Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung
Anzeige
Anzeige

Ohne Lametta - Alexander Osangs Weihnachtsgeschichten

Berlin. Jedes Jahr schreibt Alexander Osang eine Weihnachtsgeschichte. Besonders fröhlich sind sie nicht, dafür ohne literarischem Tannenduft.

Ohne Lametta - Alexander Osangs Weihnachtsgeschichten

Der Journalist und Schriftsteller Alexander Osang schreibt besondere Weihnachtsgeschichten. Foto: Jens Kalaene

Weihnachten ist das Fest der Rituale. Die einen schlagen jedes Jahr einen Karpfen tot, die anderen singen die immer gleichen Lieder. Alexander Osang schreibt Jahr für Jahr eine Geschichte. Eine über Weihnachten. Sie sind alle ganz verschieden und trotzdem alle großartig.

Das ist nicht weiter erstaunlich. Osang ist ein fantastischer Erzähler. Als Journalist hat er dreimal den Egon-Erwin-Kisch-Preis bekommen - das ist ungefähr so wahrscheinlich wie dreimal Weltfußballer des Jahres zu werden. Und als Schriftsteller ist er so gut wie als Reporter. Der Aufbau Verlag hat seine Weihnachtsgeschichten nun zu einem Buch zusammengefasst, insgesamt 14 sind es geworden. Es heißt „Winterschwimmer“.

So heißt auch eine der Geschichten, eine der schönsten. Sie beginnt trostlos und endet hoffnungsvoll. Und das ist bei Osang nicht immer so. Denn er wäre der Letzte, der Weihnachten mit viel literarischem Tannenduft verkitscht. Osang erzählt darüber lakonisch, manchmal mit einem Hauch Melancholie und viel Gespür für alles Absurde.

Bei „Winterschwimmer“ geht es um Axel Ruhl, der seit 15 Jahren Saunen, Solarien und Schwimmbäder für den Hausgebrauch verkauft, durchaus mit einem gewissen Talent. Seine Frau Irina hat ihn verlassen und sich in die Arme eines Hotel-Betreibers in Gummersbach geflüchtet. Am Tag vor Heiligabend empfängt er seine letzten Kunden vor Weihnachten. Ein Paar aus Radebeul bei Dresden will seine Sauna ausprobieren, aber eigentlich keine kaufen.

Und dann klopft da plötzlich eine Frau, dunkle Locken, dunkle Augen, an seinen Wintergarten. Die beiden verstehen sich sofort. Ruhl führt ihr ein Schwimmbad vor, das XC 2001. Und es dauert nicht lange, da schwimmen die beiden schon zusammen im Pool. Osang ist klug genug offenzulassen, ob sie Weihnachten schon gemeinsam verbringen. Aber denkbar ist es.

Oft genug haben Osangs Geschichten kein Happy End. Dafür ist der 1962 im damaligen Ost-Berlin geborene Autor und frühere Chefreporter der „Berliner Zeitung“ einfach zu sehr Realist. Mal geht es bei ihm um einen Makler, der kurz vor Weihnachten einer Frau seine eigene Wohnung anbietet und spontan in eine andere zieht. Mal um ein Ehepaar, das zusammen mit anderen Geschäftskunden der Volksbank Berlin-Weißensee im Wandlitzer Forst auf die Jagd nach einem Weihnachtsbaum geht. Mal um einen Weihnachtsbesuch bei den Schwiegereltern in Florida, die sich dort zwischen lauter anderen Deutschen in einem etwas seltsamen Exil eingerichtet haben.

Und noch etwas: Osang ist kein Ossi-Erklärer. Aber seine Hauptfiguren kommen oft aus dem oder leben im Berliner Osten oder in Ostdeutschland. So wie in der wunderschönen Geschichte über Lars Petzold, der in der Heiligen Nacht mit seinem Beagle namens Pieck spazieren geht, um sich am Kiosk bei einem Vietnamesen eine Zigarette zu kaufen. Und dessen ziemlich zerrüttetes Verhältnis zu seiner Frau Cathrin, die ihm jeden Heiligabend die Fischsuppe kocht, die er gar nicht haben will, dann doch noch eine Chance bekommt. Eine auf die Zukunft zu zweit und eine auf fröhliche Weihnachten.

- Alexander Osang: Winterschwimmer, Aufbau Verlag Berlin, 239 Seiten, 20,00 Euro, ISBN 978-3-351-03688-1.

Anzeige
Anzeige
Das könnte Sie auch interessieren

Buch im Gespräch

Christa Wolf und Lew Kopelew - ein Briefwechsel

Berlin. Christa Wolf und der aus der Sowjetunion ausgebürgerte Schriftsteller und Menschenrechtler Lew Kopelew waren über Jahrzehnte eng befreundet, was auch in einem umfangreichen Briefwechsel dokumentiert ist. Jetzt sind die Briefe von 1969 bis 1997 mit ergänzenden Kommentaren erschienen.mehr...

Buch im Gespräch

Studentenleben zwischen Philosophie und Erotik-Magazin

Frankfurt/Main. Autobiografisches ist in Mode: Andreas Maier bleibt mit seiner hessischen Heimatsaga jedoch ein Solitär. Mit dem sechsten Band ist er jetzt als Philosophiestudent an der Universität in Frankfurt angekommen - und macht ungewöhnliche Begegnungen.mehr...

Buch im Gespräch

Wilde Trump-Satire: „Pussy“

Berlin. Der britische Autor Howard Jacobson zeigt Trump in seiner Parabel als missratenen Diktatoren-Zögling mit Sprachproblemen. Doch inzwischen hat die Wirklichkeit die Satire längst eingeholt.mehr...

Buch im Gespräch

Wenn das Wetter zur Waffe wird: „Sturm“ von Uwe Laub

Berlin. Stürme, Überschwemmungen und Tornados kosten alljährlich viele Menschen das Leben. Ist das Natur oder menschengemachter Klimawandel? Uwe Laub hat in seinem Roman „Sturm“ ein Szenario geschaffen, das auf einem bösen Verdacht beruht.mehr...

Buch im Gespräch

Alice Schwarzer und ihre Algerien-Familie

Köln. Deutschlands bekannteste Frauenrechtlerin ist ledig, kinderlos und hat - Überraschung - trotzdem eine Großfamilie. In Afrika. Im neuen Buch befasst sich Alice Schwarzer mit Algerien - und was es für Europa heißt, wenn das Land „kippt“.mehr...

Buch im Gespräch

Sterbende Schönheit? Plädoyer für Latein

Berlin. Gerundium oder Ablativus absolutus: Generationen von Schülern erinnern sich an ihren Lateinunterricht - womöglich mit Qualen. Das Buch „Latein lebt“ zeigt den Anmut dieser „nutzlosen Sprache“.mehr...