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«Parsifal» in Bayreuth gefeiert

Bayreuth (dpa) Eine Zeitreise durch die Irrungen und Wirrungen der deutschen Geschichte - so sieht der norwegische Regisseur Stefan Herheim den «Parsifal» in seiner Neuinszenierung bei den Bayreuther Festspielen.

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Christopher Ventris als "Parsifal" in Bayreuth

Detlef Roth (l) als Amfortas und Kwangchul Youn (r) in der Rolle des Gurnemanz in Bayreuth.

Detlef Roth als Amfortas in Bayreuth

Christopher Ventris (m) als Parsifal umringt von Blumenmädchen und Krankenschwestern.

Mihoko Fujimura (r) als Kundry in Bayreuth

Christopher Ventris als "Parsifal" und Mihoko Fujimura in der Rolle der Kundry in Bayreuth.

Die subtile Interpretation, die mit plakativen Bildern und einer exakten Personenregie besticht, erntete bei der Premiere zum Festspielauftakt einhellige Zustimmung und wurde mit großem Applaus gefeiert, der auch die glänzend disponierte Sängerriege einschloss. Dagegen musste der italienische Dirigent Daniele Gatti für seine pathetisch-feierliche Auslegung der Partitur einige Buhrufe einstecken.

«Parsifal» hat schon immer eine besondere Rolle in der Bayreuther Festspielgeschichte gespielt, denn Richard Wagner hat sein Spätwerk speziell für das Festspielhaus geschrieben, wo es 1882 uraufgeführt wurde. Herheim knüpft an diesen Mythos an und verortet seinen «Parsifal» direkt in Bayreuth: Als Kulisse dient im Bühnenbild von Heike Scheele Haus Wahnfried, einst Richard Wagners Bayreuther Villa. Bayreuth wird so zum Stellvertreter-Ort für deutsche Geschichte schlechthin.

Schon zur Ouvertüre hebt sich der Vorhang, und man sieht Parsifal als kleinen Jungen, der den Tod seiner Mutter Herzeleide mit ansehen muss. Sie stirbt in einem großen weißen Bett in der Bühnenmitte, das zentrale Bedeutung in der Inszenierung bekommen soll: Später wird hier die Mutter den Sohn gebären und Gralskönig Amfortas den Reizen Kundrys verfallen. Geschickt spielt Herheim mit verschiedenen Ebenen und Identitäten, zeigt in Rückblenden und Zeitsprüngen die Entwicklung des «reinen Toren» Parsifal, der vom Kind zum Mann und schließlich zum Erlöser reift.

Die Handlung ist - auch über filmische Einblendungen - verwoben mit den Stationen der oft unheilvollen deutschen Geschichte. Im Wahnfried-Garten versammelt Herheim eine bunte, geflügelte Gesellschaft des Wilhelminischen Kaiserreichs. In ironischer Brechung spiegelt der Regisseur die Erlösungssehnsucht der feinen Damen und Herren, die unschwer als Wagnerianer zu erkennen sind, Pilger zu ihrem «Heiligtum» - dem Grab des Meisters Richard Wagner.

Klingsors Zauberreich im zweiten Akt ist ein Lazarett aus dem Ersten Weltkrieg, wo Krankenschwestern und Blumenmädchen es auf Feldbetten mit den Verwundeten treiben. Der Zauberer selbst ist eine skurrile Gestalt in Frack und Strapsen. Ausgestattet mit aufwendigen, farbenfrohen Kostümen und fantastischem Kopfputz (Kostüme: Gesine Völlm), umschwärmen seine Mädchen den stattlichen Parsifal, der - von einem Stuntman gedoubelt - von Wahnfrieds Balkon sogar sechs Meter in die Tiefe springt.

Später werden - unwillig begleitet von einem Buh-Rufer im Zuschauerraum - Hakenkreuzfahnen aufgezogen, die Blumenmädchen marschieren als SS-Trupp auf. Doch der Spuk dauert nur kurz - dann brennt Wahnfried, von Bomben getroffen, und der Adler mit dem Hakenkreuz in den Krallen wird gesprengt. Vor den Ruinen der Villa ziehen Trümmerfrauen auf, und Regisseur Herheim entbietet in kurzer Botschaft Wieland und Wolfgang Wagner seinen Gruß, die die Festspiele 1951 wieder ins Leben gerufen haben.

Die letzte Verwandlung führt - als Sinnbild der schließlich siegreichen Demokratie - in den alten Bonner Bundestag, mit Amfortas am Rednerpult und dem weiß gekleideten Parsifal als Erlöser. Im fast schon kitschig wirkenden Schlussbild erscheint die Weltkugel als Symbol der Vereinten Nationen, darüber schwebt die Friedenstaube - oder ist es der Heilige Geist? -, und in einem Spiegel im Bühnenhintergrund sieht das Publikum sich selbst.

Herheim ist - auch dank einer exzellenten Lichtregie - eine weitgehend stimmige, weihevolle Inszenierung gelungen. Manche Symbolik freilich wirkt allzu dick aufgetragen, eine Nummer kleiner hätte manches Mal auch gereicht. Doch zweifellos hat das Bayreuther Publikum nach Christoph Schlingensiefs höchst umstrittener Bilderflut nun wieder einen «Parsifal», an dem es sich über Jahre freuen wird.

Das dürfte weniger für die musikalische Auslegung durch Daniele Gatti gelten. Positiv fällt zwar auf, wie gut Musik und Szene aufeinander abgestimmt sind; auch führt der Maestro das auf hohem Niveau musizierende Festspielorchester zurückhaltend und sängerfreundlich. Doch Gatti zerdehnt den «Parsifal» in schleppenden, getragenen Tempi und langen Pausen auf satte vier Stunden und 40 Minuten - da mag sich manch ermüdeter Besucher ein wenig mehr italienisches Temperament wünschen.

Das Sängerensemble präsentierte sich ausgezeichnet geführt und verband große Spielfreude mit nuanciertem Gesang und guter Textverständlichkeit. Die beiden Bayreuth-Debütanten Christopher Ventris als schmerzlich gereifter, «durch Mitleid wissend» gewordener Parsifal und Detlef Roth als leidender Amfortas gefielen mit variabler Stimmführung und Ausdruckskraft. Kwangchul Youn wurde für seine emotionale Darstellung des Gurnemanz gefeiert. Thomas Jesatko gab einen schmeichlerisch-herrischen Klingsor, Mihoko Fujimura eine sphinxhafte, ungemein wandelbare Kundry, die sich mal als braves Dienstmädchen, dann wieder als blonder Marlene-Dietrich-Verschnitt zeigt. Aus der Tiefe überzeugte Diógenes Randes als Titurel. Bravorufe galten dem von Eberhard Friedrich bestens vorbereiteten Chor.

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