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Brückenprüferin wirft Kreis bei Lippebrücke in Ahsen Nachlässigkeit vor

Lippebrücke in Ahsen

Die gesperrte Lippebrücke in Ahsen setzt den Kreis Recklinghausen unter Druck. Den Vorwurf, die Behörde sei nachlässig mit der Brücke umgegangen, nennt der Tiefbau-Chef aber haltlos.

Olfen

von Michael Walkötter

, 10.10.2018
Brückenprüferin wirft Kreis bei Lippebrücke in Ahsen Nachlässigkeit vor

Die Brücke in Ahsen ist seit Monaten gesperrt. Das sorgt bei den Bürgern für reichlich Ärger. Jetzt steht zudem der Vorwurf der Nachlässigkeit im Raum. Aschwer © Foto Thomas Aschwer

Brisant ist, dass die Kritik aus dem eigenen Haus kommt. Eine Diplom-Ingenieurin, die als Brückenprüferin für die Kreisverwaltung gearbeitet hat, bemängelt das Fehlen von Protokollen und Prüfberichten im sogenannten Bauwerksbuch, das vergleichbar ist mit einer Patientenakte beim Arzt.

Streit um Untersuchung

Obwohl der Zustand der Ahsener Brücke seit 15 Jahren mit „ungenügend“ eingestuft worden sei, seien keine größeren Instandsetzungsmaßnahmen beziehungsweise genaueren Betonuntersuchungen durchgeführt worden, so die Ingenieurin. Die Brückenbücher anderer Bauwerke des Kreises sähen ähnlich aus, heißt es in ihrer „Petition“, die sie an den Präsidenten des NRW-Landtags gerichtet hat. Das Schreiben liegt der Redaktion vor. Die Kreisverwaltung weist die Vorwürfe zurück. Die Bauwerksbücher seien in Ordnung, sie würden seit 2004 jedoch nur noch elektronisch geführt, sagt Carsten Uhlenbrock auf Anfrage unserer Zeitung. Dass die Daten korrekt seien, habe das Rechnungsprüfungsamt des Kreises bestätigt. Auch habe es in der Zeit Sanierungsmaßnahmen an der Brücke gegeben. „Die Standsicherheit stand bis 2017 nicht infrage“, betont der Leiter des Fachdienstes Tiefbau.

Kreis hat bei der Vergabe große Probleme

Der Kreis Recklinghausen ist für insgesamt 95 Brückenbauwerke zuständig. In einer Antwort auf eine Anfrage der Linken im Kreistag räumt die Kreisverwaltung personelle Engpässe im Tiefbau-Bereich ein. Der Kreis versucht sich mit Vergaben an externe Ingenieurbüros zu helfen. Doch auch deren Auftragsbücher sind randvoll. Unter diesen Bedingungen sehe sich der Kreis gezwungen, eine Priorisierung der Maßnahmen vorzunehmen, so Uhlenbrock.

Brückenurteil: „ungenügender Bauwerkzustand“

Der Kreis folgt nach eigenen Angaben dennoch den Vorgaben der DIN 1076, der „allgemein anerkannten Regel der Technik“. Die schreibt vor, dass alle sechs Jahre eine Hauptprüfung stattzufinden hat. Untersucht werden dann u. a. die Tragkonstruktion aus Beton und Stahl, die Geländer, der Asphalt sowie die Lager, auf denen die Brücke liegt. An der Lippebrücke in Ahsen fand die letzte Hauptprüfung am 26. Juni 2017 statt. Durchgeführt wurde sie von der Ingenieurgesellschaft Prof. Dr. Mertens. Die Brücke erhielt die Benotung 4,0 („ungenügender Bauwerkszustand“) – schlechter geht es nicht. Als Ergebnis der Prüfung wurde u. a. eine Gewichtsbeschränkung auf 3,5 Tonnen eingeführt. Eine zusätzliche Auflage waren weitere Kontrollen im Dreimonatsrhythmus. Mertens gab der Brücke im Juni immerhin noch eine Lebenszeit von „maximal fünf bis sechs Jahren“.

Neubau in Angriff nehmen

Acht Monate später, im Februar 2018, beauftragte die Kreis-Politik den Landrat, einen Neubau in Angriff zu nehmen. Zu diesem Zeitpunkt gingen die Verantwortlichen im Kreishaus davon aus, noch genügend Zeit dafür zu haben. Doch die Lage spitzte sich schnell zu. Bei einer Prüfung im April 2018 wurden – möglicherweise eine Folge des Winters – eklatante Schäden an den Gelenkträgern diagnostiziert. Einsturzgefahr! Die Brücke, die eine wichtige Verbindung zwischen den Kreisen Recklinghausen und Coesfeld darstellt, wurde gesperrt – nicht nur für Autofahrer, sondern sogar für Radler und Fußgänger.

Prüferin mit Kreis im Clinch

Verfügt wurde die Vollsperrung von der Brückenprüferin, die nicht mehr beim Kreis beschäftigt ist, aber mit ihm arbeitsrechtlich im Clinch liegt. Wegen des laufenden Verfahrens lehnt sie gegenüber unserer Zeitung jegliche Stellungnahme ab. In dem Brief an den Landtagspräsidenten betont sie, dass es für die Kommunen wirtschaftlicher sei, Unterhaltungsmaßnahmen auf Eis zu legen und stattdessen alle Energie in Neubauten zu stecken.

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