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Nager sind teils bereits resistent gegen Giftköder

Ratten in NRW-Städten auf dem Vormarsch

Sie sind intelligent, flink und äußerst anpassungsfähig: Ratten breiten sich in deutschen Städten und Gemeinden aus. Die einst lichtscheuen Nager sieht man immer häufiger auch bei Tageslicht. Der Mensch trägt dazu bei, indem er Essensreste achtlos in Parks und Böschungen entsorgt. Eingesetzte Giftköder wirken nicht immer.

NRW

, 21.03.2018
Nager sind teils bereits resistent gegen Giftköder

Ratten, wie hier im Dortmunder Stadtteil Lütgendortmund, sieht man immer häufiger bei Tageslicht. © Stephan Schuetze

Wanderratten, und dazu gehören die meisten der hier lebenden Tiere, können per Kot und Urin bis zu 70 Krankheiten übertragen – darunter das gefährliche Hantavirus, Salmonellen und Borreliose. Auch Escherichia Coli-Bakterien, die Magen-Darm-Erkrankungen auslösen, wurden bei Ratten bereits nachgewiesen. Deshalb werden die Tiere bekämpft.

Mitte März 2018 musste die Kindertagesstätte St. Aposteln in der Dortmunder Nordstadt geräumt werden, weil dort Ratten durch die Räume liefen. Erzieherinnen hatten in den Räumen nicht nur Spuren von Ratten entdeckt, sondern es huschte auch ein Nager durch die Räume. Die Kita bleibt voraussichtlich bis Anfang April geschlossen, bis die Ursache geklärt und die Tiere vertrieben worden sind.

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Vor drei Jahren legte eine einzige Ratte eine Kindertagesstätte in Castrop-Rauxel lahm. Niemand hatte sie zu Gesicht bekommen, doch ihre Spuren – Urin, Kot und Trittspuren – waren eindeutig. Ein Jäger mit Hund und ein Schädlingsbekämpfer rückten dem ungebetenen Gast zu Leibe. Danach musste die Kita gründlich gereinigt werden. Viel Arbeit um eine einzige Ratte. Wo doch Millionen Ratten unter uns leben – in der Kanalisation, in Parks und Gärten.

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Für Schädlingsbekämpfer Michael Georg aus Castrop-Rauxel macht der Kampf gegen Ratten schon rund die Hälfte seiner Aufträge aus. „Und es wird noch mehr“, ist er sicher und beklagt die Achtlosigkeit, mit der Anwohner Müll offen stehen lassen oder gar Essensreste fortwerfen. Wohnungsgesellschaften gehören zu seinen Dauerkunden. In deren Auftrag stellt er in Wohnanlagen Köderboxen gleich für ein bis zwei Jahre auf, kontrolliert sie im Zwei-Monats-Rhythmus.

Vor vier Jahren machte eine Castrop-Rauxelerin eine Rattenplage publik, die vom vermüllten Nachbargrundstück drohe. Verantwortlich sei der Eigentümer. Doch was tun, wenn es sich um einen Messie handelt? Nach einem Ortstermin wurde klar, dass hier die Behörde aktiv werden musste.

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Im Frühling 2015 kam es in Schwerte zu einem ähnlichen Problem. Die Ratten breiteten sich offensichtlich von einem Bahngelände aus und drangen auch in Privathäuser rund um die Robert-Koch-Straße ein. Versuche der Stadt, die Plage einzudämmen, scheiterten, weil die Tiere immer wieder Rückzugsräume am Bahndamm fanden. Der Druck der Nachbarn auf die Stadt nahm zu. Vor allem, weil sich immer wieder Tiere durch Türen nagten und auch in den Wohnhäusern auftauchten. Erst als die Stadt Anfang 2016 gemeinsam mit der Bahn gegen die Plage vorging, konnte man die Rattenpopulation eindämmen. Dazu hatte die Stadt gemeinsam mit der Bahn zunächst den betreffenden Bahndamm gerodet, und so dafür gesorgt, dass es keine Rückzugsmöglichkeiten mehr gab. Dann legte ein beauftragtes Unternehmen Gift-Köder aus.

Zweimal wöchentlich muss der Kammerjäger in Werne ausrücken

Auch in Werne muss der Schädlingsbekämpfer anrücken, wenn eine Ratte gesichtet wird. Doch eins ist auch klar: „Wir haben hier kein großes Problem mit Ratten“, sagt Dirk Homann von der Stadtentwässerung. Hin und wieder gibt es Meldungen von einzelnen Tieren, etwa an den Grünflächen am St.-Christophorus- und Anne-Frank-Gymnasium, am Hornebach oder an einzelnen Straßenabschnitten.

Werne verhält sich dabei vorbildlich, wie Juniorchef Gerrit Angelkort von der Schädlingsbekämpfungsfirma Angelkort in Herbern sagt: „Wenn Bürger eine Ratte sehen, melden sie sich sofort bei der Stadt. Und die Stadt wiederum meldet sich direkt bei uns.“ Innerhalb von zwei Tagen bearbeite das Team von Angelkort dann die Anfrage.

