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Pilger, Freiwillige, Geistliche: Deutsche in Jerusalem

Jerusalem. Brennende Flaggen, Steinewerfer: Im Jerusalem-Streit lösen Bilder von Konfrontationen zwischen Palästinensern und israelischen Soldaten im Heiligen Land Sorge in Deutschland aus. Doch Deutsche in Jerusalem sagen: alles halb so schlimm.

Pilger, Freiwillige, Geistliche: Deutsche in Jerusalem

Blick über die Altstadt von Jerusalem. Foto: Stefanie Järkel

Vier Wochen reisen im Heiligen Land - Jerusalem, Bethlehem, die Negev-Wüste. Pfarrer Holger Zizelmann von der Schwäbischen Alb gönnt sich nach seinem 50. Geburtstag den ersten Besuch seines Lebens in Israel und den Palästinensergebieten.

„Ich habe natürlich nicht gewusst, in was für eine globale Lage ich da rein gerate“, sagt Zizelmann in der Dormitio-Abtei am Rande der Altstadt von Jerusalem.

US-Präsident Donald Trump hat am Mittwoch in einem historischen Alleingang Jerusalem als Israels Hauptstadt anerkannt und angekündigt, die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen. Die Entscheidung Trumps löste Unruhen im Heiligen Land aus, bei denen vier Palästinenser getötet und Hunderte verletzt wurden.

Am Donnerstag ist Pfarrer Zizelmann in Israel gelandet, das Wochenende hat er in Jerusalem verbracht. Und? „Es relativiert sich oft vor Ort“, sagt er über die Situation und die Berichterstattung in den Medien. „Ich habe das Gefühl gehabt, ich kann mich frei bewegen.“ Am Freitag habe er das arabische Viertel in der Altstadt gemieden. Aber am Samstag sei er durch das Damaskustor zur Altstadt gegangen, ein Brennpunkt auch in den aktuellen Unruhen.

„Da war dann schon ein Stück mehr Militärpräsenz“, sagt Zizelmann - und sehr viele Journalisten mit Kameras. „Die haben gewartet, bis etwas geschieht, das war ein ganz komisches Gefühl, zwischen zynisch und leicht erheiternd.“ Ein Stück weiter hätten sich Jugendgruppen zusammengeballt, berittene Polizei sei unterwegs gewesen, Rettungswagen hätten schon bereit gestanden. „Da lag wirklich so eine Spannung in der Luft, das sah brenzlig aus, das war schon auch erschreckend.“ Er sei dann schnell weggegangen. Ein paar Hundert Meter weiter hätten Touristen wieder Souvenirs gekauft.

Die Bilder von brennenden Flaggen im Heiligen Land, palästinensischen Steinewerfern und israelischen Soldaten, die Tränengas einsetzen, haben Besorgnis auch in Deutschland ausgelöst. Doch deutsche Urlauber kommen weiterhin nach Jerusalem, wie Daniela Epstein vom Reiseanbieter Sar-El Tours sagt.

„Wir haben mehrere Tausend deutsche Touristen pro Jahr, wir haben keine einzige Stornierung“, sagt die Israelin mit deutschen Wurzeln. Noch am Sonntag seien drei Gruppen in Bethlehem im Westjordanland gewesen. Dort steht die Geburtskirche. An dieser Stelle soll nach christlichem Glauben Jesus Christus geboren worden sein.

„Mir ist nicht bekannt, dass einer aus diesen Gruppen unsicher war und abreisen wollte“, sagt Epstein. Natürlich würden jetzt Gruppenleiter für künftige Reisen anrufen und nachfragen, was sie ihren Urlaubern sagen sollen. „Ich war ununterbrochen in der Altstadt, kreuz und quer in der Stadt unterwegs, die Altstadt ist voller Touristen“, ist Epsteins Antwort. „Man muss einfach etwas Geduld haben und abwarten, was geschieht.“

Epstein betont, dass viele Palästinenser kein Interesse an einem neuen Aufstand hätten. „Mindestens 50 Prozent der Arbeitskräfte sind in Hotels tätig, in Restaurants, als Chauffeure“, sagt Epstein. Der Tourismus schafft Arbeitsplätze, versorgt Familien. Blutige Unruhen würden vor allem zahlungskräftige Besucher abschrecken.

