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Protest gegen Properes: die Kleider der 68er

Hamburg. Auch modisch war 1968 ein tiefer Einschnitt. Alles Adrette galt als bürgerlich. Hippiekleider, lange Haare und Etno-Schmuck zeugten von einer Sehnsucht nach Freiheit.

Protest gegen Properes: die Kleider der 68er

Lächelnd posieren 1969 zwei Models in einem sehr freizügigen Outfit. Der sogenannte „Adam und Eva-Look“ wurde von dem Münchner Modeschöpfer Arno Eichhammer kreiert. Foto: Horst Ossinger

Eine der spektakulärsten Mode-Storys der 68er entpuppte sich später als Legende. Die berühmte Büstenhalterverbrennung als Protest gegen das gängige Frauenbild in Atlantic City 1968 hat es so nie gegeben.

Wohl aber warfen damals Hunderte von Feministinnen während einer Miss-America-Wahl Kleidung in eine große Mülltonne. Stilettos, der Miedergürtel für eine schlanke Taille und eben BHs waren aus ihrer Sicht Symbole weiblicher Unterdrückung. Diese Aktion kann - auch ohne Feuer - als Schlüsselszene der Moderevolution der 1968er stehen: Alles, was einengte, musste weg.

Bei den Frauen eignete sich kaum ein Kleidungsstück zur Entsorgung so gut wie der BH. Schließlich war er das Überbleibsel des Korsetts, dem Einzwänger par excellence. Zudem verwies die nackte Brust auf eine Befreiung der weiblichen Sexualität. Mit dem BH flogen Kostüme und Krawatten, Oberhemden, Hosenträger und sorgsam frisierte Haare zunächst in die Abstellkammer des Zeitgeists. Die scharfkantige, klar definierte Ästhetik der Vorjahre verschwand.

„Mit den 1968ern brach die Modernität der 1960er ab“, sagt Elke Giese, Modejournalistin und langjährige Ressortleiterin beim Deutschen Mode-Institut. „Es waren nicht mehr so sehr der Minirock oder die strengen Kurzhaarschnitte, es war nicht mehr der Look von Courrèges. Es gab stattdessen eine umfassende Romantik.“

Weite Kleider, Rüschenblusen, Schlaghosen, Lottermäntel, zerfetzte Felljacken und Ethno-Schmuck gehörten zum Kleidercode der Hippie-Bewegung. Eigenhändig gefärbte Blusen und Hemden liefen der Laufstegmode den Rang ab. Und dazu trugen Frauen wie Männer die Haare lang und offen. Alles sollte ungehemmt sprießen, auch die Bärte.

„Lange Haare waren das Protestzeichen schlechthin“, sagt Giese, die damals 18 Jahre alt war und in Ost-Berlin lebte. „Man trug lange Locken oder glatte Schnittlauchhaare. Dazu ging man barfuß und trug lange, oft selbstgeschneiderte Röcke.“ Dazu kam der Wunsch nach einer unverkrampften Beziehung zum eigenen Körper und seiner Sexualität. Der Star-Designer Yves Saint Laurent entwarf damals für die Haute Couture durchsichtige schwarze Blusen, die ohne Unterwäsche getragen wurden.

„Der Hauptantrieb war natürlich Protest“, erklärt die Mode-Expertin. „Man konnte die Eltern wahnsinnig mit dem ärgern, was man anzog.“ Es gab eine umfassende politische Bewegung, die eine freie und friedliche Gesellschaft jenseits der Nazi-Vergangenheit schaffen wollte und Blumenmuster sowie Nacktheit zum politischen Symbol erhob. Gleichzeitig gab es auch Protestgesten auf der privaten Ebene: „Wenn man daran denkt, dass Unverheiratete sich nicht mal ein Hotelzimmer nehmen konnten, kann man sich vorstellen, dass bei den jungen Leuten ein enormer Druck herrschte.“ Viele wollten nach Kräften aus Biederkeit und Alltagsmuffigkeit ausbrechen.

Die größte Provokation dabei lag im Aushebeln des Bildes von Sauberkeit und Ordnung. Im Straßenbild tauchten Typen auf, die von der älteren Generation oft nur als Gammler bezeichnet wurden: Lange und strähnige Haare gehörten dazu genauso wie abgeranzte Parkas, schluffige Pullover und zerrissene Jeans. Perfekt verkörpert wurde der Hippie-Look vom Traumpaar der 1968er - Uschi Obermaier und Rainer Langhans.

„Man wollte gegen das Propere, Saubere, Anständige protestieren“, analysiert Giese. Denn das stand letztlich für die alte Ordnung, deren Strukturen man auch mehr als 20 Jahre nach dem Ende der Nazizeit noch wahrnehmen konnte. „Es war, wenn auch oft unbewusst, eine Kulturrevolution“, sagt die Berliner Mode-Expertin.

Die Folgen reichen bis heute: Verbindliche Moderegeln haben die 68er zum großen Teil abgeschafft, selbst wenn Anzüge und Kostüme, Krawatten oder BHs längst wieder von vielen wie selbstverständlich angezogen werden. Vor allem in der Freizeit-Mode gibt es kaum noch irgendein Muss. „Geblieben ist eigentlich die Erfahrung, wie bequem es sich ohne Mode lebt“, sagt Giese. „Das hat sich nicht zurückgedreht.“

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