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Opernstar Myon: Dem Roboter ins Herz blicken

Berlin (dpa) Ein neuer Star auf der Bühne der Komischen Oper in Berlin ist der Roboter Myon: Groß wie ein achtjähriges Kind und lernfähig soll Myon die Grenzen zwischen Mensch und Maschine ausloten.

Opernstar Myon: Dem Roboter ins Herz blicken

Das ist Myon, 1,25 Meter groß, 16 Kilogramm schwer und von Beruf Roboter. Foto: Christoph Schmidt

Wie lernfähig sind Maschinen? Können Sie Gefühle lesen? Und kann ihr angesammeltes Speicherwissen möglicherweise irgendwann einmal in eigene Gefühle münden?

Der Roboter Myon, 1,25 Meter groß, 16 Kilogramm schwer und von menschenähnlicher Gestalt, ist auf dem Weg dorthin - und zwar als Opernstar. Die Komische Oper Berlin bringt zusammen mit dem deutsch-britischen Performancekollektiv Gob Squad und dem Forschungslabor Neurorobotik der Berliner Beuth-Hochschule am Sonntag (21. Juni) ein einzigartiges Spektakel auf die Bühne: Die Oper «My Square Lady» als Versuch der Education sentimentale eines Roboters.

Seit zwei Jahren geht das Team um den Mathematiker Prof. Manfred Hild zu diesem Zweck immer wieder in der Komischen Oper ein und aus. Myon, 2010 mit einer Grundprogrammierung ausgestattet, seitdem «im Lernprozess» und schon an vielen Orten der Welt präsentiert, hatten die Wissenschaftler bei diesen Opernbesuchen im Gepäck. Manchmal auch nur seinen Kopf mit den akustischen Sensoren als Ohren und dem Kameraauge - denn der Humanoid ist in sechs Teile zerlegbar, die auch alle unabhängig voneinander funktionieren. So sollte Myon sukzessive lernen, das Künstlerteam und die Oper kennen- und wiederzuerkennen - und den Kosmos der großen Gefühle Schrittchen für Schrittchen abspeichern.

«In vieler Hinsicht ist Myon derzeit auf dem Stand eines einjährigen Kindes», berichtet Hild. So kann der Roboter mit einiger Mühe alleine stehen, aber fürs Gehen braucht er oft noch Unterstützung. Auch Raumorientierung und optische Aufmerksamkeit entsprechen in etwa den Fähigkeiten eines Kleinkindes. In anderer Hinsicht, beim Hören, Erkennen und Intonieren von Melodien etwa, ist Myon schon weiter. Und den Dirigenten Arno Waschk beispielsweise erkenne er an den typischen Armbewegungen wieder, sagt Hild. «Er hat eine Art Erlebnisgedächtnis.»

Das kommt Myon jetzt bei der Oper zugute, in deren künstlerischem Mittelpunkt er steht. Wie Eliza Doolittle im Musical «My Fair Lady» durch ihren Mentor von der Blumenverkäuferin mit Sprachfehler zur weltgewandten Dame wird, so versucht auch Gob Squad, den Roboter zu formen. Als Regisseure und auch als Bühnenakteure neben den Solisten und Chören der Oper wirken sie mit. Sie füttern Myon mit den in der Opernwelt allgegenwärtigen großen Gefühlen - und versuchen, ihm diese auch wieder abzuringen. Künstlerisch gipfelt das in einer bildgewaltigen Szene im Stil von Leonardos Abendmahl, in dem Myon wie eine Jesusgestalt geopfert, in seine sechs Teile zerlegt und schließlich wieder zusammengefügt wird.

Rein technisch hingegen - so räumt Hild ein - ist dieser offene Lernprozess bei dem Roboter bislang noch überschaubar. Er reagiert auf der Bühne autonom, aber nicht in dem Sinne überraschend, dass er plötzlich spontan losredet oder weggeht. «Durch die Arbeit der vergangenen zwei Jahre ist jedoch für unsere Auswertungen im Forschungslabor eine riesige Datenbank entstanden.» Die gelte es künftig auszunutzen, auch um die Grundprogrammierung der insgesamt fünf Myon-Modelle zu verbessern.

Und auch von eigenen Gefühlen ist Myon nach Ansicht Hilds gar nicht mehr so weit entfernt: «Angst, Zufriedenheit und Neugier werden seine ersten Emotionen sein. Oder auch Schmerz, beispielsweise wenn ein Gelenk heiß läuft.» Wie weit die Education sentimentale des Roboters letztlich voranschreitet, wird wohl von zwei Dingen abhängen. Hild: «Theoretisch könnte dieser Lernprozess noch 100 Jahre so weiter gehen, aber wir brauchen natürlich zum einen Forschungsgelder und dann immer wieder neue Nachwuchsforscher, die viel Zeit mit Myon verbringen.»

Komische Oper zu My Square Lady

Forschungslabor Neurorobotik zu Myon

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