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Neumeier sehnt sich nach «ein bisschen Stillstand»

Hamburg (dpa) Der Intendant des Hamburg Balletts, John Neumeier, hat in seinem 608-seitigen Buch «In Bewegung» erstmals tiefen Einblick in seine Arbeits- und Skizzenbücher, aber auch in persönliche Tagebuchaufzeichnungen gegeben.

Neumeier sehnt sich nach «ein bisschen Stillstand»

Schreiben ist John Neumeier eigentlich eine Last.

Der 66-jährige, weltweit erfolgreiche Choreograph nennt seine Rückschau auf seine 35-jährige Tätigkeit in Hamburg «fast eine fragmentarische Autobiografie». Obwohl das Schreiben ihm eigentlich eine Last sei, denke er nun ernsthaft darüber nach, ein Buch über sein Leben zu verfassen, sagte der öffentlichkeitsscheue Künstler, der mit seinen rund 130 Stücken bereits Ballettgeschichte geschrieben hat, in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Obwohl Sie nach eigenen Angaben nicht gerne schreiben, haben Sie offensichtlich immer sehr viel geschrieben. Führen Sie neben den Arbeits- und Skizzenbüchern regelmäßig auch ein privates Tagebuch?

Neumeier: «Als ich nach Europa kam, habe ich ein ganz detailliertes privates Tagebuch geschrieben, leider nur etwa eineinhalb Jahre. Es gibt dazu immer wieder Ansätze, aber nichts Kontinuierliches. Es existieren Dinge dieser Art bis hin in meine Kindheit. Ich habe bei den Arbeiten für mein neues Buch auch das Tagebuch aus der Zeit gefunden, als ich das erste Ballett meines Lebens gesehen habe. Ich war zehn oder elf. Aber diese ganz privaten Tagebücher sind sehr fragmentarisch. Schade, denn ich lese gerade die Tagebücher von Harry Graf Kessler und finde es unglaublich, wie wichtig die sind und wie viel wir verstehen von dieser Zeit durch sein Tagebuch, was wir zum Beispiel dadurch erfahren über seine Zeitgenossen wie Rilke.»

Gibt es weitere vorbildhafte Tagebuchschreiber für Sie?

Neumeier: «Jahrelang habe ich auch Kalender benutzt mit Notizen für jeden Tag, weil ich sehr beeindruckt war von den Tagebüchern Robert Schumanns. Es war eine sehr verschlüsselte Art zu schreiben, fast so, wie man eine Postkarte schreibt. Aber wenn man das später liest, und man liest vielleicht nur drei Worte, dann ist dieser Moment aus deinem Leben sofort wieder da - und darauf kommt es an. Du brauchst dafür nicht alles detailliert aufzuschreiben, es reicht zum Beispiel: "Auf weiche, rote Blume am Boden getreten" - und auf einmal steigt alles drumherum wieder in einem auf.»

Beim Lesen Ihres Buches, das nach Ihren Choreographien geordnet ist, hatte ich den Eindruck, dass Sie kaum zwischen Arbeit und Privatem unterscheiden.

Neumeier: «Ja, ganz genau. Mein Buch ist genauso wie mein Leben nach meinen Werken geordnet. Und meine Arbeitsbücher sind eine Mischung aus Tagebuch und Arbeitsheft. Das ist inhaltlich manchmal schwer voneinander zu unterscheiden. Wenn ich zum Beispiel abends die Videoaufzeichnungen der Proben sehen, dann steckt in dem, was ich an Reaktionen dazu aufschreibe, auch viel von meinem emotionalen Zustand. Es spielen auch literarische Assoziationen eine Rolle. Das Buch von "A Cinderella Story" ist zum Beispiel sehr komplex. Ich habe unter anderem versucht, innerhalb des Märchens die magischen Elemente zu suchen, die sich hindurchziehen. Dann notierte ich Gedanken dazu, dass ich eine Szene in "Cinderella" so verstehe wie das erste Bild in "König Lear", und ich habe in das Buch dort den Textauszug von Shakespeare hinein geklebt.»

Wie umfangreich sind denn diese einzelnen Arbeitsbücher?