Während die Stadt vor einigen Jahren noch die Känale vorsorglich mit Schadstoffen bestücken ließ, ist das aufgrund einer Gesetzesänderung nun nicht mehr möglich.

Nun kommt der Kammerjäger, sobald eine Meldung bei der Stadt eingegangen ist. Die Firma zählt ähnlich viele Einsätze von privater als auch von öffentlicher Seite. Etwa zweimal wöchentlich käme es zu einem Einsatz in Werne. 100 bis 150 Euro kostet die Stadt jeder Einsatz, erklärt Theodor Reher von der Stadtentwässerung. Wie viel Werne monatlich für die Schädlingsbekämpfung ausgibt, werde nicht erfasst, so Reher.

Nager sind teils bereits resistent gegen Giftköder

Gerrit Angelkort, Juniorchef der Schädlingsbekämpfungsfirma Angelkort aus Werne, demonstriert, wie er einen Rattenköder in die Box legt. © Andrea Wellerdiek

Um die Ratte zu beseitigen, legt ein Techniker zunächst einen Köder an der Futterstelle aus. Dieser befindet sich immer in einer Box, damit keine Hunde oder Katzen davon essen können. „Wenn das Rattengift ausgelegt ist, darf man nicht viel verändern. Denn sonst kommen die Ratten nicht wieder. Denn sie orientieren sich an Objekten“, erklärt Angelkort. Und die Ratten essen, was sie gerade benötigen. Deshalb passt der Experte den Köder entsprechend an. „Wenn es kalt ist, müssen sich die Ratten Fett anfressen. Dafür haben wir dann zum Beispiel Köder mit hohem Fettanteil“, sagt der Schädlingsbekämpfer. Ist die Köderbox aufgestellt, kann es zwei bis drei Wochen dauern, bis das Problem gelöst ist, erklärt der 23-Jährige.

Ratten verbluten durch das Gift langsam innerlich

Jährlich werden laut Umweltbundesamt etwa 870 Tonnen Giftköder in Deutschland gegen Ratten und Mäuse ausgelegt. Von professionellen Schädlingsbekämpfern, aber auch von Privatpersonen. Hauptsächlich wird dabei auf chemische Mittel zurückgegriffen, die Rodentizide. Das sind in der Mehrzahl Blutgerinnungshemmer, sogenannte Antikoagulanzien, die zeitverzögert wirken, damit die Artgenossen der Ratte nicht zurückverfolgen können, wo sie das Gift aufgenommen hat. Die Tiere verbluten über mehrere Tage langsam innerlich.

Bei den Rodentiziden unterscheidet man zwischen Wirkstoffen der 1. und 2. Generation. Produkte der 1. Generation dürfen auch von Privatleuten verwendet werden, sie sind nicht so hoch dosiert, die Ratte muss das Gift mehrmals aufnehmen, bevor sie daran zugrunde geht. Bei der Anwendung sollte man sich an die Sicherheitsempfehlungen des Herstellers halten.

Die Wirkstoffe der 2. Generation sind giftiger, einmaliges Fressen reicht hier oft aus, um die Ratte zu töten. Seit 2013 dürfen aber aufgrund von EU-Vorschriften die Mittel der 2. Generation nur noch von sachkundigen Personen ausgebracht werden, heißt es dazu aus dem Umweltbundesamt. Das sind in der Regel berufsmäßige Anwender wie Schädlingsbekämpfer. Bei Verstößen drohen empfindliche Bußgelder.

Mit der Regelung soll das Risiko minimiert werden, dass die Köder auch andere Wildtiere töten, die nicht bekämpft werden sollen, zum Beispiel Schleiereulen und Mäusebussarde. Diese können verenden, wenn sie vergiftete Ratten oder Mäuse fressen. Rettung gibt es nur für Haustiere: Wenn ein Hund eine vergiftete Ratte oder Maus frisst, kann der Tierarzt Vitamin K1 als Gegengift spritzen.

Schädlingsbekämpferin: Giftköder gehören nicht in Laienhände

Ein Verkaufsverbot für die Mittel der 2. Generation gibt es nicht. „Fast alle Produkte sind aus dem Baumarkt verschwunden, aber im Internet kann man sie trotzdem kaufen“, kritisiert Bärbel Holl, Vorsitzende des Vereins zur Förderung ökologischer Schädlingsbekämpfung e.V. Die Produkte gehörten nicht in Laienhände. Rattenköder-Produkte der 1. Generation, für die man keinen Sachkundenachweis braucht, werden in Bau- und Raiffeisenmärkten angeboten.

Schädlingsbekämpferin Bärbel Holl arbeitet seit über 20 Jahren in der Branche und leitet eine Firma in Wuppertal. Sie kennt die Probleme im Umgang mit den Ratten. Viele Städte würden schon aktiv, aber das Budget sei oft zu klein, um wirklich langfristig effektive Maßnahmen umzusetzen. Der wachsende Müll im öffentlichen Raum sei ein weiteres Hindernis beim Kampf gegen die Tiere.

