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Orpheus und die lange Sommernacht in Essen

Essen (dpa) Drei Künstler schickte die Essener Philharmonie am Samstag in einer langen Sommernacht mit ihren Werken ins Rennen: Wer würde den Orpheus-Mythos, eine der rührendsten Liebesgeschichten Europas, am überzeugendsten interpretieren?

Monteverdi mit seiner Oper «L'Orfeo» (1607), Elfriede Jelinek mit der Uraufführung ihres Monodrams «Schatten (Eurydike sagt») (2012) oder Patrick Delcroix mit seinem Ballett «Cherché, trouvé, perdu» (2010)?

«Cherché, trouvé, perdu» - «Gesucht, gefunden, verloren»« rafft die Fabel geschickt zusammen. Das Glück von Orpheus und Eurydike ist ungetrübt, als eine Schlange Eurydike beißt, sie stirbt. Orpheus ist untröstlich. Doch er ist Künstler. Wo andere ihre Trauer in der Brust verschließen müssen, kann Orpheus seine Tränen in Gesang umwandeln - seine Lieder vermögen Steine zu erweichen. Der Totengott, von Orpheus im Innersten erschüttert, erlaubt dem Sänger, Eurydike aus der Nacht der Schatten ans Licht zurückzubringen, wenn - ja wenn die beiden sich auf dem Rückweg nicht anschauen. Doch genau dieses Gebot bricht Orpheus. Eurydike, schon fast gerettet, muss ins Land der Schatten zurückkehren, nun endgültig.

Während die konzertant aufgeführte Oper dem Mythos wenig hinzufügte und das Ballett, das im nächtlichen Stadtgarten über die Bretter ging, moderne Liebespaare bei kurzen Begegnungen zeigte, war Jelineks Deutung origineller. Die österreichische Nobelpreisträgerin erzählt, was alle schon lange wissen wollten: Die wahre Geschichte aus der Perspektive von Eurydike. Deshalb auch die Ergänzung des Titels «Eurydike sagt».

Sie ist schon länger tot, ihre Existenz fast vollständig in einen Schatten verwandelt. Die Handlung setzt ein, als sie innehält und, vom Einfluss ihres Gatten mächtig angezogen, langsam wieder zu den Lebenden zurückkehrt - gegen ihren Willen. Eurydike hat schon in der Schattenwelt gelebt, als sie auf Erden wandelte - das Schicksal der Frauen bedeutender Männer.

Johanna Wokalek («Der Baader Meinhof Komplex», «Die Päpstin») als Eurydike deutet an, dass die Sängergattin von Eifersucht gequält wird. Orpheus, ein weltberühmter Rockstar, bringt junge Mädchen zu hysterischem Kreischen, wenn er auftritt. Eurydike kritisiert ihre jungen Rivalinnen mit schneidender Schärfe und schreckt vor den derbsten Worten nicht zurück. Elfriede Jelinek, seit ihren Jugendtagen eine radikale Feministin, hält jungen Frauen von heute vor, weniger auf ihren Kopf hören als auf andere, minder edle Organe.

Wokalek arbeitet ohne Regisseur, die Schauspielerin hat die Strichfassung selbst hergestellt. Das Subtile des Textes geht ihr dabei mitunter verloren - hat Jelinek sich doch mit ihrem Werk etwa an Ovids «Metamorphosen» angelehnt und deutet den Mythos damit tiefenpsychologisch vor allem mit Begriffen Freuds. Das Schauspiel bleibt dennoch ein geistsprühendes Meisterwerk voller Humor.

Dagegen haben Thomas Hengelbrock und sein Balthasar-Neumann-Ensemble mit ihrer eher konventionellen Interpretation von Monteverdis Oper «L'Orfeo» keine echte Chance. Die Ballettinszenierung von Patrick Delcroix setzt sich mit der Liebe in unserer Zeit auseinander, mit Orpheus hat seine moderne Choreographie von «Cherché, trouvé, perdu» wenig zu tun.

Die Ensembles absolvieren ihre Auftritte makellos, wirken aber angesichts von Jelineks «Enthüllungen» weniger scharfsinnig. So kommt es zu dem verblüffenden Ergebnis, dass bei einem Mythos über einen Sänger nicht Oper oder Tanz sich als adäquateste Gattung entpuppen, sondern das Schauspiel.

Neben Beifall für die scharfsinnige, humorvolle, gesellschaftskritische und unterhaltsame Elfriede Jelinek gebührt den kühnen Essenern Anerkennung. Mit ihrem mehr als fünf Stunden langen Orpheus-und-Eurydike-Abend hat die Philharmonie eine ebenso amüsante wie substanziell schwergewichtige Mittsommernacht gestaltet, hinter die eine Neudeutung des Mythos nicht wieder zurückfallen sollte. Das animierte Publikum sparte nicht mit Beifall.

Ankündigung des Abends

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