Neumeier: «Das ist unterschiedlich. Bei "Peer Gynt" war ich selber rückblickend überrascht, wie lange ich an diesem Stück gearbeitet habe - und wie viel ich darüber geschrieben habe. Das lag daran, dass es von so vielen Problemen begleitet wurde. Als ich mit Proben begann, habe ich mich jeden Tag gezwungen zu schreiben. Es gibt dazu sogar drei Arbeitsbücher. Da habe ich selber auch fotografiert und die Fotos mit viel Mühe ausgeschnitten und wie ein Storyboard nebeneinander geklebt und Notizen dazu geschrieben.»

Wie sehen diese Arbeitsbücher aus?

Neumeier: «Ich benutze immer ein gebundenes Buch im DIN-A4-Format. Ich suche diese Bücher sehr bewusst für jedes Stück aus. "Parzival" ist zum Beispiel rot, der "Sommernachtstraum" ist dunkelblau, die "Möwe" hellgrau. Ich versuche, das dem Thema entsprechend zu machen.»

Legen Sie vor Probenbeginn schriftlich genau fest, wie das Werk sich gestalten soll?

Neumeier: «Früher habe ich Libretti geschrieben, also schon vor Beginn aufgeschrieben, wie das Stück aussehen soll. Dann bin ich dazu übergegangen, lockere Outlines zu machen und während der Proben zu sehen, wie sich das Stück entwickelt.»

Wie würden Sie den Vorgang des Choreographierens beschreiben?

Neumeier: «Das Choreographieren ist so, als ob man ohne Landkarte durch einen Wald geht. Man sagt sich, okay, dort scheint es sehr schön zu sein, die Sonne scheint durch die Bäume, also gehe ich dorthin und nehme dieses Blatt dabei mit. Man lässt sich von Dingen leiten und macht sich nicht die Dinge untertan.»

Und wie empfinden Sie im Unterschied dazu das Schreiben?

Neumeier: «Zunächst ist es ja so, dass ich noch nichts Fiktionales geschrieben habe. Wenn, müsste ich im Grunde Gedichte schreiben. Es gibt auch ein paar Gedichte von mir, wenn man diese Zeilen so nennen will. Aber generell ist es so: Wenn du etwas schreibst, werden die Dinge klarer, nehmen konkretere Form an. Wenn ich das in Zusammenhang mit meiner Probenarbeit tue, muss ich sehr schnell schreiben. So schnell und so kurz wie möglich. Danach ist es oft so, dass ich plötzlich Zusammenhänge sehe oder sogar die gesamte Geschichte.»

Lesen Sie immer mal wieder in Ihren Arbeitsbüchern?

Neumeier: «Ja, während der Arbeit an einem Ballett, um noch mal für mich zu klären, wohin ich eigentlich wollte. Ganz besonders aber bei Wiederaufnahmen. Dafür muss ich wieder in die Stimmung des Stücks kommen. Ich muss diese Stimmung wieder in mir spüren, um es erneut zum Leben zu erwecken mit Menschen, die nicht dabei waren, als ich es kreiert habe. Daher sind auch die Bilder von den Proben oder assoziative Gedankennotizen sehr wichtig.»

Spielen die Arbeitsbücher auch eine Rolle bei der Auswahl der Musik?

Neumeier: «Ja, sicher. Es gibt unter anderem ein ganzes Heft mit meinen Impressionen zu der gesamten Musik Schostakowitschs, das entstand, als ich das Ballett über Nijinsky plante. Das heißt, ich höre Musik und schreibe ganz subjektiv nieder, was ich höre. Und manchmal schreibe ich gleich dazu "könnte gut sein für Szene mit xy". Das ist mein Versuch, absolut spontan und instinktiv auf die Musik zu reagieren. Ohne etwas zu wollen, was nicht da ist. "Drohende Klänge, Stottern" - so in der Art. Als ich drei Jahre später die "Möwe" machte, bin ich wieder auf Schostakowitsch zurückgekommen und da waren diese Notizen sehr hilfreich. Es kommt darauf an, wie du Musik hörst und was sie instinktiv für dich ist. Ohne dass du Sekundärliteratur dazu liest und versuchst zu verstehen, was hat sich der Komponist dabei gedacht. Wichtig ist allein dein Blickwinkel.»

