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Mortiers Absage lässt New Yorker Opernträume platzen

New York (dpa)  Die New Yorker Musikszene steht vor einem Scherbenhaufen. Die hochfliegenden Pläne, die lange vor sich hinschlummernde City Opera zu einem Haus von internationalem Rang zu machen, sind gescheitert.

Mortiers Absage lässt New Yorker Opernträume platzen

Gerard Mortier ist für aufwendige und skandalöse Produktionen bekannt.

Seit der spektakulären Entscheidung des Pariser Opern-Intendanten Gérard Mortier, in der kommenden Saison nicht wie vereinbart die Führung des Hauses in Manhattan zu übernehmen, herrscht bei den Verantwortlichen Ratlosigkeit. «Wir sind enorm entmutigt und enttäuscht», räumte Aufsichtsratschefin Susan Baker laut Medienberichten ein. «Der Boden ist uns unter den Füßen weggebrochen.»

Dabei war alles so schön geplant. Der als «enfant terrible» der europäischen Kunstszene bekannte Mortier sollte dem New Yorker Haus mit innovativen und aufsehenerregenden Inszenierungen neues Leben einhauchen und es zu einem quirligen Konkurrenten für die traditionsreiche Metropolitan Opera machen. Mit zwei so profilierten Häusern hätte die ehrgeizige US-Kunstmetropole ihren Anspruch als Opernplatz Nummer eins in der Welt untermauern können.

Doch die Finanzkrise machte den Planern einen Strich durch die Rechnung. Mortier erklärte, ihm seien statt des zugesagten Jahresbudgets von 60 Millionen Dollar wegen zurückgehender Sponsorengelder nun lediglich 36 Millionen Dollar in Aussicht gestellt worden. «Dafür braucht man nicht mich», kritisierte er gewohnt selbstbewusst. Er könne nicht ein Haus führen, das weniger Geld habe als das kleinste Theater in Frankreich.

An der staatlich subventionierten Oper in Paris konnte der aus Belgien stammende Impresario in einem satten 260-Millionen-Euro-Etat schwelgen. In Amerika dagegen belaufen sich die Finanzspritzen des Staates für kulturelle Einrichtungen USA-weit auf gerade mal 145 Millionen Dollar im Jahr, den Löwenanteil bringen private Spender auf.

Ob allerdings wirklich nur das Geld Auslöser für Mortiers Absage war, ist zweifelhaft. Dem Vernehmen nach stieß auch das von dem notorischen Provokateur geplante Programm beim Aufsichtsrat der Oper auf Kritik. Erstmals sollte in New York Olivier Messiaens herausforderndes Mammutwerk «Saint Francois d'Assise» (1983) zu hören sein. Weiter standen Strawinsky, Debussy, Janacek und Britten auf dem ersten Spielplan. «Mortier bestand auf einem düsteren Programm von Werken aus dem 20. Jahrhundert, die der Tod am Box Office sind. Opern, die man hasst - was für ein Konzept!», schimpfte die US-Nachrichtenagentur Bloomberg.

Zudem mögen dem Opernmann von der Seine auch Zweifel an seinen eigenen Erfolgsaussichten am Hudson gekommen sein. Denn seit Mortier 2007 seinen Vertrag unterschrieb, hat sich bei der Konkurrenz in der Metropolitan Opera viel getan. Deren neuer Generalmanager Peter Gelb bringt seit zwei Jahren kräftig frischen Wind in das einst als verstaubt geltende Haus.

Er hat für Neuinszenierungen wichtige Theater- und Filmregisseure wie Luc Bondy, Anthony Minghella und Peter Stein gewonnen. Ausgerechnet am Tag von Mortiers Rückzug lief unter großem Aufsehen Hector Berlioz' Drama «La Damnation de Faust» unter der Regie des innovativen kanadischen Theatermachers Robert Lepage an. Mortier kam so zunehmend die Notwendigkeit für einen mutigen Gegenentwurf abhanden. Schon als er sich im August in letzter Minute (freilich vergeblich) als Co-Direktor der Wagner-Festspiele in Bayreuth bewarb, wurde ihm Lustlosigkeit für die Aufgabe in New York nachgesagt.

Wie das persönliche Schicksal des früheren langjährigen Direktors der Salzburger Festspiele jetzt aussieht, ist ungewiss. Er werde Ende November 65 Jahre alt, «vielleicht will mich niemand mehr», sinnierte Mortier. Für die City Opera dürften die Auswirkungen freilich noch gravierender sein. Auf Vorschlag des künftigen Chefs hat sie wegen einer Generalsanierung des Hauses ihr Programm und damit auch ihre Einkünfte für dieses Jahr fast gegen Null gefahren. Und ein Nachfolger ist nirgends in Sicht.

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