„Überall wird was getan, aber wir sind die Bewohner, wir sorgen dafür, dass die Ratten sich wohlfühlen.“ Mittlerweile sehe man die eigentlich scheuen Tiere am helllichten Tag, überall dort, wo Menschen Essen liegen ließen. Ratten holten sich die vergessenen Pausenbrote auf Schulhöfen, äßen das Vogelfutter draußen vor Seniorenheimen, Pommes-Reste im Gebüsch oder Blumenkübel. Vermüllte Privatgelände, die an öffentliche Plätze angrenzen, seien ideale Rückzugsorte für die Nager. „Da ist die Stadt dann oft machtlos“, beklagt Holl.

Nager sind teils bereits resistent gegen Giftköder

Auch vor Winter-Vogelfutter machen Ratten nicht halt.  © picture alliance / dpa

Zunehmende Dramatik bekommt der Kampf gegen die Schadnager durch eine beunruhigende Entwicklung. Forscher beobachten seit einigen Jahren, dass die Zahl der Ratten, bei denen die Blutgerinnungshemmer nicht mehr wirken, steigt. Gegen fünf der insgesamt acht Wirkstoffe, die zur Verfügung stehen, können Ratten Resistenzen entwickeln. Die Arbeitsgemeinschaft Wirbeltierforschung des Julius-Kühn-Institutes (JKI), ein Forschungsinstitut des Bundes, vermutet ein Resistenzgebiet, das vom Nordrand des Ruhrgebiets bis ins südliche Emsland reicht.

Anhand von Stichproben wurden auch im zentralen Ruhrgebiet etwa in Herten, Herne und Lünen resistente Tiere entdeckt. „Die Resistenzen entstehen bei Ratten ähnlich wie beim Menschen, zum Beispiel bei Antibiotika“, sagt Gerlinde Nachtigall vom JKI. Es überlebten nur noch die Tiere, die unempfindlich auf das Gift reagierten. So lange das alte Mittel noch wirke, sollte man es aber einsetzen.

Einige Städte gehen bereits andere Wege in puncto Ratten-Tod: Unter anderem in Düsseldorf und Dortmund wurden in der Kanalisation Schlagfallen eingesetzt, die mittels mehrerer Bolzen den Ratten Schädel und Wirbelsäule zertrümmern. Die Methode funktioniert ganz ohne Gift, die Tiere werden nach dem Tod mit dem Abwasser weggespült. Die Methode war aber laut Stadt Dortmund nicht für den Einsatz in Abwasseranlagen geeignet und wurde daher nicht weiter verwendet.

Nager sind teils bereits resistent gegen Giftköder

Eine Köderschutzbox in der Kanalisation, wie sie in Dortmund derzeit getestet werden. © Foto Dönnewald

Deswegen wurde in Dortmund noch ein anderes System getestet: die sogenannten Köderschutzboxen. „Mit den Köderschutzboxen haben wir bisher gute Erfahrungen in kleineren Einsatzgebieten gemacht“, sagt Heike Thelen, Pressesprecherin der Stadt, auf Nachfrage. Die Stadtentwässerung werde noch in diesem Jahr in zwei weiteren Stadtteilen vermehrt Köderschutzboxen einsetzen. Die Ergebnisse lägen dann Anfang 2019 vor. Bei einer erfolgreichen Erweiterung könnte die eingebrachte Giftmenge gezielter in den Brennpunkten eingesetzt werden. Das hätte eine erhebliche Reduzierung der Giftmenge zur Folge.

Unter Mitarbeit von Andrea Wellerdiek, Heiko Mühlbauer, Gabriele Regener, Ulrich Breulmann und Katrin Fuhrmann

Einfache Tipps, um Ratten fernzuhalten: Kein Essen in die Toilette oder in den Ausguss kippen. Im Freien sollten Mülltonnen, Müllsäcke und die Biotonne verschlossen stehen und nicht mit Essensresten überquellen. Stellen Sie Müll für die Müllabfuhr, wenn möglich, erst kurz vor Abholung vors Haus. Keine Essensreste, vor allem nicht Fleisch und Knochen, auf den Komposthaufen werfen. Essensreste nicht in der Natur entsorgen, sondern in geschlossenen Behältern wie Mülleimern. Auch Tierfutter lockt Ratten an, größere Mengen nicht draußen lagern. Taubenfütterungen locken ebenfalls Ratten an. Türen zum Garten und Kellerfenster geschlossen halten. Türspalten, Ritzen, Fugen und das Abflusssystem gegen Ratten absichern (Bürstenstreifen, Gitter etc.). Ratten haben flexible Rippen, wenn der Kopf durchpasst, dann passt auch der restliche Körper. Zudem können sie bis zu drei Minuten lang tauchen.
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