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Offen und witzig: Timo Bluncks doppelte Zwischenbilanz

Berlin. Timo Blunck hat viel erlebt in seiner Karriere als Popmusiker. Jetzt hat er ein Buch und ein Album darüber veröffentlicht. Es geht um Sex und Exzess, Liebe, Drogen, Chaos - offenherzig, frivol und oft humorvoll.

Offen und witzig: Timo Bluncks doppelte Zwischenbilanz

Timo Blunck blickt zurück - und nach vorn. Foto: Elliot Blunck

Allein dieser Titel: „Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern?“. Verspricht einiges. Und die Erwartungen werden erfüllt von Timo Blunck - mit seinem so benannten neuen Album und einem gleichnamigen Buch.

Der einstige Bassist und Sänger der Deutschpop-Kultband Palais Schaumburg - die, na klar, in den 80ern aktiv war - und von Die Zimmermänner holt hier zum großen Musik/Literatur-Doppelschlag aus. Denn die Platte (Tapete) mit zwölf Liedern und der über 450 Seiten dicke Roman (Verlag Wilhelm Heyne/Random House) nehmen tatsächlich aufeinander Bezug. So stimmen Kapitelüberschriften und Songtitel überein, und zu Beginn des Buches heißt es: „Die folgenden Begebenheiten beruhen auf einem wahren Song.“

Soviel zum Konzept, mit dem der norddeutsche Postpunk- und Funk-Musiker Blunck für eine Art Autobiografie zum 55. Geburtstag (der fand statt am 25. März 2017) angetreten ist. Aber lohnt es sich auch, diese explizit-frivolen, oft humorvollen Erinnerungen und Fantasien auf Platte zu hören beziehungsweise in einem Roman zu lesen? Für beides gilt: uneingeschränkt Ja.

„Timo Blunck hat den ersten Yacht-Rock-Porno geschrieben“, sagt der ebenso legendäre Rocko Schamoni (Studio Braun) über „Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern?“. Das fasst es ganz gut zusammen.

Denn musikalisch klingt das hier Gebotene enorm cool und ist zudem extrem knackig produziert - Schamonis Vergleich mit Steely Dan ist gar nicht so überzogen, auch die Doobie Brothers oder Hall & Oates kommen bei diesem souligen Popsound in den Sinn. Zumal Blunck mit seiner tollen, immer leicht blasierten Croonerstimme den Mann, der in punkto Ausschweifungen schon alles gesehen und erlebt hat, kongenial verkörpert.

Songtitel und Kapitelüberschriften weisen die Richtung - eine Auswahl: „Koks & Nutten“, „Fortpflanzungssupermarkt“, „Ich bremse nicht für Spießer“, „In 80 Frauen um die Welt“. Es geht also um viel Sex in vielen Spielarten, aber auch um die große Liebe namens Sophia, um illegale Rauschmittel und um einen insgesamt wohl ziemlich ungesunden, exzessiven Lebenswandel.

Und Selbstironie kann Blunck natürlich auch, gut nachzuhören im extrem witzigen „Da kann ich mich auch gleich mit Benzin übergießen“ - es geht um eine Frau, die „ganz schön dicke Eier“ hat, während der männliche Protagonist nur noch „halb Mensch, halb Keks“ ist. „Frauen sollten wirklich keine Zigarren rauchen - zumindest nicht im Bett“, meint der Loser-Typ am Ende hilflos.

Auslöser für diese wohl auch zwischenbilanzierend gemeinte Kombination von Musik und Literatur war ein Zimmermänner-Konzert im November 2014, bei dem Blunck zusammenklappte und zur Notoperation ins Krankenhaus kam. „Noch mit diversen Schläuchen im Arm sowie im Darm bittet Blunck die Krankenschwester mit noch leicht zittriger Stimme um Zettel und Papier und beginnt zu schreiben“, berichtet sein Hamburger Label Tapete.

Er habe dann geschrieben und geschrieben, „zum Teil noch unter dem Einfluss starker und stärkster Narkose- und Schmerzmittel, die ganzen vier Hospitalwochen durch. So eine Nahtoderfahrung (...) kann die Kreativität doch ziemlich befeuern.“

Für das Album spielte Blunck alle Instrumente. „Bevor ich einem Mucker seinen Part erklären muss, mach' ich den Kram lieber selber“, sagt er. Das Ergebnis nötigt Respekt ab, vor allem macht es beim Hören und Lesen jede Menge Spaß.

Auftritte von Timo Blunck: 28./29.3. München, 4.4. Berlin, 5.4. Chemnitz, 13.4. Hamminkeln, 14.4. Osnabrück, 25.4. Lüneburg, 2.5. Frankfurt/Main

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