endlich etwas an der ihnen so verhassten Krankenversicherung „Obamacare“ ändern. Bis in die frühen Morgenstunden ringen sie um einen Erfolg. Aber sie scheitern am Widerstand in den eigenen Reihen - ein Rückschlag auch für Trump.mehr...

Politik

Lammert: "Euthanasie"-Programm war Probelauf für Holocaust

Berlin/Krakau (dpa) Für die Nationalsozialisten waren rund 300 000 kranke oder behinderte Menschen "lebensunwert" - und damit Todeskandidaten. Ihre Schicksale erschüttern am Holocaust-Gedenktag das Parlament. "Die Würde des Menschen ist antastbar", warnt der Bundestagspräsident.mehr...

Medienberichte

Trump: "Kein belastendes Material in Russland"

NEW YORK Donald Trump hat empört Berichte zurückgewiesen, Russland habe ihn mit belastendem Material in der Hand. Trumps mit Spannung erwartete Pressekonferenz wurde auch von Vorwürfen über russische Hacker-Aktivitäten bei der Präsidentschaftswahl überschattet. Dabei gab es eine überraschende Wendung.mehr...

Politik

Maas setzt Betreibern Frist wegen Hass-Kriminalität im Netz

Berlin (dpa) Die Zahl strafbarer Hasspostings im Internet ist um 176 Prozent gestiegen. Soziale Netzwerke sollen solche Einträge künftig konsequenter löschen - doch es gibt kaum Druckmittel.mehr...

Politik

Gut die Hälfte der Studenten fühlt sich massiv unter Stress

Berlin (dpa) Wie geht's den Studenten in Deutschland? Wie ist ihre finanzielle und soziale Lage, wie wohnen sie in meist teuren Hochschulstädten, wie steht es um Stress und Gesundheit? Akademiker in spe sind zunehmend auch für wissenschaftliche Studien interessant.mehr...