Nach Angaben des israelischen Tourismusministeriums sind in den ersten zehn Monaten des Jahres insgesamt 180.000 Deutsche ins Land gereist - ein Anstieg von 32 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Damit bilde Deutschland die viertgrößte Touristengruppe nach den USA, Russland und Frankreich, sagt eine Ministeriumssprecherin.

Viele Deutsche kommen in Gruppen, um die christlichen Heiligtümer zu besuchen. Neben der Geburtskirche steht dabei stets die Grabeskirche in Jerusalem auf dem Programm. Die Grabeskirche steht an der Stelle, wo nach christlicher Überlieferung Jesus Christus gestorben und wieder auferstanden ist.

Grundsätzlich sicher fühlt sich auch Andreas Göbel, der seinen Freiwilligendienst in der Dormitio-Abtei am Rande der Altstadt absolviert. „Am Donnerstag hat man gemerkt, dass etwas anders ist, wegen des Generalstreiks war es beklemmend leer“, sagt der 18-Jährige über die Situation in der Altstadt. Nach der Entscheidung Trumps hatten die Palästinenser einen Streik ausgerufen.

Die Läden in der Altstadt blieben fast alle zu. „Ich würde mich jetzt nicht den ganzen Tag ans Damaskustor stellen, aber das würde man in Deutschland auch nicht tun, wenn es irgendwo Proteste gibt.“ Seit August lebt der junge Mann aus der Nähe von Darmstadt in Jerusalem, im Januar geht es für ihn wieder zurück nach Deutschland.

„Das ist relativ schnell abgeklungen, wie es weiter geht, weiß man nicht“, sagt Wolfgang Schmidt, Propst der evangelischen Erlöserkirche in der Altstadt, über die Proteste in Jerusalem. „Anders sieht es natürlich im Westjordanland aus, wo es eben auch Verletzte gegeben hat.“ Er habe es aktuell auch vermieden, nach Bethlehem zu fahren. In der Jerusalemer Altstadt könne man sich dagegen weitgehend unbeeinträchtigt bewegen.

Im Sommer während der Tempelberg-Krise sei die Situation anders gewesen, sagt Schmidt. Damals hatte Israel nach einem tödlichen Anschlag zusätzliche Sicherheitskontrollen für muslimische Gläubige eingeführt. Die Folge waren tagelange Unruhen, gerade auch in Jerusalem. Israel baute die Sicherheitsschleusen letztlich ab. „Jetzt ist das eben ein Protest, von dem man nicht erwarten kann, dass er an den Tatsachen noch etwas ändert“, sagt der Propst.

Der Tempelberg (Al-Haram Al-Scharif: Das edle Heiligtum) mit der Al-Aksa-Moschee und dem Felsendom ist eines der wichtigsten Heiligtümer im Islam. Am Fuße des Hügels befindet sich die Klagemauer. Das wichtigste Heiligtum aller Juden weltweit.

Barbara-Anne Podborny, Leiterin des Lutherischen Gästehauses in der Altstadt, hat am Sonntagabend sechs Zimmer mit deutschen Gästen belegt, alle neu angereist. Am Samstag hatte eine deutsche Gruppe für Januar zunächst ihre Reise storniert. „Dank der hervorragenden Berichterstattung im deutschen Fernsehen“, schimpfte Podborny noch am Sonntag.

„Es ist eine Darstellung von Gefahr, die von mir de facto so nicht erlebt wird, und meiner Meinung nach auch nicht vorhanden ist.“ Die Medien berichteten natürlich nicht über die Orte, wo es ruhig sei. Letztlich habe sich die Gruppe aber umfassender informiert - und komme nun doch. Für Weihnachten seien alle 34 Zimmer gebucht.

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