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Nikolaus Bachler: „Tiefer schauen und Widersprüche zulassen“

München. Gerade verfolgte die Musikwelt gespannt den Auftritt des neuen Führungsduos der Bayerischen Staatsoper: Dorny und Jurowski bestimmen ab 2021 die Geschicke des Hauses. Doch bis dahin ist es noch lange hin und der Noch-Intendant Nikolaus Bachler hat noch viel vor.

Nikolaus Bachler: „Tiefer schauen und Widersprüche zulassen“

Der Intendant der bayerischen Staatsoper, Nikolaus Bachler. Foto: Sven Hoppe

Nur wenige Tage ist es her, da stellte sich das neue Führungsduo der Bayerischen Staatsoper in München vor: der künftige Intendant Serge Dorny und der neue Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski.

Doch bis die beiden in München starten, werden noch gut drei Jahre vergehen. Bis dahin wird Bachler mit Generalmusikdirektor Kirill Petrenko die Geschicke des Hauses leiten. Der Österreicher hat noch viel vor in München - und überdies keine Probleme damit, dass seine Zeit an der Staatsoper irgendwann zu Ende geht, wie er sagt.

Frage: Die neue Spielzeit hat das Thema „Alles was recht ist“. Das hört sich sehr kämpferisch an. Ist das auch so gemeint?

Antwort: Ich finde, das hat viel mit unserem Metier zu tun, weil es einerseits eine Grenzüberschreitung oder auch Zumutung sein kann. Alles was recht ist, das lasse ich mir nicht gefallen, das passt mir nicht oder Schluss damit. Andererseits hat es auch damit zu tun, worum es in der Kunst zentral geht: um Gerechtigkeit, um Recht und Unrecht, um Wahrheit und Unwahrheit.

Frage: Kann man Ihr Spielzeit-Thema auch als politisches Statement verstehen?

Antwort: Aktuelle Bezüge findet man schnell, aber man muss sich hüten vor dem Plakativen. Am Theater kann man etwas tiefer schauen und Widersprüche zulassen. Wir sind dazu da, Fragen zu stellen. Und die Fragen müssen so radikal, so genau, so mutig und so unverstellt sein wie möglich. Politisch ist ein Reizwort. Alles was wir tun, ist politisch. Die Aussage, ich bin kein politischer Künstler, geht nicht. Ich erwarte starke Künstler mit einer starken Aussage.

Frage: Sie starten die Spielzeit mit einer Neuinszenierung von Giuseppe Verdis „Otello“. Darin geht es um große Gefühle, Hass, Rache, Liebe. Der Kriegsheld Otello, der „Mohr“, kehrt nach Hause zurück, wird dann aber zum Opfer seiner eigenen Eifersucht.

Antwort: „Otello“, da sind wir mitten im Thema. Darum steht dieses Stück auch am Anfang der Saison. Punktgenauer kann man die Frage nach allem, was recht ist, gar nicht stellen. Wie ist man mit dem Fremden konfrontiert und wie geht man mit ihm um? Was bedeutet in einer Gesellschaft Recht und Unrecht? Und was bedeutet es für jeden einzelnen? Die Kernoper zu diesem Gedanken ist aber „Karl V.“ von Ernst Krenek. Er hat das Stück 1933 geschrieben. Dann kamen die Nazis, haben Kreneks Musik als entartete Kunst bezeichnet und er musste emigrieren.

Frage: Warum haben Sie diese Oper ausgewählt?

Antwort: Das ist eines unserer Zentralthemen heute. Ein Mensch bekommt am Ende seines Lebens die Frage gestellt, gibt es einen Heilsbringer, gibt es jemanden, der dieses Europa als ein Mensch zusammenbringt? Schauen wir uns die Welt heute an, wo das Heil in der Einzelperson gesucht wird. Ob es die absurde Groteske eines Donald Trump ist oder die eines Putin. Oder in meiner Heimat Österreich. Da atomisiert ein 30-jähriger Jüngling eine Volkspartei und macht sich zum Führer. Diese Tendenzen sind das Grundthema dieses Stücks. Das hat sehr viel mit unserer Gegenwart zu tun. Die Oper ist eine Kunstform der Vergangenheit und es geht um die Frage, wie ringen wir der Oper Gegenwart ab?

Frage: Kürzlich hat sich Ihr Nachfolger Serge Dorny in München vorgestellt, gemeinsam mit dem künftigen Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski. Sie haben jetzt noch drei Spielzeiten vor sich, dann ist Ihre Zeit hier zu Ende. Wie geht es Ihnen damit?

Antwort: Mir ging es immer gut mit Aufhören. Den Satz der Marschallin aus dem „Rosenkavalier“, „leicht muss man sein: mit leichtem Herz und leichten Händen, halten und nehmen, halten und lassen“, das muss ich mir nicht antrainieren. Ich bin sehr leicht innerlich. Das Leben verläuft in Wellen und dazu gehört, dass man sich verändert.

Frage: Wollen Sie nach Ihrem Abschied 2021 in dem Tempo weitermachen, wie bisher?

Antwort: Ich will kein weiteres großes Haus mehr annehmen, keine weitere große Institution mehr. Das wird eher ein persönlicher Weg. Wie gestaltet man das letzte Drittel seines Lebens? Ich habe schon bei mehreren Häusern abgelehnt. Ich will eher projektweise denken.

Frage: Wie geht es Ihnen mit dem neuen Führungsduo der Staatsoper, Dorny und Jurowski?

Antwort: Sehr gut. Dorny kenne ich schon lange. Und mit Jurowski habe ich schon gearbeitet. Das ist eine gute und interessante Lösung und insoweit geht es mir auch gut damit.

ZUR PERSON: Der Österreicher Nikolaus Bachler (66) ist seit 2008 Intendant der Bayerischen Staatsoper. Er und Generalmusikdirektor Kirill Petrenko gelten als künstlerisches Duo, das der Münchner Oper zu großer Anerkennung verholfen hat. 2021 werden sich beide von der Staatsoper verabschieden. Vor München leitete Bachler unter anderem die Wiener Festwochen, die Volksoper Wien und das renommierte Burgtheater in Wien.

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