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Neugier und Reife: Michael Wollnys Doppelschlag

Berlin. Im Jazz hat Deutschland sein Super-Talent längst gefunden: Michael Wollny. Der Pianist liefert und liefert - Klasse und Masse. Vor seinem Vierzigsten kommen nun gleich zwei neue Wollny-Alben heraus, die große Geburtstagsfeier steigt bald in der Berliner Philharmonie.

Neugier und Reife: Michael Wollnys Doppelschlag

Michael Wollny hat Lust auf Filmmusik. Foto: Jens Kalaene

Dieser Mann ist in seinem Tatendrang und seiner künstlerischen Neugier kaum zu bremsen. Rund 15 Alben listen einschlägige Verzeichnisse für den derzeit wichtigsten deutschen Jazz-Pianisten Michael Wollny (39) bereits auf.

Nun kommen mit der Doppelveröffentlichung „Oslo“ und „Wartburg“ zwei neue hinzu - ein ziemlich wuchtiges Statement, wie er selbst zugibt.

Seine Platten schaffen aber auch etwas sehr Seltenes im Jazz: Sie heimsen nicht nur Auszeichnungen wie den Preis der Deutschen Schallplattenkritik (2014) oder „Echo-Jazz“-Trophäen ein - sie gehen sogar in die Charts. Unermüdlich spielt Wollny seine Musik live und im Studio in diversen Ensembles. Außerdem lehrt er seit Jahren an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig, und für eine Familiengründung war auch noch Platz in seinem Leben.

All das hat der gebürtige Schweinfurter noch vor seinem 40. Geburtstag erreicht. Den begeht er nun am 25. Mai - und bekommt dafür von seinem Label ACT einen besonderen Konzertabend in Berlin spendiert: „Michael Wollny 40 - Das Geburtstagskonzert“ mit seinem Trio und zahlreichen musikalischen Freunden am 29. Mai im bereits ausverkauften Großen Saal der Berliner Philharmonie.

Staunt er eigentlich selbst über den rasanten Verlauf seiner Überflieger-Karriere? „Manchmal muss ich mich schon kneifen“, sagt Wollny, ein kluger und bescheidener Gesprächspartner, im Interview der Deutschen Presse-Agentur. „Das Leben hat es sehr gut gemeint mit mir. Das klingt jetzt vielleicht etwas altmodisch: Ich versuche mich demütig zu zeigen.“

Dem widerspricht auch nicht die selbstbewusste, an Großkünstler wie Prince, Bruce Springsteen oder Tom Waits erinnernde Entscheidung, am 23. März gleich zwei Alben am selben Tag zu veröffentlichen. Zumal beide Platten durchaus unterschiedlich, aber zum Glück von gleichermaßen hoher Qualität sind. 

„Oslo“ entstand Anfang September 2017 im Wollny-Trio mit Eric Schaefer (Schlagzeug) und Christian Weber (Bass) sowie einem norwegischen Bläserensemble, Aufnahmeort war das renommierte Osloer Rainbow-Studio. „Wartburg“ wurde kurz danach bei einem Konzert im Rittersaal der berühmten Luther-Zufluchtstätte oberhalb von Eisenach mitgeschnitten, hier gesellte sich der großartige französische Saxofonist Emile Parisien zum Trio.

„Das Material war so umfangreich, und die Erfahrungen an den zwei Orten waren so besonders“, begründet Wollny den Doppelschlag. Deshalb entschied letztlich ACT-Gründer Siggi Loch, nicht eine, sondern sogar zwei Platten herauszubringen. Auch bei den Albumtiteln wich man vom Gewohnten ab. Nach rätselhaft-romantisch benannten Veröffentlichungen wie „Hexentanz“ (2007), „Wunderkammer“ (2009), „Weltentraum“ (2014) oder „Nachtfahrten“ (2015) wurden nun die Aufnahmeorte hervorgehoben.

Auch der zuerst geplante Albumtitel „Farbenlehre“ hätte gepasst, denn beide neuen Wollny-Werke klingen im Gegensatz zum bewusst monochrom gehaltenen Vorgänger „Nachtfahrten“ bunter, vielfältiger, teilweise aufgekratzter. So lässt es der Pianist gelegentlich ordentlich swingen und glühen, etwa in „Hello Dave“ vom „Oslo“-Album oder „Gravité“ von der „Wartburg“-Platte.

Daneben stehen weiterhin die für Wollny typisch introvertierten, impressionistischen Passagen. Kaum ein aktueller Jazz-Pianist kann mit leisen Tönen so viel erzählen wie dieser deutsche Sensibilist. Auch bei der Repertoire-Auswahl lässt sich Wollny weiterhin kaum eingrenzen: Von Eigenkompositionen über Beiträge des Trios bis zu Claude Debussy, Paul Hindemith und Popsongs (diesmal Scott Walkers „Big Louise“) reicht das Spektrum.

Mit „Oslo“ und „Wartburg“ - die man in dieser Reihenfolge hören sollte, weil beide Alben oft aufeinander Bezug nehmen -  hat Michael Wollny mit gerade mal 40 Jahren einen atemberaubenden Reifegrad erreicht. Und dabei wirkt dieser immer noch sehr jungenhaft daherkommende Musiker erfreulich geerdet.

„Neben der eigenen Familie wird alles andere total klein“, sagt er. „Das Konzert von gestern Abend kann noch so toll gewesen sein - das ist dem kleinen Sohn heute völlig egal, da muss nur dieses verflixte Lego-Teil funktionieren.“ Solche ganz normalen Vaterfreuden seien für ihn ein sehr hilfreiches Gegengewicht. Denn stressig ist die Vielfachbelastung schon. „Man hat permanent das Gefühl, dass der Tag zu wenig Stunden hat“, räumt Wollny ein.

Und was kommt nun, mit 40 plus? „Ich habe nicht so einen langfristigen strategischen Plan mit großen Visionen. Aber die Welt der Filmmusik, die würde mich sehr interessieren“, sagt der Fan von Regisseuren wie Stanley Kubrick, David Cronenberg und David Lynch. „Mal sehen, ob mein Leben das auch noch ermöglicht.“

Konzerte: 12.5. Bonn, Jazzfest Bundeskunsthalle (Trio), 29.5. Berlin, Michael Wollny & Friends, 40/„Jazz at Berlin Philharmonic“, Philharmonie, 31.5. Hamburg, Elbjazz, Elbphilharmonie (Trio), 1.6. Hamburg, Elbjazz, Blohm & Voss (Trio) und Elbphilharmonie (Michael Wollny & Konstantin Gropper), 2.6. Hamburg, Elbjazz, Elbphilharmonie (Wollny/Peirani/Parisien/Schaerer), 5.6. München, Prinzregententheater (Trio)‎, 13.7. Baden Baden, Festspielhaus (Wollny/Rantala/Możdżer), 14.7. Stuttgart, Jazz Open (Trio), 22.9. Freiburg, Jazzfestival (Trio)

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