Das Verfassen einer Autobiografie würde sich von einem solchen Schreiben unterscheiden. Sie müssten auch viel von sich preisgeben.

Neumeier: «Das Schreiben fällt mir schon deshalb nicht leicht, weil ich sehr anspruchsvoll mit mir selber bin. Ich weiß also eines ganz genau: Es wäre eine sehr aufwendige Arbeit. Allerdings wäre es auch reizvoll. Dabei frage ich mich auch, wen das eigentlich interessiert. Und: Wie offen möchte ich sein? Sollte ich vielleicht ein Buch schreiben, das erst nach meinem Tod veröffentlicht werden darf? Andererseits: Bei mir wird es sowieso immer ein Gemisch sein von Arbeit und Leben, denn ich trenne meine Arbeit und mein Leben nicht. Ich glaube, dass ich eine Berufung habe und der Gedanke daran begleitet mich durch den ganzen Tag. Ich frage quasi immer zuerst meine Berufung: Ist alles okay? Kann ich jetzt einen Film sehen oder muss ich noch etwas erledigen? Das ist eine ganz strenge Disziplin, die ich seit sehr, sehr vielen Jahren habe.»

Haben Sie jetzt mit 66 Jahren auch das Bedürfnis, eine Art Bilanz zu ziehen?

Neumeier: «Nach einer gewissen Zeit hat man eine Sehnsucht danach zu begreifen, wie war das eigentlich oder wie ist es dazu gekommen. Denn man geht immer so vorwärts. Doch je mehr man arbeitet, umso mehr wird man abgelenkt durch das Tun. Das Reflektieren ist etwas, was dann zu kurz kommt. Das ist etwas, was mich manchmal traurig macht: Ich erlebe etwas, was sehr interessant ist - und am nächsten Tag muss ich schon wieder was anderes machen. Ich muss also versuchen, das in mir zu behalten, mit dem Versprechen an mich selber: Eines Tages werden wir darüber reflektieren, was das wirklich war, wie das wirklich war. Dies hier ist ganz typisch für mich - das habe ich noch keinem Menschen erzählt: Ich bin von der Beerdigung meiner Mutter nach Wien geflogen, immer noch in dem Anzug, den ich bei der Beisetzung trug, um in Wien noch am gleichen Nachmittag eine Hauptprobe vom "Sommernachtstraum" zu machen. Und ich war überzeugt, dass ich das machen müsste. Das bedeutet, dass in mir ganz vieles unreflektiert ist. Allerdings sind meine Arbeiten wohl die eigentlichen Reflexionen.»

Insofern würde das Schreiben einer Autobiografie auch die Gelegenheit zum Innehalten bieten?

Neumeier: «Ja, Schreiben ist für mich ein Konkretisieren von flüchtigen Fragmenten, die man einfangen will, um sie festzuhalten. Die Worte sind dann nicht mehr in Bewegung. Die Worte beschreiben, konkretisieren die Bewegung des Lebens. Deshalb die Faszination, einmal eine Autobiografie zu schreiben: damit man die Bewegung des Lebens eines bisschen zum Stillstand bringt.»

Gibt es so etwas wie einen Roten Faden in Ihrem Leben oder ein Muster, das sich hindurchzieht?

Neumeier: «Ich denke, dass ich immer in Entwicklung bin, aber mit der gleichen Intention. Fast schockierend war es, als ich meine erste Rede an die Hamburger Compagnie wieder las. Es sind jetzt über 30 Jahre vergangen - und ich würde es heute genauso sagen! Das Ziel hat sich nicht verändert, die Art dorthin zu gelangen oder es auszudrücken hat sich hoffentlich etwas verbessert. Als ich nach Europa kam, da gab es sehr emotionale - natürlich auch von meinem jugendlichen Alter geprägte - Aussagen in meinem Tagebuch. Ich habe mein Dasein etwas pathetisch verglichen mit dem eines Ritters, der eine Aufgabe hat, quasi mit einer Gralssuche befasst ist. Das alles war sehr von spirituellen Überlegungen geprägt. Die Essenz dessen ist geblieben.»

Interview: Brita Janssen, dpa

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