Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung
Anzeige
Anzeige

Ost-West-Geschichte: Peter Hacks' Briefe an die Mutter

Berlin (dpa) Eine Zeitreise der besonderen Art bietet die Literaturzeitschrift «Sinn und Form» in ihrer jüngsten Ausgabe. Es handelt sich um Briefe des DDR-Autors Peter Hacks (1928-2003) an seine Mutter, die nach der Übersiedlung ihres Sohnes in die DDR in Bayern geblieben war.

Ost-West-Geschichte: Peter Hacks' Briefe an die Mutter

Der 1955 von Bayern in die DDR übergesiedelte Schriftsteller Peter Hacks (Archivbild) schrieb jahrelang Briefe an seine im Westen gebliebene Mutter. Foto: dpa

Sie lassen bei einigen Lesern möglicherweise das früher gern verwendete Klischee des «Salonkommunisten» wieder aufleben - eines Intellektuellen, der mit den kommunistischen Ideen sympathisiert, ohne dabei auf die Annehmlichkeiten des Westens verzichten zu wollen.

So bittet der 1955 in die DDR gegangene Autor, der mit seinem Theaterstück «Die Sorgen und die Macht» in seiner neuen politischen Heimat aneckte und mit seinem internationalen Bühnenerfolg «Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe» auch im Westen viel gespielt wurde, seine Mutter um Pakete mit Konsumartikel, die er in der DDR vermisste. Dazu gehörten Kaffeemaschinen, Kisten mit Essig, Kräutern, Käse und Seife. Gleichzeitig enthalten die über 450 Briefe, die Hacks bis zu ihrem Tod 1972 an seine Mutter schickte, auch Kommentare zur aktuellen Kulturpolitik und zum Zeitgeschehen.

Der Autor spart dabei auch nicht mit Urteilen über Zeitgenossen, wie den Philosophen Wolfgang Harich, der «mehr gescheit als angenehm ist», oder den Literaturwissenschaftler Hans Mayer, der später die DDR verlassen sollte. Der sei «bezaubernd und ein richtiger berliner Literaturjude». Der in den Westen gegangene Schriftsteller Uwe Johnson, «der aus irgendwelchen PEN-Gründen da war», sei ein «baumdicker Urwaldmensch, eine Art Urklotz, und sein Wesen ist von so tödlicher Humorlosigkeit wie seine Bücher». 1962 lernt Hacks einen «äußerst begabten Knaben namens Biermann» kennen, was ihn nicht daran hindern wird, die Ausbürgerung des kratzbürstigen Liedermachers aus der DDR 1976 wie zuvor auch schon den Mauerbau 1961 zu begrüßen.

Hacks blickt auch durchaus kritisch auf seine DDR-Umgebung, vor allem wenn es um seine Kollegen geht. Beim jährlichen Empfang des Aufbau-Verlags sei es «wie immer sehr lustig» gewesen, «die Dichter zeigten sich allesamt heiter, unbotmäßig und besoffen». Den jüngeren Lyriker-Nachwuchs bedachte er wenig freundlich und sprach von «dieser kommenden Gammler-Generation».

Literaturwissenschaftler Gunther Nickel betont in einem Begleittext zu den Briefen, Hacks habe sich «weder im Privaten noch im Politischen und schon gar nicht im Ästhetischen jemals opportunistisch verhalten, seiner Irrtümer schämte er sich nicht und sah auch sonst keinen Anlass, Dokumente seines Lebens der Nachwelt vorzuenthalten». Es gebe auch nicht den geringsten Anhaltspunkt dafür, dass Peter Hacks die Entscheidung, in die DDR zu ziehen, jemals angezweifelt habe.

Dass sich viele seiner Hoffnungen nicht erfüllten und er unzufrieden war mit der politischen Entwicklung, stehe aber ebenso außer Frage. Die Wende 1989 war für Hacks schlicht eine «Konterrevolution». Unzufriedenheit der Familie gegenüber zu äußern, «verbot er sich, um nicht wieder erklären zu müssen, warum er der DDR dennoch die Treue hielt», betont Nickel. Und auf vielerlei westliche Konsum-Annehmlichkeiten musste Hacks ja auch nicht verzichten.

«Sinn und Form - Beiträge zur Literatur», 3. Heft 2012, herausgegeben von der Akademie der Künste in Berlin, 430 Seiten, 9 Euro, ISBN 978-3-943297-05-8

Sinn und Form

Peter Hacks Website

Peter-Hacks-Gesellschaft

THEMEN

Anzeige
Anzeige
Das könnte Sie auch interessieren

Buch

Maja Lunde ist Botschafterin der Bienen

Oslo (dpa) Maja Lunde wollte eigentlich nur ein Buch schreiben, das sie selbst gern lesen würde. Das Ergebnis, "Die Geschichte der Bienen", gefällt auch Tausenden Lesern. Doch die Norwegerin ist mit dem Thema Klima noch nicht fertig.mehr...

Buch

Verbrechersuche in den italienischen Alpen

Berlin (dpa) Abseits von Donna Leon oder Andrea Camilleri haben es italienische Krimi-Autoren nicht leicht. Dass trotzdem spannende Literatur geschrieben wird, beweist der neue Roman von Donato Carrisi.mehr...

Buch

Autor Franzobel erhält Nicolas-Born-Preis

Hannover (dpa) "Das Floß der Medusa" war für den Österreicher der größte literarische Erfolg in Deutschland. Für sein Werk wird er mit dem Nicolas-Born-Preis geehrt. Als Debütatin wird Julia Wolf ausgezeichnet.mehr...