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Missbrauchsprozess gegen Kardinal George Pell

Melbourne. Kardinal Pell war einer der mächtigsten Männer im Vatikan. Jetzt kommt er in seiner alten Heimat wegen Missbrauchsvorwürfen vor Gericht. Muss er als Sündenbock für die Verfehlungen der katholischen Kirche in Australien herhalten?

Missbrauchsprozess gegen Kardinal George Pell

Mit der Entscheidung, George Pell vor Gericht zu stellen, dürfte die Kirchenkarriere des Kardinals vorbei sein. Foto: Stefan Postles/AAP

Es gab Zeiten, da wurde George Pell als der nächste Papst gehandelt. 2005, nach dem Tod von Johannes Paul II., und 2013, nach dem überraschenden Rücktritt von Benedikt XVI., galt der Kardinal aus Australien als aussichtsreicher Kandidat für das höchste Amt der katholischen Kirche auf Erden.

Daraus wurde nichts. Aber immerhin brachte es Pell im Vatikan zum Finanzchef, zur inoffiziellen Nummer drei des Kirchenstaats, zu einem der engsten Vertrauten von Papst Franziskus.

Doch am Dienstag sitzt der 76-Jährige, vom seinem Erscheinungsbild immer noch ein mächtiger Mann, sehr still im Amtsgericht von Melbourne. Schwarzer Anzug, weißes Hemd, Kollar, die Arme verschränkt, keine Regung. Der Blick geht auf den Boden. Soeben hat Richterin Belinda Wallington dem Kurienkardinal eröffnet, dass ihm wegen des Verdachts, vor Jahrzehnten einige Jungen sexuell missbraucht zu haben, der Prozess gemacht wird.

Zum Ende stellt sie Pell noch eine Frage. Schuldig oder nicht? Jetzt muss der Kardinal, der in den monatelangen Vorprüfungen stets geschwiegen hatte, doch etwas sagen. Er bleibt sitzen, belässt es bei zwei Wörtern. „Nicht schuldig.“ Aber ob so oder so: Mit der jetzigen Entscheidung ist seine Kirchenkarriere vorbei. An eine Rückkehr ins alte Amt nach Rom, wo er vor mehr als einem halben Jahrhundert im Petersdom zum Priester geweiht wurde, glaubt niemand mehr.

Pell wird als ranghöchster Geistlicher der katholischen Kirche in die Geschichte eingehen, der wegen Missbrauchsvorwürfen vor Gericht kommt. An diesem Mittwoch schon beginnt der Prozess, wieder in Melbourne, wo er einst Erzbischof war, im Gebäude gegenüber. Die Entscheidung liegt dann in der Hand eines Richters und einer Jury aus zwölf Geschworenen. Vermutet wird, dass sich das Verfahren über viele Monate hinziehen wird. Möglicherweise werden auch mehrere daraus.

Jedenfalls dürfte sich die Suche nach der Wahrheit kompliziert gestalten. Die Vorwürfe reichen weit in die Vergangenheit zurück - in die Zeit, als Pell in seiner Heimatstadt, der Bergbaugemeinde Ballarat, noch einfacher Priester (1976-1980) und später dann Erzbischof in Melbourne (1996-2001) war. Richterin Wallington stellte in der Hälfte der Fälle das Verfahren ein, weil die Vorwürfe nicht glaubwürdig genug waren. In neun Fällen ließ sie die Anklage zu.

Die Justiz hat sich bislang noch nicht im Detail dazu geäußert, was dem Kardinal vorgeworfen wird. Bekannt war eine Beschwerde, wonach er 1978 im Kino von Ballarat einen Jungen belästigt haben soll, als sich die beiden angeblich den Steven-Spielberg-Klassiker „Unheimliche Begegnung der Dritten Art“ zusammen anschauten. Dieser Fall wird nun nicht weiter verfolgt. Die Zeit in Melbourne wird vor Gericht jedoch Thema werden.

In einem Buch namens „Cardinal“ ist die Rede davon, dass Pell zwei Männer in der dortigen St.Patrick's-Kathedrale zum Oral-Sex gezwungen haben soll. Auch die Beschwerde über einen Vorfall mit zwei Jungen in einem Schwimmbad wird behandelt. Sein Anwalt Robert Richter tat all das als „Produkte der Fantasie, psychischer Probleme oder reine Erfindungen“ ab. Aus Sicht der Verteidigung soll Pell zum Sündenbock für die Verfehlungen von Australiens katholischer Kirche gemacht werden.

Davon gibt es viele. Eine staatliche Kommission fand heraus, dass zwischen 1950 und 2015 in Australien Zehntausende Kinder Opfer sexueller Gewalt wurden - meist in Einrichtungen der Kirche. Allein aus Pells Heimatgemeinde Ballarat sagten 139 Leute aus, sexuell missbraucht worden zu sein. Von den 21 Tätern waren 17 Priester. Pell, so die Kommission, war zumindest an Vertuschung beteiligt. Auf seinen späteren Stationen wurde ihm immer wieder vorgeworfen, zu wenig gegen sexuellen Missbrauch unternommen zu haben.

Für Papst Franziskus bedeutet die Anklage gegen seinen Vertrauten einen Rückschlag. Der Argentinier hat immer wieder bekräftigt, in Sachen Missbrauch ein „Null-Toleranz-Prinzip“ zu verfolgen. Trotzdem sieht sich die katholische Kirche weiter dem Vorwurf ausgesetzt, Fälle von Kindesmissbrauch zu vertuschen. Über allem steht die Frage, ob Franziskus nun personelle Konsequenzen zieht und strukturelle Veränderungen vorantreibt. Die Erwartungen sind groß.

Als sicher gilt, dass der Papst einen Nachfolger für seinen offiziell bislang nur beurlaubten Finanzchef berufen wird. Pell selbst bleibt trotz der Anklage gegen Kaution auf freiem Fuß. Seinen Reisepass musste er allerdings abgeben. Solange der Prozess dauert, kann der Kurienkardinal also nicht zurück in den Vatikan. Er lebt nun in seiner alten Heimat in einem Priesterseminar.

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